Ran an den Speck. In diesem Jahr startet die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertiglebensmitteln, die kurz vor Weihnachten vom Kabinett beschlossen wurde. Sie soll zum Beispiel Limos und Fruchtjoghurts weniger süß, Brot und Fertigpizzen weniger salzig, Wurstwaren und Pommes weniger gehaltvoll machen.

Basis der Strategie ist eine Grundsatzvereinbarung zwischen Politik und Wirtschaft. „Ich möchte die gesunde Wahl zur leichten Wahl machen“, verkündete Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), deren Haus den Deal mit der Ernährungsindustrie ausgehandelt hat.

Strategie trage nicht viel zu gesunden Ernährung bei

Das klingt im Prinzip gut. Viel Lob bekommt die Strategie jedoch nicht. Sowohl Verbraucherverbände als auch medizinische Fachgesellschaften sind enttäuscht von dem Resultat der drei Runden Tische, die der Einigung vorausgingen. Sie kritisieren vor allem, dass es sich lediglich um eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller handelt. Julia Klöckner belasse es dabei, bei der Lebensmittelindustrie lieb ,Bittebitte' zu sagen, empörte sich Martin Rücker, Geschäftsführer des Vereins Foodwatch, der sich mit der Qualität von Lebensmitteln und mit Verbraucherrechten befasst.

Auch die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten, kurz Dank, in der sich 22 medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaften und Organisationen zusammengeschlossen haben, übt Kritik. „Wir sind enttäuscht, dass die Bundesregierung vor der Industrie eingeknickt ist und es den Unternehmen weiterhin selbst überlässt, welche Zielvorgaben sie sich setzen“, sagt Dank-Sprecherin Barbara Bitzer.

Ihre Allianz bedauere es, dass die Vertreter der Fachgesellschaften mit ihren Argumenten für eine ambitioniertere Reduktionsstrategie kein Gehör gefunden haben. „Freiwillige Verpflichtungen sind zu unverbindlich. Die Erfahrung zeigt: Sie werden nicht eingehalten und sind bisher immer gescheitert.“ Und weil sich die jeweiligen Verbände ihre Zielmarken nun selbst setzen dürfen, seien die angestrebten Reduktionen viel zu gering.

Jeder zweite ist übergewichtig

Beispiel Frühstückscerealien: Die Hersteller von Produkten wie Crunchy-Müslis, Poppies und Co. haben ihre Zielmarken bereits erarbeitet. Bis Ende 2025 werde man die Gesamtzuckergehalte der „in ihrer Aufmachung an Kinder gerichteten Produkte“ um durchschnittlich mindestens 20 Prozent reduzieren, teilte der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft mit. Barbara Bitzer findet das nicht gerade zum Jubeln. „Kindercerealien enthalten zurzeit bis zu 43 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Wenn der Gehalt um 20 Prozent sinkt, sind es immer noch mehr als 30 Prozent – und damit viel zu viel“, kritisiert die Dank-Sprecherin.

Was die Wissenschaftler der Allianz umtreibt, sind die Übergewichtsraten hierzulande. Denn die Deutschen sind zu dick. Mindestens jeder zweite Erwachsene wiegt mehr, als es seiner Gesundheit gut tut, jedes siebte Kind ist übergewichtig. Weil mit den überflüssigen Pfunden auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs steigt, wäre es wichtig, Übergewicht zu vermeiden und zu bekämpfen.

Aber wie? Anfangs hatten Experten ausschließlich das individuelle Verhalten im Blick, das sich ändern sollte. „Esst weniger und bewegt euch mehr“ lautet die Kernbotschaft der Informationskampagnen und Beratungen. „Es hat sich aber gezeigt, dass diese sogenannte Verhaltensprävention allein nicht ausreicht“, sagt Barbara Bitzer.

