Wer beschäftigt sich wirklich mit der Arbeit, die von ihm verlangt wird? Es gibt nicht wenige Chefs, die das gerne genau kontrollieren würden.
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BerlinDie Emotionen eines Angestellten sagen viel über die Motivation und Leistungsfähigkeit aus. Ist er gut gelaunt und strotzt er vor Selbstvertrauen? Oder hängen die Mundwinkel nach unten? Der US-Konzern Amazon hat ein Patent für ein Armband entwickelt, das mithilfe einer Stimmerkennungstechnologie emotionale Zustände wie Freude, Wut, Trauer, Angst, Stress und Langeweile detektieren kann.

Warnendes Armband

Der Elektronikkonzern Philips hatte bereits 2009 mit der Bank ABN Amro ein Armband entwickelt, das die Hautreaktionen von Börsenhändlern messen und so die Risiken bei Finanztransaktionen reduzieren soll. Verändern sich die bioelektrischen Eigenschaften der Haut, also die Hautleitfähigkeit oder der Hautwiderstand, indiziert dies eine emotionale Reaktion – der Trader bekommt dann eine Warnung. Börsenhändler, die gierig oder gestresst sind, sind risikoaffiner – und treffen eher irrationale Entscheidungen.

Ein Investment-Banker, der wie im Rausch eine riskante Transaktion nach der anderen vollzieht, kann   das Unternehmen viel Geld kosten. Daher besteht ein Anreiz, die Emotionen der Mitarbeiter genau zu überprüfen – und Exzesse im Keim zu verhindern.


Häufige Störungen am Arbeitsplatz

  • Motivation: Menschen, die sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, machen eher Überstunden, engagieren sich mehr und wechseln seltener den Job. Das bestätigen Studien seit Jahren.
  • Erklärung: „Warum einige Menschen gerne zur Arbeit gehen: Weil sie dabei zeigen können, wie gut sie sind, und so Wertschätzung erfahren“, sagte Arbeitspsychologe Theo Wehner auf Zeit-Online.
  • Druck: Der Report der Initiative Gesundheit und Arbeit von 2016 ergab, dass Frauen häufiger unter Störungen und Unterbrechungen leiden und seltener von flexiblen Arbeitszeiten profitieren.

Einsatz auch im Straßenverkehr oder in der Schule denkbar

Die Beispiele zeigen, wohin sich die Arbeitswelt bewegen könnte. Und digitale Einflussnahme könnte auch anderswo greifen: Die Softwarefirma Affectiva hat eine Emotionserkennung entwickelt, die anhand biometrischer Gesichtsdaten den Gemütszustand eines Autofahrers wie zum Beispiel Wut, Überraschung oder Freude erkennt.

Der Fahrassistent kann daraufhin eine Pause vorschlagen oder beruhigende Musik auswählen. Wütende Autofahrer sind risikofreudiger und damit gefährlicher für den Straßenverkehr. Affectiva hat nach eigenen Angaben 6,5 Millionen Gesichter in 87 Ländern analysiert.

In China werden die emotionalen Zustände von Kindern bereits im Klassenzimmer überwacht. Wenn das KI-System feststellt, dass ein Schüler abgelenkt oder gelangweilt ist, erhält der Lehrer einen Hinweis. Angestellte in staatlichen Betrieben und Militäreinrichtungen müssen zudem spezielle Uniformhüte tragen, die Hirnaktivität und emotionale Zustände messen.

Gesichtsausdrücke sind nicht universell

Die moderne Emotionserkennung beruht im Wesentlichen auf Erkenntnissen des US-Psychologen Paul Ekman, der in den 1970er-Jahren sechs Grundemotionen identifizierte. Er ging davon aus, dass Gesichtsausdrücke universell, das heißt unabhängig vom kulturellen Hintergrund seien. Diese Behauptung gilt in der Forschung heute als widerlegt. Ein Lächeln in China oder Japan kann etwas ganz anderes bedeuten als in Europa. Und das hat wiederum Konsequenzen für den Alltag.

Die Berater Mark Purdy, John Zealley und Omaro Maseli warnten in einem Aufsatz für die Harvard-Business-Review vor den Risiken einer KI-basierten Emotionserkennung: „Stellen Sie sich einen japanischen Touristen vor, der ein Geschäft in Berlin besucht und Hilfe benötigt. Wenn das Geschäft Emotionserkennung einsetzt, um Kunden bei der Beratung zu priorisieren, könnte der Ladenangestellte dessen Lächeln – ein Zeichen der Höflichkeit in Fernost – als einen Hinweis interpretieren, dass dieser keine Hilfe braucht.“

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Bleibt am Ende nur, die Lachmuskeln zu trainieren?

Missverständnisse sind bei der Emotionserkennung also vorprogrammiert. Ältere Kunden oder Mitarbeiter könnten zudem diskriminiert werden, weil Gesichtszüge ab einem bestimmten Alter steifer werden und sich schwerer entschlüsseln lassen. Nicht jede versteinerte Miene ist Ausdruck von Langeweile und Ratlosigkeit.

Und genauso, wie ein vermeintlich freundliches Lächeln ein vergiftetes sein kann, kann ein finsterer Blick ein durchaus fokussierter und produktiver sein. Doch diese Feinheiten im Gesichtsausdruck erkennen Maschinen nicht.

Jenseits dieser methodischen Probleme stellt sich die Frage, wie privat Emotionen angesichts omnipräsenter Screeningtechniken noch sind, und ob es nicht auch ein Recht auf schlechte Laune am Arbeitsplatz gibt. Die New York Times hat schon vor ein paar Jahren die „Tyrannei des erzwungenen Lächelns“ gegeißelt. Es scheint, als würde mit den digitalen Kontrolltechnologien eine neue Disziplin Einzug in die Arbeitswelt halten, seine Lachmuskeln in überwachten Situationen noch ein wenig mehr anzustrengen.