Die eine Zukunft gibt es nicht“, sagt Reinhold Leinfelder, „sondern es gibt viele mögliche Zukünfte.“ Und die möchte der Geografie-Professor künftig im Herzen von Berlin erlebbar machen. Der 58-jährige Leinfelder ist Gründungsdirektor des Hauses der Zukunft (HdZ), eines Gemeinschaftsprojekts von Bundesforschungsministerium, Wissenschaftsverbänden und Großunternehmen. Am Mittwoch legte Forschungsministerin Johanna Wanka am Kapelle-Ufer in Mitte den Grundstein für den Bau.

Ein andersartiges Museum soll nach Leinfelders Vorstellungen dort entstehen, eine Mischung aus Inszenierung und Ausprobieren: „Wir wollen das Interesse an der Zukunft wecken, zeigen, dass sie nicht nur auf einen zukommt, sondern wir sie gestalten können. Dabei wollen wir die Bedeutung der Kooperation von Wissenschaft, Forschung, Entwicklung und Zivilgesellschaft für die Zukunftsgesellschaft unterstreichen“, erklärt er das Ziel des HdZ.

3200 Quadratmeter Ausstellungsfläche, verteilt auf drei Etagen, und ein Veranstaltungssaal mit fast 600 Plätzen stehen Leinfelder zur Verfügung, um diese Ideen zu vermitteln. Dabei ist er als Paläontologe von Berufs wegen eigentlich der Vergangenheit zugewandt. Doch Leinfelder gilt als erfahrener Museumsdirektor, leitete schon das Berliner Naturkundemuseum.

Ideen für Ausstellungskonzepte werden noch gesammelt

Sein Konzept für das Haus der Zukunft steht bereits. Das Herzstück soll eine „liquide Dauerausstellung“ im oberen Stockwerk bilden – mit fünf Kernthemen: Arbeit, Gesundheit, Ernährung, Wohnen und Energie. „Die Themen stehen miteinander in Verbindung“, erläutert Leinfelder. Schließlich könne man etwa Gesundheit in der Zukunft nicht ohne die Frage der Ernährung oder des Klimas beleuchten. Der Schwerpunkt der Ausstellung soll häufig wechseln: „Immer wieder wollen wir wie mit einer Lupe bestimmte Themen hervorheben.“ Dabei ist es dem Gründungsdirektor wichtig, dass nicht nur technische Innovationen präsentiert werden, sondern auch die sozialen Zusammenhänge.

Was genau die Besucher erwartet, steht indes noch nicht fest. Aktuell werden Arbeitsgruppen gebildet, die Ideen entwickeln sollen, welche dann mit einem Ausstellungsbüro umgesetzt werden. Leinfelder illustriert jedoch am Beispiel Wohnen, was ihm vorschwebt: Hier gebe es abhängig davon, welchen Pfad die Gesellschaft einschlägt, ob sie nur reaktiv auf Probleme reagiert oder eher versucht, möglichst ressourcenschonend zu leben, viele verschiedene denkbare Zukunftsszenarien. So könne es sein, dass Häuser oder gar ganze Stadtteile auf dem Wasser gebaut werden müssen, oder wir, wie bereits heute teilweise in Tokio der Fall, in engen Schlafboxen hausen. Dies könne man in Modellen erlebbar machen.

Im Untergeschoss will Leinfelder ein Reallabor entstehen lassen, in dem Prototypen inspiziert und ausprobiert werden können. „Es soll kein Showroom für unsere Gesellschafter werden“, betont der Professor. Aber natürlich könnten die am HdZ beteiligten Unternehmen wie BASF, Siemens oder Infineon ihre Innovationen dort ebenso zeigen wie kleine Initiativen: „Ich kann mir dort aber auch eine Versuchsküche vorstellen oder eine Ausstellung, in der man erleben kann, wie es ist, von Robotern bedient zu werden.“

Neubau soll Ende 2016 stehen

Ein Stockwerk höher soll eine Kommunikationsebene entstehen mit Platz für Vorträge, Workshops, aber auch für Slams und Theateraufführungen. Leinfelder: „Meine Vision ist, dass wir eine gute Diskurskraft zustande bekommen. Denn wir brauchen den Dialog von Wirt- und Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft.“

Ein Ort des Diskurses – das klingt sehr nach dem Anspruch des neuentstehenden Humboldt-Forums. „Es gibt da viele Schnittmengen“, räumt Leinfelder ein. Dennoch würden beide Häuser unterschiedliche Profile entwickeln. Das Humboldt-Forum sei aufgrund der dort eingebrachten Sammlungen deutlich objektbezogener und entwickle seine Zukunftsdiskurse stärker aus der Vergangenheitsbetrachtung. „Wir werden hingegen stärker von der heutigen Gesellschaft ausgehen.“

Ende 2016 soll das Gebäude mit den beiden großen Fensterfronten Richtung Spree und Stadtbahnviadukt fertig sein. 58 Millionen Euro kostet der Bau, der als Public-private-Partnership errichtet wird. Der private Partner, die BAM Deutschland AG, ist für die Errichtung und 28 Jahre lang für den Betrieb des Gebäudes zuständig, das Haus der Zukunft wird Mieter. Das Bundesforschungsministerium erhofft sich davon zehn Prozent Kostenersparnis sowie größere Terminsicherheit und Qualität. Für den zukünftigen Betrieb und Investitionen in die Ausstellung plant es acht Millionen Euro pro Jahr ein.