BerlinDie Information auf der Internetseite des Unternehmens Biontech ist klein, aber sie ist zu finden. „Er ist verheiratet mit Dr. Özlem Türeci“, steht am Ende der Kurzbiographie des Vorstandsvorsitzenden Uğur Şahin. Umgekehrt ist bei Özlem Türeci, Vorstand Medizin, zu lesen, dass sie mit Uğur Şahin verheiratet ist. Ein dezenter Hinweis darauf, dass zu der ersten wirklich guten Nachricht in Sachen Coronavirus auch die Geschichte zweier Menschen gehört. Zweier Menschen, denen gemeinsam wahrscheinlich gelungen ist, worauf die ganze Welt derzeit wartet: einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zu entwickeln.

Uğur Şahins oft freundlich dreinblickendes Gesicht hat man in den vergangenen Monaten immer wieder zu sehen bekommen, wenn es darum ging, wann im Kampf gegen die Pandemie ein Vakzin zu erwarten sei. Der Wirkstoff der Mainzer Firma Biontech, für den demnächst die Zulassung beantragt werden soll,  gehörte seit Monaten zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Uğur Şahin repräsentiert das Unternehmen nach außen, gibt Erklärungen ab, beantwortet Interviewfragen. Innerhalb des Unternehmens agieren Türeci, 53, und Şahin, 55, als ebenbürtige Partner. Wenn man sich mit dem Ehepaar beschäftigt, sich umhört, wie sie zusammenarbeiten, entsteht der Eindruck, dass es die über Jahre geteilte Forscherleidenschaft brauchte, um genau jetzt diesen Erfolg präsentieren zu könnten.

Sie gelten beide als „brillante Köpfe, Arbeitstiere“

Sie arbeiten seit langem zusammen, begannen damit ein paar Jahre, nachdem sie sich kennengelernt hatten. Das war in den 90er-Jahren in Homburg, Uğur Şahin habilitierte sich in Molekularer Medizin und Immunologie, Özlem Türeci war fast fertig mit ihrem Medizinstudium. Beide arbeiteten auf Krebsstationen und wussten bald, welcher Bereich sie interessierte: die Krebstherapie, konkreter: die Frage, wie man Krebs mittels einer Impfung bekämpfen kann.

Sie waren Teil einer Arbeitsgruppe um den Tumorforscher Michael Pfreundschuh. In der Zeit lernte sie auch Christine Falk kennen, die im gleichen Bereiche arbeitete und heute Professorin für Transplantationsimmunologie in Hannover ist. Christine Falk erinnert sich an die beiden jungen Wissenschaftler als „brillante Köpfe, Arbeitstiere“. Sie freundeten sich an, haben heute noch Kontakt. Das Wort „brillant“ fällt noch öfter beim Telefonat mit Christine Falk, vor allem, wenn es um Özlem Türeci geht. Ungemein zielstrebig sei sie und sehr genau. Darin ergänze sie sich wiederum ausgezeichnet mit Uğur Şahin, der auch strategisch denke. Sie selbst sei ein „Labormensch“, sagt Christine Falk, und darum habe sie bewundert, dass die beiden den Schritt in die freie Wirtschaft wagten. 2001 gründeten sie die Firma Ganymed Pharmazeuticals, um fortan Forschung und Unternehmertum miteinander zu verbinden.

Mit im Boot war der Onkologe Christoph Huber, ein Pionier der immunologischen Krebsforschung und damals Professor an der Universitätsklinik Mainz. Er holte das Paar in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt, die er zu einem wichtigen Standort der Krebsforschung machen wollte. Dass in Mainz und dem ganzen Rhein-Main-Gebiet inzwischen viele Biotechnologiefirmen ansässig sind, hat auch mit Hubers Engagement zu tun. Heute ist der 76-jährige Österreicher im Aufsichtsrat von Biontech.

