BerlinSchon klar, mehr als 90 Prozent der Bundesbürger nutzen Google, wenn sie die Hilfe einer Suchmaschine im Netz benötigen. Die Zahl ist seit Jahren ziemlich konstant, die Nutzer scheinen also zufrieden zu sein mit dem Angebot. Was auch dafür spricht: Das Verb „googeln“ hat sich längst in unserem Sprachgebrauch etabliert. Und zwar positiv.

Und doch ist es völlig unverständlich, dass Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag in einer großen Pressekonferenz eine Kooperation mit dem Suchmaschinen-Anbieter aus dem Silicon Valley angekündigt hat. Künftig präsentiert die Suchmaschine die Antworten des Nationalen Gesundheitsportals gesund.bund.de in einem prominent hervorgehobenen Infokasten. Wichtig, hilfreich, notwendig, weil immer mehr Menschen bei Themen wie Gesundheit und Erkrankungen im Netz auf Hilfe hoffen, bevor sie zum Arzt gehen. Auch wichtig, dass diese Seiten im Netz schnell gefunden werden und verlässliche Informationen hervorgehoben werden. Das garantiert der Marktführer Google. Aber es gibt andere Anbieter, die nicht ganz bedeutungslos sind.

Das Gesundheitsministerium hat mit seiner Entscheidung, zunächst exklusiv mit Google zusammenzuarbeiten, andere Anbieter ausgeschlossen. Google bekommt dadurch eine herausgehobene Position und wurde bei der Pressekonferenz wie ein Premiumpartner behandelt. Und das ohne Notwendigkeit: Die Google-Leistung könnten auch andere Suchmaschinen-Anbieter liefern. 

Aber weg von den Details. Was die Veranstaltung wirklich deutlich machte: Nach wie vor fehlt Jens Spahn ein Gespür für das Wichtige in der digitalen Welt. Schon vor der Einführung der Corona-Warn-App hatte er mit der Aussage irritiert, dass er den Behörden erlaubten wollte, die Daten von Infizierten ohne deren Zustimmung auszuwerten. Bei Diskussionen um die elektronische Patientenakte steht Spahn oft im Konflikt mit Datenschützern.

Das Ganze ist umso bedenklicher, wenn man an die Zukunft des Gesundheitssystems denkt. Die Digitalisierung wird immer wichtiger, das zeigt zurzeit auch die Corona-Krise. Auch wenn die Warn-App nicht bei allen Bundesbürgern gut ankommt, so wird sie doch von mehr als 20 Millionen Bürgern genutzt und hilft bei der Rückverfolgung von Infektionsketten. Die Gesundheitsämter könnten effizienter bei der Bearbeitung von Corona-Tests arbeiten, wenn sie eine bessere technische Ausstattung hätten. Nicht selten wird noch mit Fax-Geräten gearbeitet.

Medizinforscher wünschen sich darüber hinaus schon seit Jahren, Daten über Krankheitsverläufe, Vorerkrankungen und Medikamentenkonsum – solche Informationen könnte eine digitale Patientenakte bieten. Aber wäre die auch sicher, und wo würden die Daten verbleiben? Spahn sprach am Dienstag davon, dass Europa sich auf diesem Gebiet noch etablieren müsse, damit nicht alles vom chinesischen Anbieter Alibaba und von Google kontrolliert würde. Klingt nach Monopol. Auch deshalb wird in den USA über die Zerschlagung der Großkonzerne diskutiert – Spahn rollte Google in Berlin den roten Teppich aus. Was er auch nicht erwähnte: Europäische Gerichte haben zuletzt moniert, dass die Daten der EU-Bürger einfach so in die USA übermittelt werden können. Damit war auch Google gemeint.

Klingt besorgniserregend. Und gerade deshalb stellt sich die Frage: Warum hat das Gesundheitsministerium dieser Partnerschaft mit Google einen so großen Stellenwert eingeräumt? Der US-Konzern gewinnt dadurch noch mehr an Reputation in Deutschland, und mit jedem Klick verdient das Unternehmen auch noch gutes Geld. In diesem Fall hätte es auch einfach eine kurze Presseinformation getan.

Google bekam die Chance, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Deutschland-Chef Philipp Justus nutzte das Angebot, um auf die Kooperation zwischen dem Konzern aus dem Silicon Valley und dem Robert-Koch-Institut bei der Einführung der Corona-Warn-App zu verweisen.

Was er nicht sagte: Hätten Apple und Google nicht mitgemacht, hätte die App niemals im großen Stil funktioniert. Die beiden Unternehmen verwalten notwendige Betriebssysteme für die Smartphones. So abhängig war Europa also in der Zeit. Und scheint es gerne bleiben zu wollen. Jedenfalls hat Gesundheitsminister Spahn alles dafür getan, dass Google mit der Kooperation noch mehr an Reputation gewinnt. Und das ganz ohne Not.