Gesundheitsforschung: Salz schwächt Darm-Bakterien, die schwere Krankeiten verhindern

Sehr salzig zu essen, ist schon lange in Verruf geraten. Denn man weiß, dass sich dadurch der Blutdruck erhöht. Und das begünstigt Herzinfarkte und Schlaganfälle. Zu viel Salz im Essen hat aber noch mehr unangenehme Folgen. Andere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein erhöhter Konsum von Natriumchlorid, wie Kochsalz wissenschaftlich korrekt heißt, die Entstehung von Erkrankungen wie Multiple Sklerose fördert, indem aggressive Immunzellen auf den Plan gerufen werden.

Berliner Forscher haben nun eine weitere Folge überhöhten Salzkonsums entdeckt: In Versuchen mit Mäusen fanden sie heraus, dass sich salzreiche Kost auf die Darmflora auswirkt und die Zahl bestimmter Milchsäurebakterien, auch Laktobazillen genannt, reduziert. Das Besondere an ihrem Befund ist, dass er die beiden zuvor beschriebenen Phänomene in Zusammenhang bringt und erklärt. Denn bei Nagern mit dezimierten Laktobazillen stieg sowohl der Blutdruck als auch die Zahl aggressiver Immunzellen, berichten sie im Wissenschaftsmagazin Nature.

Anders herum funktioniert es auch, zeigte das Team um Dominik Müller und Nicola Wilck vom Berliner Experimental and Clinical Research Center (ECRC) und dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung, beides gemeinsame Einrichtungen des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin und der Charité. Verabreichten sie den Tieren zusätzlich zur salzreichen Nahrung probiotische Laktobazillen, ging die Zahl der aggressiven Immunzellen wieder zurück und auch der Blutdruck sank. Eine gezielte Stärkung der Darmflora könnte demnach zu neuen Therapien führen.

„Wie Salz die Bakterien im Darm beeinflusst, hat bisher niemand untersucht“, sagt Studienleiter Dominik Müller. Für das Experiment kooperierten die Berliner Bluthochdruckforscher unter anderem mit Kollegen vom European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg, die auf die Entschlüsselung der Darmflora spezialisiert sind, und mit Neuroimmunologen von der Universität Erlangen, die sich mit Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose gut auskennen.

Aggressive Immunzellen

„Es hat uns überrascht, dass der Salzkonsum einen derart klar umschriebenen Effekt auf die Darmflora hat“, sagt ECRC-Forscher und Erstautor Nicola Wilck. Wie es kommt, dass gerade die Laktobazillen so empfindlich auf Salz reagieren, kann der Mediziner noch nicht erklären. „Wir haben in Laborexperimenten festgestellt, dass Bakterien dieser Gattung schlechter wachsen, je höher die Salzkonzentration ist“, berichtet Wilck. Möglicherweise hätten Laktobazillen eine Art Salzsensor, der ihre Funktion beeinträchtigt.

Auch die Mechanismen, die hinter dem Salzeffekt stecken, hat das Team noch nicht im Detail ergründet. Eine wichtige Rolle spielen auf alle Fälle die aggressiven Immunzellen. Dabei handelt es sich um sogenannte T-Helferzellen, die den Botenstoff Interleukin 17 produzieren, und deshalb als Th17-Zellen bezeichnet werden. Sie bewirken in hoher Zahl anscheinend, dass das Immunsystem Amok läuft und den eigenen Organismus angreift. So können Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose entstehen, bei der körpereigene Abwehrzellen die Isolierschicht der Nervenzellen zerstören.

Aber auch zu Bluthochdruck gibt es eine Verbindung. „Die Th17-Zellen wandern in die Wände der Blutgefäße und bewirken dort, dass sich das Bindegewebe vermehrt“, erläutert Nicola Wilck. Die Blutgefäße werden dadurch steifer, was Bluthochdruck begünstigt.

