Die Krähe, die damals noch ganz schwarz war, geriet eines Tages mit dem Fuchs aneinander. Sie hatte ihm eine seiner Betrügereien vermasselt, und er dachte gar nicht daran, sich das gefallen zu lassen. Also legte er sich auf einen Weg, stellte sich tot und wartete, bis die geflügelte Aasfresserin schließlich an ihm herumpickte. Dann schnappte er sie und begann, ihr die Federn auszurupfen. Mit knapper Not konnte sie schließlich entkommen, doch da war ihr Körper schon weitgehend kahl. Nur Kopf, Schwanz und Flügel waren verschont geblieben. Zwar wuchs die verlorene Federpracht im Laufe der Zeit wieder nach – allerdings nur noch in Grau statt in Schwarz. So erzählt es jedenfalls ein Märchen aus Estland.

Biologen sehen die Sache mit den Gefiederfarben ein bisschen anders. Für sie sind die mal ganz schwarzen, mal grau gemusterten Vertreter der Krähenverwandtschaft ein hochinteressantes Experiment der Evolution. Wieso behalten diese Tiere ihre unterschiedlichen Farben, obwohl sie sich durchaus untereinander paaren können? Wenn man nicht an Racheakte eines schlecht gelaunten Fuchses glaubt, ist das nicht leicht zu erklären.

Artenmix an der Elbe

Ein internationales Forscherteam um Jochen Wolf von der Universität im schwedischen Uppsala und Martin Wikelski, der am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee arbeitet und einen Lehrstuhl an der Universität Konstanz hat, ist dieser Frage mit großem Aufwand nachgegangen. Kleine Unterschiede in den Aktivitäten weniger Gene können demnach genügen, um zwei äußerlich komplett verschiedene Arten zu schaffen. „Und das gilt sicher nicht nur für Krähen, sondern auch für viele andere Tiere“, betont Martin Wikelski.

Um diesen Vorgängen auf die Spur zu kommen, haben er und seine Kollegen zwei Krähenarten untersucht, die sich noch in einem frühen Stadium der Artbildung befinden. Die pechschwarzen Rabenkrähen im Westen Europas und die grau gemusterten Nebelkrähen im Osten gehen wohl erst seit ein paar Hunderttausend Jahren getrennte Wege. Jedenfalls können sie sich durchaus noch miteinander paaren – und tun das mitunter auch. In einer nur 15 bis 150 Kilometer schmalen Zone, die sich seit mindestens hundert Jahren ungefähr entlang der Elbe durch Deutschland zieht, tauchen immer wieder Mischlinge mit unterschiedlichen Anteilen von Grau im Gefieder auf (siehe Karte). Auch in Berlin sind solche Hybriden schon gesichtet worden.

Warum aber fliegen dann nicht irgendwann alle Krähen in einem gescheckten Einheitsgefieder durch die Gegend? Was hält die beiden Arten auseinander? Des Rätsels Lösung sind offenbar die Vorlieben der paarungswilligen Tiere.

„Krähen entscheiden sich am liebsten für Partner, die ähnlich aussehen wie sie selbst“, sagt Wikelski. Vertreter der anderen Art oder exzentrisch gescheckte Hybriden haben also weniger Sex-Appeal und damit auch weniger Chancen, weitere Mischlinge in die Welt zu setzen.

Trotzdem scheinen sich amouröse Beziehungen zwischen beiden Arten keineswegs nur auf die Hybridzone zu beschränken. Das kann man jedenfalls aus den neuen Erbgutdaten schließen, die das Forscherteam aus Vögeln in verschiedenen Regionen Europas gewonnen hat.

Am Bodensee und in der spanischen Provinz León haben Martin Wikelski und seine Kollegen jeweils 15 junge Rabenkrähen aus ihren Nestern geholt und ihnen eine Blutprobe entnommen, um das Erbmaterial DNA analysieren zu können. Je 15 Nebelkrähen-Küken aus Polen und Schweden mussten sich der gleichen Prozedur unterziehen.

Der genetische Vergleich der 60 Vögel zeigte, dass ein Genaustausch zwischen beiden Arten offenbar gar nicht so selten ist – auch wenn man das den Tieren äußerlich nicht unbedingt ansieht. So zeigen die deutschen Rabenkrähen mehr genetische Ähnlichkeiten zu den beiden Nebelkrähen-Beständen als zu ihren eigenen Artgenossen in Spanien.

Wer sich für die Unterschiede zwischen zwei Arten interessiert, sollte allerdings nicht nur die Sequenz der DNA-Bausteine vergleichen. Entscheidend ist vielmehr auch, wann und in welchem Umfang der Organismus die einzelnen Erbinformationen verwendet und wann er die jeweiligen Gene wieder ausschaltet.

