Berlin - Sprechende Geräte sind längst ein fester Bestandteil des Alltags geworden. Niemand wundert sich im Auto, wenn das Navigationssystem Empfehlungen ausspricht, wo der Fahrer abbiegen soll. Und Alexa oder Siri können inzwischen auch einfache Alltagsfragen beantworten. Bei Google haben die Entwickler eine neue Stufe erreicht. Die Software antwortet intuitiv, auf Basis vorhandener Informationen, ohne Vorgaben der Programmierer. So beschrieb es Google-Chef Sundar Pichai bei seiner Präsentation.

Pichai machte das Ergebnis an einem Beispiel deutlich. Gesprächspartner war nicht eine fiktive Person, sondern der Planet Pluto. „Was würde ich sehen, wenn ich dich besuchen würde?“, fragte die Sprecherin. Plutos Antwort: „Du würdest massive Schluchten, gefrorene Eisberge, Geysire und einige Krater sehen.“ Antwort der Sprecherin: „Das klingt großartig.“ Plutos Reaktion: „Ich kann versichern, dass die Reise sich lohnen würde. Aber was auch immer, denke an einen wärmenden Mantel, denn es wird kalt sein.“ Antwort der Sprecherin: „Ich werde das im Hinterkopf behalten, habe aber noch eine Frage: Gab es jemals Besucher auf Pluto?“ Wieder Pluto: „Ja, da gab es welche. Besonders bemerkenswert war ‚New Horizons‘, die Raumsonde, die mich besucht hat.“

Danach ist wieder Google-Chef Pichai dran. Er erklärt die technischen Hintergründe, beschreibt, wie die Software trainiert wurde, um tatsächlich spontan und im Zusammenhang antworten zu können. Das seien die Voraussetzungen für ein offenes Gespräch, sagt Pichai. Noch befinde sich das Projekt aber in der Entwicklungsphase, er wurden bei der Präsentation auch Antworten gezeigt, die keinen Sinn ergeben. Wohin die neue Kommunikationstechnologie, LaMDA genannt, in den nächsten Jahren führen wird? „Wir glauben, dass LaMDA Informationen leichter zugänglich und Computer einfacher steuerbar machen wird“, sagte Pichai.

Gut möglich, dass die Technik überall dort eingesetzt werden kann, wo einfache Konversation stattfindet. Call- und Service-Center sind denkbare Anwendungsbereiche. Generell geht es dem Konzern darum, sein Wissen über die Welt insgesamt immer stärker über Sprache nutzbar machen. So soll es in Zukunft etwa ausreichen, dem Kartendienst zu sagen, man würde gern auf dem Weg zum Ziel eine Route mit einem schönen Blick auf Berge nehmen, damit eine entsprechende Strecke ausgewählt werden kann.

Künstliche Intelligenz kommt auch beim „Project Starline“ zum Einsatz, mit dem Google Unterhaltungen per Video revolutionieren will. Bei dem System werden Menschen und Lichtverhältnisse von mehr als einem Dutzend Kameras und Sensoren erfasst. Übertragen werden die Bilder auf neu entwickelte Bildschirme, die Details besonders realistisch wiedergeben sollen. Eine Journalistin des Magazins Wired, die das System vorab testen konnte, bestätigte den Eindruck, der Gesprächspartner sitze einem direkt gegenüber. Zugleich lasse der Effekt nach, sobald man nicht von der richtigen Stelle auf das Display schaue, schränkte sie ein. Laut Google wurde an der Technologie schon seit mehreren Jahren gearbeitet – und weitere Jahre der Entwicklung seien nötig.

Zugleich gab Google auf seiner Entwicklerkonferenz Google I/O einen Ausblick auf die nächste Version des dominierenden Smartphone-Systems Android vor. Die aktuelle Oberfläche, das „Material Design“ hatte Google schon 2014 eingeführt. Es soll nun im Herbst dem neuen „Material You“ weichen und erstmals in Android 12 zum Einsatz kommen. Neben dem neuen Design bringt Android 12 auch neue Möglichkeiten, was den Schutz der eigenen Daten betrifft. Ein neues Privatsphäre-Dashboard gibt einen Überblick über die Berechtigungseinstellungen und informiert im Detail darüber, welche Apps wie oft auf welche Daten zugegriffen haben. App-Berechtigungen können dann im Dashboard bei Bedarf auch direkt entzogen werden. Mit dem ungefähren Standort führt Google auch eine neue Berechtigungskategorie für Apps ein, die zwar den Standort benötigen, aber eben nicht den exakten, sondern nur den ungefähren. Ein Anwendungsbeispiel für den ungefähren Standort wären etwa Wetter-Apps.

Zum Aspekt der Datensicherheit gehört auch die Möglichkeit, die Suchanfragen-Historie der vergangenen 15 Minuten zu löschen. Außerdem wird man in der Foto-App einzelne Ordner mit Passwort-Schutz einrichten können – zum Beispiel für Aufnahmen von Dokumenten. Zum besseren Schutz der Privatsphäre soll künftig auch mehr Datenverarbeitung direkt auf dem Smartphone stattfinden (Private Compute Core), insbesondere wenn es um persönliche Daten aus dem Video-, Audio- und Sprachbereich geht.

Die Beta-Version von Android 12 ist ab sofort für Pixel-Smartphones verfügbar, sodass Interessierte und Experimentierfreudige mit einem Google-Telefon schon einen Blick auf „Material You“ werfen können. Mit einer überarbeiteten Farbpalette und neu gestalteten Widgets soll sich die neue Oberfläche weitergehender als bislang personalisieren lassen.

Der Konzern veranstaltete die Konferenz in diesem Jahr angesichts der Corona-Pandemie in einem Online-Format. Anders als bei vielen anderen solchen Veranstaltungen wurde die Präsentation nicht vorab aufgezeichnet, sondern am Dienstag live von einer kleinen Bühne zwischen Gebäuden der Firmenzentrale in Kalifornien übertragen. Einige Google-Mitarbeiter mit Masken sorgten in sicherer Entfernung zueinander als Zuschauer für Applaus.

Im Geschäft mit Computer-Uhren tun sich unterdessen Google und Samsung zusammen, um besser mit dem Marktführer Apple Watch zu konkurrieren. Samsung wird seine nächsten Smartwatches nicht mehr mit dem hauseigenen Betriebssystem Tizen ausstatten, sondern auf Googles Plattform Wear OS umsteigen. Zugleich soll Wear mit Tizen-Elementen zu einem übergreifenden System weiterentwickelt werden.