Gleich nach der Hochzeit gingen sie wieder ins Labor

Ganymed Pharmaceutical widmete sich der Entwicklung von Antikörpern, die als Medikament gegen Tumore wirken sollen. Özlem Türeci kümmerte sich um Forschung und Personal, Uğur Şahin blieb an der Universität in Mainz und war für die Medikamentenentwicklung zuständig. Dass es ihr nicht ganz leicht fiel, plötzlich Unternehmerin zu sein, hat Özlem Türeci in einem der wenigen, längeren Interviews gesagt, die sie gegeben hat. Vor der Betriebswirtschaft habe es ihr gegraust, sagte sie 2011 dem Unternehmermagazin Impulse. Aber sie habe nur so die Möglichkeit gesehen, ihre Forschung zu finanzieren und neue Therapieansätze auch zur Anwendung zu bringen. Der Süddeutschen Zeitung erzählte sie im gleichen Jahr die inzwischen vielfach wiederholte Anekdote, dass ihr Mann und sie am Tag ihrer Hochzeit 2002 noch ins Labor gegangen seien, um weiterzuarbeiten. Und dass sie sich als „preußische Türkin“ fühle.

Özlem Türeci wuchs in Lastrup in Niedersachsen auf, eine kleine Gemeinde bei Osnabrück. In der Ortsmitte liegt das St-Elisabeth-Stift, heute ein Pflegeheim, früher ein Krankenhaus. Dort arbeitete ihr Vater als Chirurg, im Ort hatte er auch noch eine Praxis für Allgemeinmedizin. In den 60er-Jahren war die Familie aus der Türkei gekommen. Die ruhig helfenden Nonnen in dem Krankenhaus hätten sie beeindruckt, sagte Türeci im Impulse-Gespräch, sie habe auch Nonne werden wollen. Sie studierte dann doch Medizin.

Ganymed Pharmaceutical wurde schnell größer, hatte erst 30, dann 80 Mitarbeiter. Auch das Kapital wuchs. Private Unternehmen beteiligten sich mit insgesamt 115 Millionen Euro, eine in dem Bereich selten erreichte Summe. In Zeitungsartikeln war Özlem Türeci jetzt „die einzige Frau an der Spitze eines Biotechnologie-Unternehmens“.

2006 bekam das Paar eine Tochter, 2008 gründeten sie Biontech, wieder zusammen mit Christoph Huber. Auch Biontech verfolgt jene Idee weiter, die Özlem Türeci und Uğur Şahin seit Jahren fasziniert: Medikamente zu entwickeln, die sich die Tatsache zunutze machen, dass Immunzellen in der Lage sind, Krebszellen gezielt zu töten. Eine Impfung gegen Krebs. Noch hat Biontech keine Arznei auf dem Markt gebracht, dennoch ist das Unternehmen immer weiter gewachsen. 1300 Mitarbeiter, im Herbst 2019 der Gang an die US-Technologiebörse Nasdaq. „Wir sind ein Cash-Burn-Unternehmen“, sagte Özlem Türeci Anfang des Jahres bei einer Konferenz im bayerischen Tegernsee mit leisem Lächeln: eines, das auf Kapital angewiesen ist, bis die geplante Innovation den Durchbruch bringt.

Biontech richtete sich Mitte Januar schon neu aus

In ihrer ruhigen, selbstbewussten Art ähnelt sie ihrem Ehemann, von dem im Internet weitaus mehr Auftritte zu finden sind. Ende Oktober ließ er sich 45 Minuten lang von der Allgemeinen Zeitung aus Mainz befragen, es gibt ein Video. Ein zugewandter Mann, der auf die Frage, ob er ein Hellseher sei, weil Biontech schon im Januar mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus begann, schlicht sagt, er lese gern wissenschaftliche Literatur und mache sich dann so seine Gedanken. Um Uğur Şahins Hals hängt die Kette, die er immer trägt, ein schmales Lederband. Daran soll sich ein Nazar-Amulett befinden, ein tropfenförmiges Stück Glas, das, so der Glaube in der Türkei und anderen Ländern, den bösen Blick abwendet. Auch Uğur Şahins Familie kam in den 60er-Jahren aus der Türkei. Sein Vater arbeitete bei Ford in Köln. Als Uğur Şahin vier Jahre alt war, zog er mit seiner Mutter nach. Er soll schon als Kind gewusst haben, dass er Medizin studieren will.

Uğur Şahin sagt in dem Video weiter, dass er nach der Lektüre des wissenschaftlichen Artikels zu dem Schluss gekommen sei, dass sich das Virus pandemisch ausbreiten werde. Das war Mitte Januar, da war das Coronavirus in Deutschland noch nicht mal angekommen. Biontech richtete sich neu aus, alle Anstrengungen sollten jetzt in die Entwicklung eines Impfstoffs gehen. Der Name des Projekts: „Lightspeed“, Lichtgeschwindigkeit. Ziel war, das Vakzin noch 2020 zur Verfügung stellen zu können.

