Guck mal, ein Monster!“, ruft der Sechsjährige aufgeregt und zeigt auf ein Bild in seinem Buch. Dort ist der Grüffelo zu sehen, ein Zottelwesen mit großen Augen, Krallen, Hörnern und Wildschwein-Hauern. Das Bilderbuch-Monster der britischen Schriftstellerin Julia Donaldson ist bei vielen Kindern beliebt. Es ist trotz seines furchterregenden Äußeren leicht an der Nase herumzuführen. Doch Monster können auch ganz anders daherkommen: als riesige Killermaschinen, glitschige Horrorgebilde, fiese, aggressive Wesen mit scharfen Zähnen. Meist stammen sie aus anderen Welten, erdacht in Hollywood. Gerade zu Halloween begegnet man ihnen wieder in allen Varianten. Bei Wikipedia findet man den Satz: „Monster oder Monstrum bezeichnet ein widernatürliches, meist hässliches und angsterregendes Gebilde oder eine Missbildung.“

Widernatürlich, hässlich, angsterregend? Waren Monster schon immer so, oder hat sich ihr Bild mit den Zeiten verändert? Woher kommen sie eigentlich? Der Begriff Monster stammt aus dem Mittelalter. Damals bedeutete das lateinische Wort „monstrosus“ – also monströs – etwas ganz anderes als heute, wo es Vorstellungen von etwas Gewaltigem, Bedrohlichen erzeugt. Man könnte es am besten mit „wunderlich“ wiedergeben, schreibt Rudolf Simek, Germanistik-Professor an der Universität Bonn, der sich als Erster in einer großen Studie mit dem Ursprung der Monster beschäftigte. Diese waren Teil des mittelalterlichen Wunderglaubens, der erstaunliche Dinge, göttliche Wunder und besondere Vorzeichen umfasste. Zu Letzteren – den „portenta“ – gehörten zum Beispiel das Erscheinen von Kometen oder blutiger Regen, aber auch die „prodigia“ – Wunderkinder, die auf Großes vorausdeuteten – sowie die „monstra“, die auf eine verborgene Bedeutung hinwiesen. Das lateinische Wort „monstrare“ steht für zeigen, deuten.

Antike Wurzeln

Monster sind also nach mittelalterlichem Verständnis wunderliche Geschöpfe,deren Dasein auf etwas hinweisen oder deuten soll. Was dieses Etwas sein sollte, darüber haben sich Theologen jahrhundertelang gestritten. Zu den Monstern zählten in erster Linie fabelhafte Völker in fernen Ländern. Rudolf Simek spricht von mittelalterlichen Wundervölkern, deren Vertreter sich von gewöhnlichen Menschen unterschieden, „und zwar nicht auf einmalige Art, wie bei den Missgeburten, sondern auf eine für das ganze Volk gültige Weise“. Sie seien von den Europäern als wunderlich, bizarr, schaurig, fremd und abstoßend angesehen worden, aber kaum als direkte Gefahr für sie selbst.

Ein Vierteljahrhundert lang habe er sich mit dem Thema Monster beschäftigt, erzählt Rudolf Simek, der 1954 im österreichischen Eisenstadt geboren wurde und Germanistik, Philosophie und Theologie studierte. „Zunächst war das Thema ein Abfallprodukt meiner Habilitationsschrift über Kosmografie im Mittelalter“, sagt Simek. Diese hatte er 1990 in Wien eingereicht. „Dann beschäftigte ich mich intensiver mit gerade diesem Aspekt der mittelalterlichen wissenschaftlichen Ethnografie.“ Nun stehen die Monster im Mittelpunkt seines 360-seitigen Buchs „Monster im Mittelalter“, das im Böhlau-Verlag erschienen ist.