Gesündere Angebote in Läden

Auch die Verhältnisse müssen sich ändern. Denn offensichtlich gelingt es vielen Menschen in industrialisierten Ländern angesichts der Verlockungen in Supermärkten, Imbissbuden und Restaurants nicht, sich zu zügeln. Ein Expertengremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das sich mit Ernährung und der Prävention chronischer Krankheiten befasst, appellierte bereits 2002, dass sich auch Gesellschaft und Umfeld ändern müssen.

Eine als wichtig erachtete Maßnahme ist es, das Angebot in den Läden gesünder zu gestalten. Die Dank-Wissenschaftler fordern dazu jedoch eine verbindliche Reduktionsstrategie mit Zielen, die der Gesundheit wirklich nutzen. „Außerdem muss es klare Sanktionsmaßnahmen bei Nichteinhaltung geben, und eine kürzere Frist für die Umsetzung ist notwendig, zum Beispiel zwei bis drei Jahre“, sagt Bitzer. Bedauerlich findet sie es, dass das effektivste Mittel zur Förderung einer gesunden Ernährung bisher gar nicht erwogen wird: steuerliche Maßnahmen. „Wir plädieren für eine ,Gesunde Mehrwertsteuer’. Gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse würden dabei steuerlich entlastet oder ganz von der Mehrwertsteuer befreit, ungesunde im Gegenzug mit dem vollen Satz von 19 Prozent belegt“, sagt sie.

Für eine gesunde Ernährung: Zuckergehalt reduzieren

Eine Neuordnung der Umsatzsteuer im Lebensmittelbereich sähe auch der Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker gerne. „Zurzeit wird auf viele Lebensmittel, egal ob gesund oder ungesund, nur eine reduzierte Umsatzsteuer von 7 Prozent erhoben“, sagt der Professor von der Universität Paderborn. Sinnvoller sei es, generell die reguläre Umsatzsteuer von 19 Prozent zu erheben und lediglich gesundheitsförderliche Produkte wie Obst und Gemüse davon auszunehmen. „Erfahrungen in anderen Ländern haben gezeigt, dass viele Menschen durchaus preissensibel sind. Ernährung lässt sich also auch über den Produktpreis gesünder machen“, sagt der Forscher.

Heseker wertet den Start der Reduktionsstrategie nur als Teilerfolg. „Der Hauptverhandlungspartner der Ernährungswirtschaft, der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, macht sehr effektive und hartnäckige Lobbyarbeit für die Lebensmittelindustrie. Auch für das Ernährungsministerium ist es schwer, die Branche zu beeinflussen“, sagt er. Es sei also ein erster wichtiger Schritt, dass die Industrie überhaupt akzeptiert habe, dass ihre Lebensmittel verbesserungswürdig seien, sagt der Forscher.

Nun gelte es jedoch wachsam zu sein, was die Umsetzung und Zielvorgaben betrifft. Eine Zuckerreduktion um 10 oder 20 Prozent, wie sie jetzt zum Beispiel für Erfrischungsgetränke, Kindercerealien und Kinderjoghurts angekündigt wurde, sei vermutlich auch zu erreichen, ohne den Süßungsgrad der Produkte zu verändern. Der Trick, der von Lebensmittelproduzenten in Nordamerika schon länger angewendet wird: Anstelle von gewöhnlichem Zucker (Saccharose) werden Getränke, Flocken, Joghurts und Co. mit billig hergestelltem Maissirup gesüßt. Dieses auch Isoglucose oder HFCS (High Fructose Corn Syrup) genannte Konzentrat hat einen besonders hohen Anteil an Fruchtzucker (Fruktose).

Ungesunde Ernährung schädigt den Körper

Weil es eine höhere Süßkraft hat, kommt der Hersteller mit weniger aus. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht hat der Sirup jedoch zwei entscheidende Nachteile. Zum einen schmecken die Produkte genauso süß wie vorher und helfen nicht dabei, sich vom Süßgeschmack zu entwöhnen. „Noch wichtiger sind aber die gesundheitlichen Folgen. Denn Fruktose begünstigt die Einlagerung von Fett in der Leber“, erläutert Heseker. Das liegt daran, dass diese Art von Zucker über die Leber in den Stoffwechsel eingeschleust wird und dort Gene aktiviert, die für die Neubildung von Fett in der Leber zuständig sind. Befindet sich in der Leber zu viel Fett, kann sie sich entzünden. Auf Dauer drohen die Zellen des lebenswichtigen Organs zugrunde zu gehen. Auch das Risiko für Leberkrebs erhöht sich.

