Aus China kommen immer neue Nachrichten, wie weit die Künstliche Intelligenz schon den Alltag der Bürger beeinflusst. „Social Scoring“ ist das Schlagwort.
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Berlin Der Satz, dass man nichts zu verbergen habe im Netz, hat noch nie gestimmt. Wer das bisher trotzdem nicht wahrhaben wollten, den müssten eigentlich die Nachrichten der vergangenen Tage sehr nachdenklich machen. Zur Erinnerung: Da wurde das Smartphone von Jeff Bezos, Amazon-Gründer und Kenner der digitalen Welt, aus Saudi-Arabien gehackt, so dass intime Informationen an die Öffentlichkeit kamen. Noch dramatischer: In den USA wurde bekannt, dass die Firma Clearview AI eine gigantische Datenbank mit Milliarden Fotos von Gesichtern angelegt hat, die auch die Polizei bei ihrer Arbeit zur Täterermittlung genutzt hat. So konnten unschuldige Menschen ganz unvermittelt verdächtig werden, nur weil ihr Profil dem möglichen Täter ähnelte.

Die beiden Beispiele zeigen, dass niemand vorhersagen kann, wer sich wann für unsere Daten und aus welchem Grund interessiert. Was sich aber ganz sicher sagen lässt: Wir werden durch die ständige Nutzung unserer Smartphones in Zukunft noch viel mehr Daten produzieren, das Interesse an unseren Daten wird dramatisch zunehmen und die Auswertung dieser Daten werden immer intelligentere Algorithmen übernehmen.

Wer jetzt nach Regulierungen ruft, sollte nicht vergessen, dass das Internet keine nationale Angelegenheit ist. Die Player sind weltweit unterwegs und vertreten ganz unterschiedliche Interessen. Aus China kommen immer neue Nachrichten, wie weit die Künstliche Intelligenz schon den Alltag der Bürger beeinflusst. „Social Scoring“ ist das Schlagwort. Wer sich in der Öffentlichkeit so benimmt, wie es die Staatsführung gerne sieht, hat in allen Lebenslagen Vorteile, auch wenn es um die Suche nach einer Wohnung geht. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch.

Gesichtserkennung in Deutschland?

In den USA, das zeigt auch das Beispiel Clearview AI, werden die technischen Möglichkeiten gerne voll ausgereizt, erst dann beginnt das Nachdenken über die Folgen. Und in Deutschland? Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat nach dem Bekanntwerden der Gesichtserkennungsmethoden in den USA erklärt, dass zwar weiterhin an öffentlichen Plätzen Kameras installiert sein sollen, aber ohne die Funktion der Gesichtserkennung. Die Aufnahmen sollen nur genutzt werden, um nach einem Verbrechen den oder die Täter leichter zu finden und die Tat nachzuweisen.

Das Vorhaben geht in die richtige Richtung, noch vor Monaten klang das ganz anders. Erinnert sei nur an das aufwendige Projekt der Bundespolizei am Bahnhof Südkreuz in Berlin. Was da ausprobiert wurde, kam den Methoden eines Überwachungsstaats gleich, weil auch die Daten von unschuldigen Bürgern erfasst werden konnten, die einfach zum Zug wollten. Deshalb ist es nur gut, dass die freiheitlichen Bürgerrechte der Demokratie gesiegt haben. Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, sollte das unbeobachtet tun dürfen. Und der Gesetzgeber sollte auch darauf achten, das Unternehmen sich an diese Vorgaben halten.

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Seehofers Meinungswandel in so kurzer Zeit verdeutlicht, wie unsicher die Politiker sind. Sie werden von den neuesten technischen Entwicklungen immer wieder überrascht. Das hat damit zu tun, dass sich viele im Digitalen nicht auskennen, liegt aber auch daran, dass wir in einer Zeit der digitalen Revolution leben, die nie für möglich gehaltene Chancen bietet, aber eben auch: Umbruch, Erneuerung und Chaos.

Zeit unsere Daten besser abzusichern 

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Menschheit immer im Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Gefahren balanciert. Der Airbag wurde erfunden, weil viele Autofahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen. Die „Fridays for Future“-Bewegung hätte nicht so eine Anziehungskraft, wenn alle Menschen gewissenhaft mit den Ressourcen unseres Planeten umgehen würden.

Diese Beispiele können Mut machen. Zwar wird niemand freiwillig auf sein Smartphone und den Zugang zum Internet verzichten, weil das viel zu viele Vorteile bringt, aber es ist an der Zeit, seine privaten Daten besser abzusichern, von Smartphone-Herstellern höhere Sicherheitsstandards zu fordern und die Gesetzgeber anzutreiben, die Persönlichkeitsrechte zu wahren.