Der Widerspruch wächst. Nachdem eine Gruppe von gut 100 Lungenärzten in der vergangenen Woche eine Diskussion über die Gesundheitsgefahren verschmutzter Luft ausgelöst hat, melden sich immer mehr Forscher zu Wort. In dem von dem Pneumologie-Professor Dieter Köhler initiierten Statement heißt es, es gebe derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide. Gefordert wird eine Neubewertung der Studien durch unabhängige Forscher und die Aussetzung der aktuellen Grenzwerte.

Kontra von allen Seiten

Die 112 Unterzeichner der Stellungnahme sind vor allem Lungenärzte der mehr als 4000 Mitglieder umfassenden Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Es gehören aber auch Atemtherapeuten dazu und Ingenieure, darunter ein Entwickler von Dieselmotoren.

Inzwischen widersprachen nicht nur einzelne renommierte Experten den Ansichten der Gruppe um Köhler, sondern auch das Forum der internationalen Lungengesellschaften FIRS, das weltweit 70.000 Mitglieder hat. Die Forscher betonen, dass die gesundheitlichen Effekte der Luftverschmutzung eine stille Epidemie darstellen, weil die schädlichen Auswirkungen lange unbemerkt bleiben.

Von Tag zu Tag wächst die Phalanx. Anfang der Woche stellte der Bundesverband der Pneumologen in einer spontanen Onlineumfrage fest, dass die Unterzeichner keineswegs die Meinung der deutschen Lungenärzte repräsentieren. Am Dienstag distanzierte sich die Gesellschaft für pädiatrische Pneumologie von dem Köhler-Papier. „Wer öffentlichen Zweifel an dem gesundheitsschädlichen Potenzial von Luftschadstoffen sät, ohne hierfür wissenschaftliche Arbeiten zu zitieren, verletzt die Grundsätze ärztlich-wissenschaftlichen Handelns“, heißt es in der Mitteilung der Kinderpneumologen.

„Luftverschmutzung verursacht akute und chronische Krankheiten"

Und am Mittwoch veröffentlichten Forscher um Annette Peters vom Helmholtz-Zentrum München im Namen der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie und der European Respiratory Society eine Expertise, in der sie den derzeitigen Wissensstand erläutern, die Notwendigkeit der Grenzwerte bekräftigen und bei Feinstaub sogar für strengere EU-Werte plädieren.

Am ärgerlichsten sind die Forscher, die sich seit Jahren um saubere Luft bemühen, wohl über den Vorwurf, die Luftschadstoff-Grenzwerte, die in der EU seit neun Jahren gelten und sich an Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) orientieren, seien unwissenschaftlich. „Die Grenzwert-Empfehlungen der WHO beruhen auf der gesamten weltweit verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz zu den Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit“, erläutert Nino Künzli, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene des Bundesrates der Schweiz.

Die experimentelle und epidemiologische Forschung schlage sich allein in den letzten 30 Jahren in etwa 70.000 wissenschaftlichen Arbeiten nieder. Die Literatur werde von großen interdisziplinären Fachgremien regelmäßig neu beurteilt. „Luftverschmutzung verursacht akute und chronische Krankheiten wie Krebs, Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen und führt zu vorzeitigem Tod“, konstatiert Künzli.

Die Gefahr der Feinstaubpartikel

Luftschadstoffe wie Stickoxide und Feinstaub seien ausführlich untersucht, bestätigt Christian Witt, Pneumologie-Professor an der Charité Berlin. Es gebe sowohl Studien zur kurzfristigen als auch zur langfristigen Wirkung. Die kurzfristigen Effekte seien mit Experimenten klar belegt. „In Versuchen mit Zellkulturen, an Tieren und auch in Studien mit Menschen in sogenannten Expositionskammern wurde eine ursächliche gesundheitsschädigende Wirkung festgestellt“, sagt der Experte. Stickstoffdioxid (NO2 ) kann zum Beispiel in den Lungenbläschen Zellschäden verursachen und entzündliche Prozesse auslösen.

Feinstaubpartikel können darüber hinaus sogar zu Krebserkrankungen führen. „Die langfristige Wirkung ist schwieriger nachzuweisen“, sagt der Charité-Forscher. Denn dazu sind aufwendige umweltepidemiologische Untersuchungen notwendig, in denen unter anderem mithilfe von bevölkerungsbezogenen Daten sowie mit statistischen Methoden abgeschätzt wird, wie Umwelteinflüsse auf die Gesundheit wirken.

Zusammenhänge mit Asthma

Natürlich gelten auch für diese Studien wissenschaftliche Kriterien. Zum Beispiel müssen die beschriebenen Effekte konsistent sein, also in weiteren Untersuchungen reproduzierbar. Sie müssen in unterschiedlichen Arten von Studien gefunden werden. Und es muss für den Zusammenhang einen plausiblen Mechanismus geben.

„Vor allem in den vergangenen zehn Jahren hat sich auf dem Gebiet der Umweltepidemiologie sehr viel getan“, berichtet Christian Witt. Die Zahl der Studien wachse rasant, so dass sich die Hinweise für ursächliche Zusammenhänge zwischen Luftschadstoffen und Gesundheitsschäden zunehmend verdichtet hätten. „Fest steht, dass Luftschadstoffe wie Stickstoffdioxid bestehende Krankheiten verschlimmern“, sagt der Pneumologie-Professor. Bei der chronischen Lungenkrankheit COPD zum Beispiel, bei der sich die Atemwege verengen, erhöhe sich das Risiko, dass sich die Krankheit verschlechtert, um fünf Prozent, wenn die Stickoxidwerte um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ansteigen. Bei Asthma könnte der Zusammenhang sogar noch gravierender sein. „Es gibt erste Anhaltspunkte, dass es durch Luftschadstoffe ausgelöst werden kann“, sagt Witt.

Vulnerable Gruppen finden

Die in der EU zurzeit gültigen Grenzwerte basieren auf den Erkenntnissen bis zum Jahr 2008. In Deutschland gibt es für Stickoxide den von der WHO empfohlenen Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Zurzeit werden die Empfehlungen überarbeitet. „Dabei könnte es sogar eine Anpassung nach unten geben, denn die neuen Daten zeigen, dass sich Stickoxide auch unterhalb der 40 Mikrogramm negativ auf die Gesundheit auswirken“, berichtet Christian Witt.

Bisher gebe es noch zu wenig Erkenntnisse darüber, wie es kommt, dass einige Menschen stark auf Luftbelastung reagieren und andere weniger, sagt Witt. „Wir wollen jetzt ein Forschungsprojekt starten, um die vulnerablen Gruppen künftig besser identifizieren und in der Folge auch schützen zu können.“