Grundsätzlich aber lasse sich mit der Verbesserung von Fertiglebensmitteln einiges erreichen, sagt der Paderborner Ernährungswissenschaftler. „In manchen Bevölkerungsgruppen beträgt der Anteil von Fertiglebensmitteln an der Ernährung 80 bis 90 Prozent“, gibt er zu bedenken. Dass viele Verbraucher so häufig zu Limo, Pommes, Chips und Keksen greifen, habe auch damit zu tun, dass diese Produkte so günstig sind. „Gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse sind vergleichsweise teuer“, sagt Heseker. Deshalb sei der steuerliche Hebel so wichtig.

Zuckergehalt senken

Vielen Ernährungsexperten gilt Großbritannien als Vorbild für rigidere Maßnahmen. Dort wird seit kurzem eine zusätzliche Steuer erhoben, wenn Softdrinks, also Getränke wie Cola und Limo, mehr als fünf Prozent Zucker enthalten. Innerhalb von ein bis zwei Jahren sanken die Zuckergehalte um 30 bis 65 Prozent. In anderen Bereichen sind es jedoch auch im Vereinigten Königreich nur kleine Schritte.

„Bei uns gibt es in zehn anderen Lebensmittelkategorien keine Zuckersteuer, sondern ebenfalls freiwillige Reduktionsziele“, berichtet Susan Jebb, Professorin für Ernährungswissenschaft und Gesundheit der Bevölkerung an der University of Oxford. So soll die Lebensmittelindustrie den Zuckergehalt zum Beispiel auch in Kuchen, Keksen, Puddings und Eiscremes senken. Und zwar jeweils um 20 Prozent bis 2020. „Wir überwachen den Fortschritt jährlich. Leider hat es im ersten Jahr nur eine Absenkung um zwei Prozent gegeben anstelle der angepeilten fünf Prozent“, berichtet Susan Jebb.

Die Expertin findet es grundsätzlich eine gute Nachricht, dass es in Deutschland nun auch erste spezifische Ziele gibt. Auch gegen schrittweises Vorgehen hat sie nichts. „Um die Vorgaben der WHO zu erreichen, muss der Zuckerkonsum stark gesenkt werden. Das erreicht man nicht über Nacht, daher ist es fair, zunächst erreichbare Ziele zu setzen“, sagt die Professorin. Der Industrie Zeit bis zum Jahr 2025 zu geben, um relativ kleine Schritte zu machen, erscheine ihr jedoch eine ganz schön lange Zeit, ergänzt die Expertin. Auf alle Fälle sei es unbedingt notwendig, den Fortschritt innerhalb dieser Frist regelmäßig zu überwachen und einen klaren Plan für den Fall zu haben, dass die Ziele nicht erreicht werden.

Produktmonitoring geplant

Eine Überwachung sieht die Strategie durchaus vor. So ist zum Beispiel ein Produktmonitoring geplant, für das bereits eine Basiserhebung erfolgte, die 12 500 Produkte enthält. Ab Herbst ist eine Folgeerhebung vorgesehen. Was jedoch passiert, wenn die Hersteller ihre Ziele nicht erreichen, ist noch offen. Unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Auswirkungen auf die betroffenen Unternehmen seien dann regulatorische Maßnahmen zu prüfen, heißt es vage.

Allein schon diese Ankündigung sieht der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) kritisch und wertet sie als Angriff auf die Freiheit der Unternehmen. Das Ringen um gesündere Lebensmittel ist also noch in Gang. „Bisher hatte hierzulande die Wirtschaft immer Vorrang vor der Gesundheit“, sagt Barbara Bitzer. Ihre Organisation werde sich dafür einsetzen, dass sich das ändert.