Wahrscheinlich ist es diese ruhige Unbeirrbarkeit, die Investoren immer wieder überzeugt hat. Ob ihm nicht schwindlig wird beim Gedanken, dass sein Unternehmen jetzt eines der wertvollsten in Deutschland ist, wird Uğur Şahin gefragt. Erstmal nein, sagt er. Ihr Plan sei, die Art und Weise zu revolutionieren, wie Krebs therapiert wird. Bestimmte Probleme seien an Innovationen geknüpft. Da sei es klar, dass es bei einem Durchbruch zu einer Wertsteigerung komme.

Ebenso schnörkellos erklärt er, wie die Impfung gegen das Coronavirus wirken wird, mit einer Klarheit, die ihn für die „Sendung mit der Maus“ qualifizieren würde. Er beschreibt, wie ein Impfstoff dem Immunsystem eine Infektion vorgaukelt, dass man sich die Dornen des kugeligen Coronavirus als Schlüssel zur menschlichen Zelle vorstellen kann und dass das Ziel ist, die Dornen zu blockieren, sodass sie nicht mehr in die Zellen hineinkommen. Er beschreibt die Wirkungsweise des Biontech-Impfstoffs, der nun der erste eines westlichen Herstellers gegen Covid-19 werden könnte. Sie basiert auf der Idee, einen Bauplan für Bestandteile des Virus in die Zellen zu schleusen. Aus dem stellen diese ein Protein des Erregers her, das den Körper wiederum zur Bildung von Antikörpern gegen das Protein anregen soll. Er produziert den eigentlichen Impfstoff also gewissermaßen selbst. „Das ist sehr elegant“, sagt Şahin.

Der Grund dafür, dass seine Frau und er so nahtlos von der Entwicklung von Krebsmedikamenten auf die eines Impfstoffs umschwenken konnten, liegt darin, dass sie in ihrer Krebstherapieforschung das gleiche Prinzip anwenden. Es lässt sich, so die Hoffnung, im Kampf gegen verschiedene Krankheiten nutzen.

Özlem Türeci und Uğur Şahin sind nicht die einzigen Forscher, die sich bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs auf die so genannte mRNA-Technologie stützen. Auch andere der elf Impfstoffkandidaten, die sich derzeit in der entscheidenden Studienphase III befinden, basieren darauf. Aber Türeci und Şahin waren, wenn alles läuft wie geplant, die Schnellsten.

Ihr Vermögen wird inzwischen auf 2,4 Milliarden Euro geschätzt

Christine Falk, die Freundin aus Homburger Tagen, formuliert es so: „Das war möglich, weil sie 20 Jahre Expertise haben in der Frage: Was muss ich tun, wenn ich einen Impfstoff entwickeln will?“ Und das Virus sei im Zweifel ein einfacherer Gegner als der, dem sie sich sonst gegenübersehen: „Das ist ein neues Protein, den unser Körper noch nie gesehen hat. Es ist einfacher, da eine Immunantwort auszulösen als gegen einen Tumor, der im Grunde unser eigener Körper ist, der sich aber verändert hat.“

Reich waren Özlem Türeci und Uğur Şahin schon eine Weile. Ihr Vermögen wird inzwischen auf 2,4 Milliarden Euro geschätzt. Nun sind sie auch noch berühmt. Die prophetische Adresse von Biontech ist jetzt deutschlandweit bekannt: „An der Goldgrube 12“. Im Internet wird in Videos erklärt, wie man ihre Namen ausspricht – in etwa so: Öslem Türetschi und Uhr Schahin. Sie gelten als bescheiden und unbeeindruckt vom Ruhm, und wenn man Uğur Şahin  im Interview mit dem Nachrichtensender CNN sieht, im Hintergrund ein vollgestopftes Bücherregal und ein Fitnessgerät neben der Couch, glaubt man das gern.

Christine Falk, sagt, dass die beiden schlicht jene Frage antreibt, die auch sie selbst immer noch bewegt: „Wie wird man diese blöden Tumore los?“. Auf dem langen Weg dahin hat das Paar, wie es aussieht, nun erstmal eine andere Frage beantwortet: Wie wird man dieses blöde Virus los?