Der Überwachungsmast sieht ein bisschen aus wie ein grünes Fallrohr mit Kamera, er steht zwischen Petersilie und Basilikum, dünne Schläuche verbinden ihn mit Wasserdüsen. Brauchen die Kräuter Feuchtigkeit, greift man zum Smartphone oder sonstigem Rechner, ein Klick und kühles Nass sprüht über die Pflanzen.

Das kamerabestückte Rohr bildet das Zentrum des Schaubeets der IPGarten GmbH auf der Internationalen Gartenausstellung (IGA). Und es ist das Kernstück einer Geschäftsidee: Übers Internet ansteuerbare Beete, in denen das Gemüse der Kunden wächst.

Ernte wird geliefert

Philipp Wodara, beim jungen Unternehmen für Marketing und Gemeinwohlökonomie zuständig, zeigt auf die Kamera: „Damit können die Kunden sehen, wie ihre Pflanzen wachsen und reifen, ob gejätet oder eine Tomate ausgegeizt werden muss.“ Die Idee dazu hatte Martin Kruszka, heute einer der Geschäftsführer, in seinem Gemüsegarten auf dem Land. Als seine Pflanzen verdorrten, weil er nicht aus der Stadt wegkam, suchte er im Netz nach Farmsystemen und landete bei Bauernhofspielen.

Wodara lacht. Er sagte sich, wenn das per Spiel geht, muss das doch auch per Internet und Kamera funktionieren und fing an zu basteln. Heraus kam eben jener Kontroll- und Bewässerungsmast, der vier um ihn herum angeordnete 16 Quadratmeter-Parzellen versorgt.

Er sendet Bilder, Wetter- und Bodendaten an die Nutzer, die von ihren Rechnern aus die Wasserdüsen aktivieren, je nach Bedarf Jät- oder Düngeeinsätze ordern und ihre Erträge an einem digitalen Marktstand tauschen können. Ein bisschen wie bei den Farmspielen – mit dem Unterschied, dass die Ernte einmal wöchentlich an Verteilstellen in Schöneberg und Prenzlauer Berg geliefert wird.

Rasenmähroboter

Die IPGärtner stellen ihr Projekt natürlich im Netz (www.ipgarten.de) und bei der IGA auf der Ausstellungsfläche der Malzfabrik vor. Das Prinzip ist überzeugend, wenn man akzeptiert, dass die Kunden nie selbst in der Erde wühlen und ihre Pflanzen, die 80 Kilometer von Berlin entfernt wachsen, erst nach der Ernte anfassen dürfen. Für passionierte Buddler ist das nichts, wohl aber für Leute, die wenig Zeit haben oder gern via Monitor Kontakte pflegen. Die Ernte ist konkret, und die Entscheidung, was angebaut werden soll, ist es auch.

„Unter unseren Kunden sind Bürogemeinschaften, die die Bepflanzung ihrer Beete in den Mittagspausen diskutieren und Schulklassen, die so lernen, wo die Möhren herkommen“, erzählt Wodara. Das Interesse ist groß, nach einer Testphase 2016 sind die meisten der 50 Parzellen für 2017 vergeben. Das Unternehmen wächst, potentielle neue Flächen werden gerade erkundet und die Biozertifizierung läuft.

Ein paar Meter neben dem IPGartenbeet auf der IGA präsentiert der Husqvarna-Stand seine Rasenmähroboter – auch das ist digitale Technologie für den Garten. Und auf Äckern gibt es ja längst computergesteuerte Mähdrescher, Jät- und Ernteroboter sind im Testbetrieb, Agrarchemiekonzerne entwickeln Software, die Dünger und Pestizide exakt auf den jeweiligen Betrieb abstimmen sollen. Dazu benötigen sie viele Daten vom Acker und von den Kunden, der Grat zwischen Nutzen und Abhängigkeit vom Anbieter ist schmal.

Bewegung oder Bequemlichkeit?

Natürlich können Jät- oder Ernteroboter eine große Hilfe sein, gerade in der Biolandwirtschaft, wo Unkraut ja nicht weggespritzt wird. Nur wer noch nie acht Stunden am Stück jätete oder Erdbeeren pflückte, wird Knochenarbeit auf dem Acker romantisieren. Andererseits würden viele Menschen ungern auf diese Verdienstmöglichkeit verzichten. Ähnlich ist es mit dem Rasenmähen – es ist schön, wenn das ohne uns Menschen geht, andererseits ist ein bisschen Bewegung im Garten doch genau das, was vielen fehlt.

Die IPGärtner sind jedenfalls kein profithungriger Großkonzern, sondern haben die Prinzipien der Gemeinwohlökonomie sogar im Gesellschaftervertrag verankert. Ihr Ziel sind faire Bezahlung, Transparenz, Nachhaltigkeit und Regionalität in der Nahrungsmittelproduktion. Ihr Angebot macht vielen Spaß und versorgt Städter mit lokalem Biogemüse. Und es regt zum Nachdenken darüber an, wie unser Essen entsteht und welche Rolle Computer in Gärten, auf Äckern, in der Natur spielen können oder sollten.

Best Ager im Netz

Um Fragen wie diese geht es auch bei einer Veranstaltungsreihe, die IGA-Marketingleiterin Jeannine Koch zusammen mit der Gesellschaftskonferenz re:publica konzipierte. „Ich komme selbst aus der digitalen Szene. Für mich war klar, dass die IGA auch Fragen der digitalen Vernetzung aufgreifen muss“, sagt Jeannine Koch. Damit peilt Koch ein neues Zielpublikum an, immer mehr jüngere Städter haben ein Hochbeet im Gemeinschaftsgarten.

Aber auch eher klassische IGA-Besucher wollen nicht nur Rosenrabatten, erzählt sie: „Als ich vor fünf Jahren bei der IGA anfing und sagte, dass wir Facebook brauchen, eine Website, eine App, hieß es, unsere Zielgruppe könne mit dem Handy nicht umgehen. Studien zeigen aber, dass selbst sogenannte Best Ager im Netz aktiv sind.“

Vielleicht kommen also auch solche Pflanzenfreunde zu den Vorträgen über Digitalisierung im Grünen auf das IGA-Gelände, während sie per Mausklick ihre Pflanzen gießen.