Open Source: Viele unbekannte Programmierer sorgen dafür, dass die Menschen sich zurechtfinden im Netz. 
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BerlinAb in den Maschinenraum des Internets. Genau dorthin, wo die Programmierer meistens im Stillen alleine oder gemeinsam tüfteln. Suchanfragen, Kommunikation, die ganze grundlegende Infrastruktur würde nicht funktionieren, wenn es diese Experten im Hintergrund nicht gäbe. Denn nur wenn der Befehlstext, eigentlich Quellcode genannt, auch stimmt, funktionieren die Programme, läuft das System stabil. Ansonsten gibt es Fehlermeldungen oder Systemausfälle.

Eine große Verantwortung und ein enormes Gestaltungspotenzial haben diese Frauen und Männer also, weil sie die Struktur des Netzes gestalten und Innovationen möglich machen können. Zehn Jahre lang haben sich die Experten der Cyberwelt in der Hauptstadt bei der Konferenz „Berlin Buzzwords“ getroffen, um sich zu vergewissern, auch auf dem neuesten Stand der Daten-Technologie zu sein, diesmal muss es online passieren. Es wird um technische Fragen gehen, vor allem um die Bereiche Suchen, Speichern und Skalieren, aber auch ethische und gesellschaftliche Themen stehen auf dem Programm.

Die Bestimmungen in der Corona-Zeit machen Veranstaltungen dieser Art im öffentlichen Raum allerdings unmöglich, aber Aufgeben war keine Option für die Initiatoren um Andreas Gebhard, der auch Mitbegründer und Geschäftsführer der Gesellschaftskonferenz re:publica ist, und sein Team. Also wird die Tagung ins Netz verlagert.

Am Sonntag geht es los, dann folgen fünf weitere Tage mit Programm, aus europäische Sicht immer nachmittags und abends, damit die weltweite Gemeinde auch halbwegs ausgeschlafen und noch nicht komplett übermüdet an der Veranstaltung teilnehmen kann. Nach vier Stunden ist dann Schluss, die Teilnehmer sollen nicht überfordert werden.

Die gemeinsame Basis ist der „Open Source“-Gedanke. Damit ist gemeint, dass der Quellcode für alle sichtbar ist, und wer will, kann auch jederzeit seine Expertise in Projekte einbringen. Die Idee dieser Art der Kollaboration erlebt gerade auch deshalb große Aufmerksamkeit, weil ein digitales Prestigeprojekt der Bundesregierung, die Corona-Warn-App, von SAP und Telekom auf dieser Open-Source-Basis gebaut wird.

Wie erfolgreich diese Methode sein kann, zeigte sich im vergangenen Jahr, als der chinesische E-Commerce- und Technologiekonzern Alibaba sich entschloss, das Berliner Start-up data Artisans zu übernehmen. Fachmedien berichteten von einer Kaufsumme in Höhe von 90 Millionen Euro. Alibaba hatte offensichtlich großes Interesse an einer Suchfunktion, die ursprünglich an den TU Berlin entwickelt worden war.

Ein anderes Beispiel: IBM übernahm das Software-Unternehmen Red Hat, ein Spezialist im Bereich Open Data, für angeblich 35 Milliarden US-Dollar. Diese Übernahme stelle „einen Triumph von Open-Source-Software“ dar, soll Tomasz Tunguz, ein Venture-Kapitalist, danach laut Dev-Insider gesagt haben.

Zu den Rednern bei „Buzzwords Berlin“ gehören auch Frauen und Männer, die von ihren Erfolgsgeschichten berichten können. Der Chefentwickler von Wikimedia ist dabei, Red Hat wird durch die Software-Expertin Sophie Watson vertreten, und selbst die Nasa schickt einen Sprecher an den Start. Dazu kommen die gesellschaftlichen Themen, stellvertretend sei Sakshi Shukla genannt. Die indische Studentin repräsentiert die Organisation WiMLDS, also Frauen im Bereich Datenwissenschaft und Maschinenlernen.

Die Tagung ist natürlich eine Leistungsschau, welche Ideen Veranstalter für die Gestaltung von Konferenzen in der Corona-Zeit haben. Die Jugendkonferenz tincon versuchte neulich in Deutschland zuerst, so etwas wie Internet-Fernsehen zu machen. Die Telekom probierte es bei Digital X damit, virtuelle Säle zu schaffen.

Erste Ansätze, aber es bleiben die Fragen: Wie lässt sich ein Gemeinschaftsgefühl im Netz herstellen, wie Räumlichkeit erzeugen und Bewegungsmöglichkeiten erschaffen? Genau das, was der Besuch von klassischen Konferenzen erwartet, aber im Netz bisher nicht erhält. Experten gehen ja davon aus, dass Digitalkonferenzen in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden, weil Arbeitgeber die Reisekosten sparen wollen. Nicht zu vergessen der ökologische Aspekt.

Paul Berschick ist als Projektmanager die treibende Kraft im Hintergrund der Konferenz. Er nennt zunächst Jitisi und BigBlueBotton als die Tools, die für Vorträge und Kollaborationen genutzt werden sollen. Aber es soll auch experimentelle Tools geben, in denen sich Besucher der Konferenz in sogenannten Breakout-Rooms treffen können. Zukunftsweisend ist so etwas wie Gather.town.

Der Administrator kann ein Konferenzgelände erschaffen, das die Teilnehmer mit ihren Avataren betreten sollen. Die Figur wird dann mit der Maus gesteuert. So kommt Bewegung in eine Unterhaltung. Und damit das nicht anonym wirkt, sind die Teilnehmer wie bei einer üblichen Videokonferenz auch im Bild zu sehen. Das Ganze hat die Anmutung der 80er-Jahre, als der Gameboy sehr populär war. Modzilla.hubs ist ein ähnliches Projekt, nur liebevoller und detailreicher gestaltet. Das führt zu einem hohen Datenverbrauch. Deshalb wird es bei der “Buzzwords” nicht genutzt.

Die Entwicklungen sind aber nur kleine Beispiele für das, um was es bei der Konferenz wirklich geht. Andreas Gebhard betont: „‚Open Source‘-Software ist die Bedingung für die Transparenz von IT-Strukturen und das Gegenteil von Monopolen, kann aber auch verwerflich genutzt werden. Dafür kann nur die Software nichts.”