Am 18. Dezember findet zum zweiten Mal der Wissenschaftstag der Gender Studies statt. Mitarbeiter von Universitäten aus ganz Deutschland informieren über die Ergebnisse der Geschlechterforschung. Unter dem Hashtag #4GenderStudies fassen sie auf Twitter kurz und knapp ihre Erkenntnisse zusammen. Auch Christine Bauhardt, Professorin an der Lebenswissenschaftlichen Fakultät der Berlin Humboldt-Universität, ist dabei. Ihr Fachgebiet: Gender und Globalisierung.

Frau Professor Bauhardt, Sie haben gerade ein Projekt abgeschlossen, bei dem Sie in Kenia Anbau und Vermarktung von afrikanischem Blattgemüse untersucht haben. Was hat das mit Geschlechterforschung zu tun?

Es geht um ein einheimisches Blattgemüse, das in Subsahara-Afrika wächst. Es ist sehr nahrhaft und gesund, aber schwierig zuzubereiten. Es dauert bis zu drei Stunden, um aus diesem Rohprodukt etwas herzustellen, das man genießen kann. Nur die kenianischen Frauen wissen, wie man es anbaut, kocht und eine schmackhafte Mahlzeit daraus macht. Es sind aber die Männer, die damit Geld machen.

Das Blattgemüse wird also seit einiger Zeit in größerem Stil vermarktet?

Es ist ein allgemeines Ziel der Politik, landwirtschaftliche Produkte dem Markt zuzuführen, um die Einkommenschancen von Frauen in Afrika zu erhöhen. Wir haben aber herausgefunden: Sobald Geld im Spiel ist, kommt es nicht den Frauen, sondern den Männern zugute. Die Frauen machen die anstrengende Arbeit, bauen es in ihren Hausgärten oder auf Brachflächen an. Die Männer vermarkten und verkaufen es. Sie erzielen den wirtschaftlichen Erfolg.

Wehren sich die Frauen dagegen?

Sie merken natürlich, dass das ungerecht ist. Es gibt vereinzelt Kooperativen, in denen sich Frauen organisieren und gemeinsam dieses Gemüse vermarkten, so dass das Geld in ihren Händen bleibt. Unabhängig davon war uns aber auch wichtig zu zeigen: Es sind nicht die Agrar-Multikonzerne, die die Welt ernähren, sondern die Frauen, die das Wissen und die Kompetenzen haben, mit den landwirtschaftlichen Rohprodukten umzugehen. Wir wollen zeigen, dass afrikanische Frauen eine aktive Rolle in der Ernährungssicherung spielen.

Die meisten Männer wüssten also gar nicht, wie sie das Gemüse so zubereiten sollten, dass man es auch essen kann?

Wir haben innerhalb unserer Studie nur einen einzigen jungen kenianischen Mann getroffen, der von sich sagte, er koche gerne und habe das auch von seiner Mutter gelernt. Er dürfe das aber nicht öffentlich tun, weil es das Bild seiner Männlichkeit in Frage stellen würde.

Wie ist es in Deutschland? Stehen die Männer mittlerweile öfter am Herd?

Deutsche Männer kochen schon mal ab und zu. Am Wochenende oder wenn Gäste kommen. Das alltägliche Kochen, die Routinearbeit, all die anstrengenden Arbeiten im Haushalt, die mit wenig Prestige verbunden sind, sind aber nach wie vor Frauenarbeit. Das zeigen die Zeitbudgetstudien des Statistischen Bundesamtes.

Und da hat sich gar nichts getan in den vergangenen Jahren?

Es gibt Ansätze, dass Männer mittlerweile etwas mehr zusätzliche Verantwortung in der Familie übernehmen, das betrifft aber nur die Kindererziehung. Für die weniger angenehmen Seiten der unbezahlten Arbeit, die Versorgung alter Menschen, sind nach wie vor Frauen alleine zuständig.

Und das machen sie meistens noch neben ihrem Beruf.

Ja, auch wenn bei uns heute die meisten Frauen erwerbstätig sind – häufig in Teilzeit – übernehmen sie zusätzlich auch noch die unbezahlte Sorgearbeit für Kinder oder ältere Menschen. Das ist produktive Arbeit, auch wenn dafür kein Geld fließt. Im Moment befinden wir uns in einer Krise der Sorgearbeit, die entweder bedeutet, dass Frauen permanent überlastet sind oder Frauen aus Osteuropa nach Deutschland geholt werden, um die Pflege alter, oft auch demenzkranker Menschen zu übernehmen.

Wird dieser Arbeit zu wenig Wert beigemessen?

Die Arbeit von Frauen wird permanent minderbewertet. Das gilt für den Bereich der unbezahlten Arbeit, das heißt für die Erziehung von Kindern und die Pflege älterer Menschen in der Familie. Und das gilt genauso für die entlohnte Arbeit im Sorgebereich. Erzieherinnen, Altenpflegerinnen, Krankenschwestern – das sind alles klassische Frauenberufe. Und sie werden alle viel zu gering bezahlt.

Warum gibt es so wenig Männer, die Altenpfleger oder Erzieher werden? Liegt es an der schlechten Bezahlung?

Nein, ich glaube nicht, dass das der zentrale Grund ist. Es liegt daran, dass unsere Gesellschaft die Erklärung erfunden hat, dass Frauen das alles qua Natur können. Wir nennen das die Naturalisierung von Frauenarbeit. Dahinter steht die Annahme, dass Tätigkeiten, die mit Menschen zu tun haben, also wenn es darum geht, emotional und mitfühlend zu sein, als natürliche Fähigkeiten der Frauen betrachtet werden, die man nicht bezahlen muss.

Wie lässt sich dieses Denken ändern?

Es ist in einem sehr langen Prozess entstanden, in dem sich das Wissen über die Welt, die ökonomische Organisation der Gesellschaft und der Geschlechterbeziehungen wechselseitig beeinflusst haben. Das kann man nicht von heute auf morgen ändern. Ich arbeite aber auch an einem Forschungskolleg mit, in dem wir uns mit den Perspektiven einer Postwachstums-Gesellschaft beschäftigen.

Was bedeutet das genau?

In diesem Projekt geht es darum, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der nicht das Prinzip des wirtschaftlichen Wachstums über allem steht. Wir suchen nach Wirtschaftsmodellen, bei denen die Verantwortungs- und Sorgearbeit im Zentrum steht. Hier könnte man auch die unbezahlte Arbeit, die bis jetzt von Frauen gemacht wird, anders organisieren.

Wenn Profitstreben nicht mehr über allem steht, werden andere Werte wichtiger, auf die man sich aber auch erst einmal einigen muss.

Es ergeben sich viele Fragen: Wie wollen wir als Gesellschaft zusammenleben? Welche Produkte wollen wir herstellen? Wollen wir vor allem Überschuss produzieren oder wollen wir das produzieren, was wir auch brauchen? Wie sollen Kinder betreut und erzogen werden? Was machen wir gegen den Pflegenotstand? Wir haben schließlich bis jetzt noch keine Lösung dafür, dass es in unserer Gesellschaft immer mehr ältere Menschen gibt.

Wie könnte das in einer Postwachstums-Gesellschaft gelöst werden?

Es könnte eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit geben, damit die Menschen mehr Zeit dafür haben, auch unbezahlte, aber gesellschaftlich notwendige und sinnstiftende Arbeiten zu übernehmen. Dazu gehört Kinder zu betreuen und alte Menschen zu begleiten. Diese Arbeit muss dann natürlich zwischen Männern und Frauen gleich verteilt werden.