Anders als heute konnte sich im Mittelalter kein Hollywood-Regisseur oder Autor irgendein grässliches Wesen ausdenken und das Etikett Monster draufpappen. Monster gehörten zur Naturwissenschaft und zum religiösen Diskurs der damaligen Zeit. Es gab einen regelrechten Monster-Kanon, in den kaum ein Wesen Einzug fand, das in der direkten Umgebung, in Wäldern oder Höhlen wohnte. Der Grüffelo aus dem nahen Wald hätte also den Monstertest im Mittelalter nicht bestanden. Genauso wie Drachen oder Einhörner, Greife oder Trolle, die zum Volksglauben gehörten und nicht zur mittelalterlichen Naturkunde. Auch King Kong oder saurierähnliche Geschöpfe wären als tierische Ungeheuer nicht in den Kreis der Monster aufgenommen worden. Denn echte Monster waren menschlichen Ursprungs oder zumindest teilmenschlich.

Die Ausnahme bildeten Meeresungeheuer, von denen man sich damals recht wunderliche Vorstellungen machte. Das ist verständlich, denn in der Zeit vor den großen Entdeckungen waren die Ozeane eine unheimliche Welt und Schiffsreisen ein echtes Abenteuer ohne die Gewissheit, je irgendwo anzukommen oder eines Tages wiederzukehren. Zu den Monstern der Meere, die vom Jahre 600 n. Chr. an in Schriften und auf Seekarten immer wieder zu finden sind, gehörten übertrieben dargestellte Wale, Delfine, Schwertfische, Meerkälber, Meerhirsche oder Riesenschildkröten. Weiterhin zählten dazu Meermönche und -ritter, ebenso Sirenen, die man noch heute an Portalen und Kapitellen mittelalterlicher Kirchen findet.

Wie die Sirenen, so haben auch andere mittelalterliche Monster ihre Wurzeln in der Antike, unter anderem in den Erzählungen des Griechen Homer, der bereits über Lotusesser, Pferdemelker, Zyklopen und behaarte Frauen geschrieben hatte. Die Quellen für solche Wesen waren oft antike Reiseberichte, die offenbar nach und nach wunderliche Übertreibungen erfahren hatten. Man kennt so etwas auch von heutigen Stammtisch-Erzählungen, die sich von Bericht zu Bericht wandeln. Am Rande mittelalterlicher Karten begegnet man ganzen Galerien ferner Monstervölker.

Die Vertreter des Volkes der Blemmyae zum Beispiel besitzen keine Köpfe, sondern tragen Nase, Mund und Augen auf der Brust. Die Skiopodes haben nur ein Bein, auf dem sie verblüffend schnell umherhüpfen können. Wenn die Sonne scheint, legen sie sich auf den Rücken und beschirmen sich mit ihrem riesigen Fuß. Die Patrophagi gehören zu den Menschenfressern. Sie mästen ihre Eltern, schlachten sie und verzehren sie dann im Freundeskreis, weil es unrühmlich ist, die Eltern von Würmern fressen zu lassen. Die Cynocephales besitzen Hundeköpfe und verständigen sich durch Bellen. Es gibt gehörnte, sechsarmige, vieräugige, nasenlose, großohrige Menschen sowie Frauen, die mit fünf Jahren gebären und mit acht Jahren sterben. Etwa 250 Eintragungen enthält Rudolf Simeks Lexikon der menschlichen Monster im Mittelalter.

Tausendjährige Suche nach Antworten

Viele dieser Wesen machte der spätantike Autor Solinus in seinem Werk von den „Wundern der Welt“ (De mirabilibus mundi) populär, vermutlich im 4. Jahrhundert. Eine große Rolle spielten dabei Dichtungen über die Feldzüge Alexanders des Großen. Diese führten einst bis an den Indus, also an den Rand der bekannten Welt. Und so lässt sich bei manchem der Monstervölker der Ursprung rekonstruieren oder erahnen. Die Bragmani zum Beispiel – nackte und weise Höhlenbewohner – gehörten offenbar zur indischen Priesterkaste der Brahmanen. Die Pygmäen, die angeblich nur eine Elle groß sind, leben in Afrika, dessen Inneres damals für Europäer unbekannt war, ein Wohnort vieler Fabelrassen und Wundervölker. Und bei den Kopflosen – den Blemmyae – könnte es sich um nordafrikanische Berberkrieger hinter bemalten Schilden gehandelt haben.