Auch diese sogenannte Genexpression haben die Forscher bei Raben- und Nebelkrähen untersucht. „Damit man dabei zu aussagekräftigen Ergebnissen kommt, muss man die jeweiligen Tiere und ihre Lebensbedingungen allerdings sehr gut kennen“, betont Martin Wikelski.

Also haben er und seine Kollegen insgesamt 19 Küken aus Spanien und Deutschland, Schweden und Polen per Auto oder Kleinflugzeug nach Radolfzell transportiert und dort im Institut zunächst per Hand aufgezogen. Ab dem Alter von etwa sechs Wochen lebte der Krähennachwuchs zu zweit oder dritt in einer großen Voliere und ernährte sich von einem Menü aus Körnern und Katzenfutter, Hüttenkäse, Obst und Gemüse.

„Ein Tier umzusiedeln ist ohnehin schon ein schwieriges Unterfangen“, erklärt Martin Wikelski. Wenn man es gleichzeitig auch noch aufziehen soll, wird die Sache nicht einfacher. „Das alles war ein Riesenaufwand“, erinnert sich der Forscher. Doch aus seiner Sicht hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Denn auf diese Weise konnte das Team die Genexpression unter den gleichen Bedingungen untersuchen und so aussagekräftige Vergleiche zwischen den einzelnen Vögeln ziehen.

Auch die Ergebnisse dieser Untersuchungen bescheinigen den beiden Arten eine große Ähnlichkeit. Variationen in weniger als einem Prozent des gesamten Genoms genügen offenbar, um so unterschiedlich aussehende Arten wie Raben- und Nebelkrähen trotz Hybridisierung getrennt zu halten.

Die Genexpression unterscheidet sich dabei vor allem in den wachsenden Follikeln, in denen sich die Federn bilden – und zwar in dem Stadium, in dem die Farbe in den Federn deponiert wird. Gene, die mit der Färbung zu tun haben, sind bei den Rabenkrähen stärker aktiv als bei ihren grauen Kollegen – und zwar am unterschiedlich gefärbten Körper und nicht am bei beiden Arten schwarzen Kopf.

Interessanterweise werden außer den Farbgenen aber auch solche Erbinformationen unterschiedlich abgelesen, die mit dem Sehvermögen zu tun haben. Eine für die Partnerwahl wichtige Eigenschaft wie die Farbe könnte genetisch also an ihre Wahrnehmung, in diesem Fall das Sehen, gekoppelt sein.

Auf diesem Weg scheint es der Evolution zu gelingen, Populationen mit relativ kleinen Unterschieden im Erbgut in neue Arten aufzuspalten. „So ein Mechanismus könnte auch bei vielen anderen Arten am Werk sein, die ihre Partner nach optischen Gesichtspunkten auswählen“, meint Jochen Wolf von der Universität Uppsala.

Farbgesteuerte Eidechsen

Gute Kandidaten für eine solche farbgesteuerte Evolution gibt es etwa unter den Reptilien. Die Mauereidechse Podarcis muralis, deren Verbreitungsgebiet sich von Spanien über Mitteleuropa bis an die Westküste des Schwarzen Meeres erstreckt, hat zum Beispiel je nach Region sehr unterschiedliche Schattierungen und Muster entwickelt.

Mal ist der Rücken braun, mal grau oder grünlich, mal zieren ihn einzelne schwarze Flecken, mal ein Netzmuster. Die Unterseite der kleinen Echsen kann weißlich sein, aber auch gelblich oder rot, es gibt gefleckte Varianten und einfarbige. Und auch bei diesen Tieren scheint die Devise „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ zu gelten. Bei einer Studie in den Pyrenäen haben Pau Carazo von der Universität im spanischen Valencia und seine Kollegen jedenfalls viel mehr ähnlich gefärbte Paare beobachtet als solche mit unterschiedlichem Design.

Auch beim Mesquite-Stachelleguan Sceloporus grammicus, der im Süden der USA und in Mexiko lebt, könnte eine nach Farben sortierte Paarung für optische Vielfalt sorgen. Barry Sinervo von der University of California und seine Kollegen haben zwei Populationen dieser Reptilien in Mexiko untersucht. In der einen schmückten sich manche Männchen mit blauen Hälsen, in der anderen mit weißen. Darüber hinaus gab es in beiden Beständen Geschlechtsgenossen mit orangefarbenem oder gelbem Hals.

Vor die Wahl gestellt, zeigten die Weibchen eine große Vorliebe für Bewerber aus der eigenen Population – vor allem, wenn das fremde Männchen eine exotische Farbe trug, die in der eigenen Population nicht vorkam. Modische Extravaganz muss sich für Männer also nicht unbedingt lohnen.