Rio de Janeiro/Berlin - Seine Lehrer in Berlin konnten ihm als Teenager kaum noch etwas beibringen, und sein Doktorvater holt sich inzwischen Rat bei ihm. Der Mathematiker Peter Scholze (30) ist am Mittwoch mit der Fields-Medaille geehrt worden. Der Preis ist vom Prestige her mit dem Nobelpreis vergleichbar.

Scholze, geboren in Dresden, legte den Grundstein für seine Ausnahmekarriere in Berlin. Er besuchte das Heinrich-Hertz-Gymnasium, das auf Mathematik und Naturwissenschaften spezialisiert ist. Im Rückblick nennt er die Ostberliner Profilschule „einen Glücksfall“.

Preis ist mit 10.000 Euro dotiert

Die Internationale Mathematische Union verlieh Scholze die Medaille auf ihrem Kongress in Rio de Janeiro. Der Preis wird alle vier Jahre an bis zu vier herausragende Mathematiker vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert.

Bedingung ist, dass die Preisträger unter 40 Jahre alt sind. Für Scholze kein Problem - er war schon mit 24 Jahren der jüngste Mathematik-Professor Deutschlands.

„Ich brauche die Superlative nicht.“

Wie ein typischer Streber sieht Scholze, der heute an der Universität Bonn forscht und lehrt, nicht aus: schulterlange, braune Haare, schlanke Figur, schlichtes Hemd. Dazu kommt ein angenehmes Understatement: „Ich brauche die Superlative nicht. An sich habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich ein spezielles Talent besitze“, sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Mit dieser Meinung steht er allerdings ziemlich allein da: Unter Fachkollegen gilt Scholze als Ausnahme-Talent.

Forschung gilt als weltweit bahnbrechend 

Was er macht, ist für Laien schwer bis gar nicht verständlich. Der jetzt Geehrte forscht zur arithmetischen Geometrie und schafft Verbindungen zwischen verschiedenen Gebieten der Mathematik. Das hilft Fachleuten, Probleme in einem Bereich mit Ansätzen aus einem anderen zu lösen. Scholze blickt also über den Tellerrand der einzelnen Disziplinen und verknüpft Lösungsansätze.

Seine Forschung gilt als weltweit bahnbrechend und richtungsweisend. Er selbst sagt dazu: „Was mich interessiert, sind die ganzen Zahlen - also 1, 2, 3, 4, 5 und so weiter - und ihre Eigenschaften, also was für Gleichungen man damit lösen kann.“

Doktorvater: „Er ist inzwischen mein Lehrer.“

Sein Doktorvater Michael Rapoport, der 1967 am Berliner Heinrich-Hertz-Gymnasium Abitur machte, sagt neidlos: „Er ist der bessere Mathematiker als ich, er hat tiefere Einblicke als ich, er hat den besseren Überblick.“ Wie die Studenten hole auch er selbst sich Rat bei Scholze. „Er ist inzwischen mein Lehrer.“

Mit seiner Klarheit hat Scholze seine Mathe-Lehrer immer schon verblüfft. Dem Schulunterricht in Berlin folgte er nur mit halbem Ohr. „Er schüttelte dann Lösungsvorschläge aus dem Ärmel und konnte diese - zumeist lächelnd - an der Tafel sofort sauber und verständlich für alle darstellen“, heißt es noch heute am Heinrich-Hertz-Gymnasium.

Scholze habe im Unterricht lieber mathematische Fachliteratur gelesen oder Aufgaben höherer Stufen gelöst. Ab der 11. Klasse konnten die Lehrer ihm nicht mehr allzu viel bieten.

Fünf Jahre nach dem Abi bereits Professor

So kam Scholze schon als Gymnasiast an die Freie Universität. Mathe-Prof Klaus Altmann, ebenfalls Heinrich-Hertz-Absolvent, unterrichtete ihn individuell. Den Mathe-Leistungskurs besuchte der Begabte dann nur noch sporadisch. Bei Internationalen Mathe-Olympiaden für Schüler gewann er in den Jahren vor dem Abi drei Goldmedaillen hintereinander.

Scholze studierte Mathematik an der Universität Bonn, absolvierte seinen Bachelor in drei Semestern, seinen Master in zweien. Weil ihm in seinen Master- und Doktorarbeiten aufsehenerregende Durchbrüche gelangen, verzichtete die Hochschule auf eine Habilitation. 2012, fünf Jahre nach dem Abi, wurde Scholze Professor. Dabei spielte wohl auch ein bisschen Angst eine Rolle, Scholze könnte an eine andere namhafte Uni wechseln.

Das will er aber gar nicht: „Es hat mich nie so sehr gereizt, in die USA zu gehen, weil ich mich kulturell in Deutschland verankert fühle“, sagt er. Mathematik sei ohnehin eine sehr internationale Disziplin. „Wir behandeln alle dieselbe Mathematik. So etwas wie die deutsche Mathematik gibt es nicht.“ (dpa)