Offenbar ist die richtige Zusammensetzung der Darmflora wichtig, um all diese krankmachenden Effekte der Th17-Zellen zu verhindern. „Manche Darmbakterien scheinen diese T-Zellen zu regulieren“, sagt Wilck.

In der Studie waren es Laktobazillen, die besonders stark auf erhöhte Salzzufuhr reagierten. Deshalb konzentrieren sich die Berliner Forscher nun auch in künftigen Studien zunächst auf diese Bakteriengattung. „Wir können allerdings nicht ausschließen, dass es andere salzempfindliche Bakterien gibt, die ähnlich wichtig sind“, sagt Müller.

Die Berliner Wissenschaftler haben für ihre Studie zunächst eine Gruppe von Mäusen besonders salzreich gefüttert. Anschließend wurde in den Kötteln der Nager die Darmflora untersucht. Das geschah anhand von Erbgutanalysen. „Anhand ihrer genetischen Signatur können wir die vorhandenen Darmbakterien erkennen“, erläutert Nicola Wilck.

Weil sich die Darmflora von Mäusen und Menschen jedoch stark unterscheidet, überprüften die Forscher, ob es auch beim Menschen den Salzeffekt gibt. Zwölf gesunde Männer ernährten sich zwei Wochen lang salzreich. Sie erhielten täglich zusätzlich sechs Gramm Natriumchlorid, wodurch sich ihre Salzzufuhr etwa verdoppelte. Das Team um Wilck und Müller fand die gleichen Effekte wie bei den Mäusen: Die Darmbakterien der Gattung Lactobacillus reagierten empfindlich, Blutdruck und die Zahl der Th17-Zellen im Blut stiegen an.

Jeder Dritte ist besonders empfindlich

Nun sollen Studien folgen, in denen die Forscher ergründen, ob die gezielte Verabreichung von Laktobazillen therapeutische Wirkung hat. Das wollen die Wissenschaftler sowohl an Bluthochdruckpatienten als auch bei Probanden mit Multipler Sklerose testen. „Vielleicht gehört Multiple Sklerose zu den salzsensitiven Erkrankungen, die wir zukünftig mit individuell angepassten Probiotika behandeln können“, sagt der an der Studie beteiligte Neuroimmunologe Ralf Linker von der Universität Erlangen.

Auch Menschen mit Bluthochdruck könnte eine solche Therapie nutzen, sagt Nicola Wilck. „Etwa ein Drittel der Bevölkerung reagiert besonders empfindlich auf Salz.“ Bei ihnen erhöht sich der Blutdruck, wenn sie übermäßig viel Salz essen. Sie könnten von einer entsprechenden Diät besonders profitieren.

Doch das ist nicht einfach. „Verzichtet ein Einzelner beim Kochen aufs Salz und verkneift sich auch das Nachsalzen bei Tisch, so erreicht er damit relativ wenig, wenn er nicht zugleich weitgehend Brot, Käse und Wurst vom Speiseplan streicht“, informiert die Fachgesellschaft Deutsche Hochdruckliga. Es sind hierzulande vor allem die verarbeiteten Lebensmittel, die viel Natriumchlorid enthalten. Es wird häufig zugesetzt, damit die Speisen nicht fade schmecken. Denn Salz wirkt als Geschmacksverstärker. Zum Teil ist es auch aus technischen Gründen erforderlich. Bei der Käseherstellung etwa bewirkt es den Austritt von Molke aus der noch flüssigen Masse.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt nicht mehr als sechs Gramm Kochsalz täglich. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht die obere Grenze gar bei fünf Gramm am Tag – das entspricht etwa einem gestrichenen Teelöffel voll. Tatsächlich konsumieren die Deutschen deutlich mehr: Bei Frauen sind es im Schnitt gut acht und bei Männern sogar zehn Gramm. Wer es nicht schafft, seine Ernährung umzustellen, dem könnten Laktobazillen und andere gute Darmbakterien künftig helfen, die Schäden ungesunder Kost in Grenzen zu halten.