Sie heißen Lulu und Nana, kamen vor einigen Wochen in China zur Welt und sind – wenn die Berichte über sie stimmen – die ersten Babys, die nach einem nachhaltigen Eingriff ins Erbgut geboren wurden. Denn eine solche Keimbahntherapie galt bisher als ethisches Tabu.

Erbgut wurde mit Gen-Schere Crispr-Cas verändert

Wie die Nachrichtenagentur AP am Montag meldete, wurde das Erbgut der Zwillingsmädchen mithilfe der Genschere Crispr-Cas verändert. Der Eingriff ist bleibend, denn er erfolgte im Rahmen einer künstlichen Befruchtung bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Damit vererben die Mädchen die Genkorrektur auch an ihre Nachkommen.

He Jiankui von der South University of Science and Technology in Shenzhen hat dem Bericht zufolge die molekulare Eintrittspforte entfernt, durch die HI-Viren Menschen infizieren können. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung zu seinem Projekt gibt es bisher nicht. Lediglich im chinesischen Register für klinische Studien findet sich ein Eintrag dazu. Außerdem existiert ein Youtube-Video, in dem He Jiankui den Eingriff erläutert.

Der Forscher, der in den USA unter anderem an der Stanford University studiert hat, bevor er in sein Heimatland zurückkehrte, hat damit eine Grenze überschritten, die Wissenschaftler sich gesetzt hatten. Denn die Mehrheit der Forscher hält es zum jetzigen Zeitpunkt für unverantwortlich, Crispr-Cas und andere gentechnische Verfahren zur gezielten Veränderung der menschlichen Keimbahn einzusetzen.

Wissenschaftler befürchten Designer-Babys

Darüber hinaus wird befürchtet, dass die Technologie, wenn sie erst erprobt ist, dazu verleiten könnte, nicht nur Krankheiten zu verhindern, sondern auch Designer-Babys zu erschaffen – etwa mit hohem IQ oder bestimmten äußerlichen Eigenschaften wie Augen- und Haarfarbe.

In dem Youtube-Beitrag beteuert He Jiankui, dass bei den Mädchen nur das eine gewünschte Gen verändert wurde und dass die Zwillinge so gesund seien wie andere Babys. Und er betont, dass auch er dagegen sei, Designer-Babys zu erschaffen. „Genchirurgie ist eine Technologie, um zu heilen und sollte dies auch bleiben“, sagt der Forscher. Es sei ihm bewusst, dass seine Arbeit Kontroversen auslösen werde. Aber er glaube fest daran, dass Familien diese Technologie brauchten. Deshalb sei er bereit, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.

Bei den Eltern von Lulu und Nana war es offenbar so, dass sie eigentlich gar keine Familie gründen wollten, weil der Vater HIV-positiv ist und dadurch viel Diskriminierung erfahren hat. Durch den Eingriff in die Keimbahn sei es jedoch möglich geworden, die Kinder vor der lebensbedrohlichen Infektionskrankheit zu schützen, erläutert der Forscher.

Gen-Babys sind immun gegen HIV-Infektionen

Es ist das Gen CCR5, das bei dem Eingriff entfernt wurde. Es enthält die Bauanleitung für einen Rezeptor, der auf der Oberfläche von Immunzellen vorkommt und an den sich unter anderem HI-Viren binden, wenn sie Zellen infizieren. Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, deren CCR5-Rezeptor zufälligerweise anders aufgebaut ist als bei der Mehrheit der Bevölkerung, resistent gegen HIV-Infektionen sind.

Daher arbeiten viele Gruppen an sogenannten somatischen Gentherapien, die nicht in der Keimbahn ansetzen sondern bei den Zellen erwachsener Menschen. Allerdings ist noch unklar, ob das Entfernen oder Ausschalten des CCR5-Rezeptors auch gravierende unerwünschte Folgen hat. Denn er spielt auch eine Rolle bei der Aktivierung des Immunsystems.

Solche Eingriffe in das Erbgut sind ethisch höchst bedenklich

„Das Beispiel zeigt, dass wir über das Erbgut und seine Funktion noch lange nicht so viel wissen, wie wir es uns wünschen“, sagt Simone Spuler, die an der Charité Berlin und am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Gentherapien gegen Muskelschwund erforscht. Die Funktion vieler Gene sei noch nicht klar. Deshalb hält sie Eingriffe, bei denen veränderte Eigenschaften an Nachkommen vererbt werden, für unverantwortlich. Überschaubarer und erfolgversprechender seien somatische Gentherapien.

He Jiankuis Universität zeigte sich am Montag „zutiefst schockiert“ und distanzierte sich von ihm. Auch deutsche Experten empört die Nachricht. „Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von Crispr genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU“, sagt Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats und Theologie-Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Gen-Manipulation kurz vor dem Wissenschaftsgipfel zu Genome Editing

Auch das Timing der Nachricht einen Tag vor einem weltweiten Wissenschaftsgipfel in Hongkong, auf dem am heutigen Dienstag über den verantwortlichen Umgang des sogenannten Genome Editing beim Menschen beraten werden soll, kritisiert er: „Das kann ja fast nur als Affront gegenüber dem Ansinnen verantwortlicher Wissenschaft gewertet werden.“

Politik und Zivilgesellschaft müssten sich mehr Klarheit darüber verschaffen, was da passiere, und ernsthaft zu debattieren beginnen, ob für solche Forschungen nicht weltweit verbindliche Standards benötigt werden, mahnt Dabrock.

Auch Jochen Taupitz, Medizinrechtsexperte an den Universitäten Heidelberg und Mannheim, sieht He Jiankuis Studie als unverantwortliches Vorpreschen. „Aber bei aller Empörung muss man sich vor Augen führen, dass weltweit eben kein einheitliches rechtliches Verbot von Keimbahninterventionen beim Menschen existiert.“

Ist eine Keimbahn-Intervention illegitim?

Uneinigkeit bestehe weltweit auch in der Frage, ob eine Keimbahnintervention aus kategorischen Gründen illegitim ist – etwa wegen eines Verstoßes gegen die Menschenwürde – oder ob nur pragmatische Gründe dagegensprechen, etwa das damit einhergehende Risiko für die geborenen Individuen.

Selbst der oft sonst so kategorisch argumentierende Gesetzgeber in Deutschland habe das entsprechende Verbot 1990 nur damit begründet, dass die Folgen einer Keimbahnintervention für die betroffenen Individuen nicht absehbar seien. „Das könnte sich aber sehr schnell durch Versuche, wie sie jetzt offenbar in China stattgefunden haben, ändern“, sagt Taupitz. Womöglich, argumentiert der Experte, zögen uns also entsprechende Versuche im Ausland die Begründung für das deutsche Verbot unter den Füßen weg.