Hand des humanoiden Roboter RoboThespian
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BerlinIn dieser Woche war ich bei der Eröffnung eines Instituts für Künstliche Intelligenz. Für die Gäste stand dort unter anderem ein Bildschirm bereit. Wenn man sich vor ihn stellte, sah man sein eigenes Gesicht. Darunter konnte man ablesen, wie alt einen das System schätzte, das dahintersteckte. Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller guckte hinein. Der Forscher, der danebenstand, kommentierte das Ergebnis: „28 bis 40 Jahre. Eher 28.“ Müller, im Jahre 1964 geboren, freute sich sehr.

Zuvor hatte ihm der Forscher allerdings einen Tipp gegeben: Wenn man lächle, schätze einen das System jünger, sagte er. Und Müller lächelte. Auch ich habe es dann ausprobiert: Wenn ich grinste, war ich 28, wenn ich finster guckte, war ich 60 Jahre alt.

„Ja, so’n künstlichet System muss ehm ooch erst lernen“, sagte mein innerer Berliner. „Nich jeda, der finsta kiekt, is wirklich alt – und übrijens ooch nich böse. Dajejen hat schon manche aalglatte Grinsebacke janz ville Leute übert Ohr jehaun. Dit Lehm lehrt: Die fiesesten Vöjel kieken oft am nettesten. Und die gruseligsten Finstalinge sind oft die besten Kumpels.“ Da hat er recht. Es ist schwierig, an äußeren Merkmalen das Wesentliche zu erkennen – nicht nur für Künstliche Intelligenz.

In die Irre geführt

Ich schaue mir zum Beispiel gerne im Internet Videos an, in denen Leute etwas einschätzen, das sie nur aus der Ferne kennen.  So wurden etwa Studenten einer japanischen Uni befragt, was ihnen einfalle, wenn sie an die Deutschen dächten. Die Antworten lauteten: „Bier und Wurst“ – „viele kahlköpfige Leute“ – „ziemlich seriös“ – „haben oft Bärte“ – „halten sich an Regeln“ – „haben die Verfassung entwickelt“ – „die Männer sind sexy, weil sie muskulöser sind und kantige Gesichter haben“ (sagte eine Studentin zum Leidwesen ihrer weichgesichtigen Kommilitonen).

Beim ersten Besuch in Berlin erlebt dann so mancher einen „Kulturschock“ – dieser Begriff fällt übrigens recht oft in solchen Videos. Eine junge Japanerin erschrak darüber, dass so viele Leute tätowiert sind. „In Japan werden Tätowierte schnell als kriminell und gefährlich eingestuft“, sagte sie. Auf der anderen Seite seien die Leute so freundlich zueinander. Wenn jemand auf dem Bürgersteig mit einem anderen zusammenstoße, sage er „Sorry“ oder man lächle sich an. In Japan gebe es nur böse Blicke. Ja, sogar zu Obdachlosen seien die Deutschen nett.

Nicht diplomatisch, in Freundlichkeiten verpackt

Ich finde es bemerkenswert, dass uns jemand als nett und freundlich betrachtet. Ich dachte, dass hierzulande – vor allem in Berlin – gerade das Abendland untergeht, was den Umgang miteinander betrifft. Ich meine etwa den Radfahrer, der einem auf dem Fußweg hinten reinfährt und dabei „Vapiss da …“ brüllt. Oder den wie irre hupenden Autofahrer. Oder den Typen, der einen auf der Treppe anrempelt. Aber offenbar geht es immer noch schlimmer.

Besonders interessant fand ich etwas, das ich immer wieder hörte: Die Deutschen seien „sehr geradeaus“ und „brutal ehrlich“. So in der Art: „Eh, hast du ’ne neue Hose?“ – „Nein.“ – „Das sieht man!“

Viele Ausländer sind erst einmal verblüfft, dass solche Dinge nicht diplomatisch, in Freundlichkeiten verpackt vermittelt werden. Doch dann finden es viele gut, und zwar Amerikaner, Neuseeländer   und Japaner gleichermaßen. Sie sagen: So wisse man wenigstens, woran man sei und dass Freundlichkeit wirklich aus dem Herzen komme und nicht nur antrainiert worden sei. Der Trend der ruppigen Ehrlichkeit wird immer beliebter? Kaum zu glauben! Als Berliner kann man sich nur darüber freuen.