Etwa 170 antike und mittelalterliche Quellen gibt Rudolf Simek zum Thema Monster an. Ein umfangreiches Verzeichnis von Wundervölkern bot zum Beispiel der Bischof Isidor von Sevilla in einer um das Jahr 600 verfassten Enzyklopädie, den „Etymologiae“. Simek sieht darin eine maßgebliche Schrift für das Mittelalter. „Verzeichnisse von Wundervölkern finden sich im gesamten mittelalterlichen enzyklopädischen Schrifttum vom 12. bis 14. Jahrhundert“, schreibt er. Die erste umfangreiche Darstellung in deutscher Sprache enthielt das um 1350 erschienene „Puoch von der Natur“ des Konrad von Megenberg.

Die Monster gehörten – wie bereits gesagt – zur mittelalterlichen Naturkunde. Sie waren eine quasi wissenschaftliche Antwort auf die Frage, wem man an den Grenzen der bekannten Welt begegnen konnte. Und diese Grenzen lagen im Hochmittelalter für die Europäer in Cathay (China), Äthiopien (Afrika) und Skythien (dem Norden Asiens und Europas). Weit im Süden vermutete man einen weiteren Kontinent, die „terra australis incognita“. Die Bewohner dieses Kontinents auf der Erdrückseite wurden Antipoden, also Gegenfüßler genannt. Der Streit um sie beschäftigte im Jahre 748 sogar den Papst, der ihre Existenz verneinte.

Neben den naturkundlichen gab es aber auch eine wichtige theologische Frage, und zwar, ob diese Wundermenschen, wie ein mittelalterlicher Autor schrieb, „von Adam abstammen“. Also eine Schöpfung Gottes waren. Denn sie standen nicht in der Bibel, mit Ausnahme der menschenfressenden Endzeitvölker Gog und Magog. Diese waren bereits im Alten Testament zu finden.

Tausend Jahre lang versuchten mittelalterliche Denker, diese Frage zu beantworten. Der bereits erwähnte Bischof Isidor von Sevilla sagte im 7. Jahrhundert, die Wundermenschen seien nicht gegen die Natur, „weil sie nach göttlichem Willen entstehen“. Die Auffassung lautete, dass die Wundervölker den christlichen Völkern nach göttlichem Heilsplan etwas zeigen sollten. Sie waren da, um zu warnen – und zwar vor den Folgen des Sündenfalls und vor den Konsequenzen des eigenen sündhaften Handelns. Eine verbreitete Auffassung lautete: Die Wundervölker stammten von Adam und Eva ab. Aber sie seien die Nachkommen ihres erstgeborenen Sohnes Kain, der seinen Bruder erschlagen hatte. Sie trügen für alle sichtbar das Kainsmal. Laut der „Wiener Genesis“ aus dem 11. Jahrhundert wiederum habe Adam seinen Töchtern während ihrer Schwangerschaft den Genuss schädlicher Kräuter verboten. Sie missachteten dies und bekamen darauf missgebildete Kinder. „Einige hatten Häupter wie Hunde, einige den Mund auf der Brust und die Augen auf den Schultern, sodass sie den Kopf vermissten“, heißt es in der Schrift.

Menschlich oder nicht?

Der spätantike Theologe Augustinus betrachtete die Wundervölker sogar als „kollektive Formen wirklich vorkommender Missgeburten“ , wie Rudolf Simek schreibt. Bis heute findet man unzählige missgebildete menschliche Föten in medizinisch-pathologischen Sammlungen, unter anderem in Berlin und Wien. Die Präparate zeigen Einäugige, Mundlose, Zwitter, Albinos oder am ganzen Körper Behaarte. Eine mittelalterliche Theorie war, dass solche Fehlbildungen durch eine Verformung des Spermas entstanden – verursacht durch eine zu karge, zu trockene oder zu feuchte Umgebung.

Bis ins 13. Jahrhundert hinein waren die Wundermenschen fast durchweg nackt zu sehen. Erst ab dem Hochmittelalter stellte man sie zunehmend bekleidet, sogar in höfischer Tracht dar. Doch eines blieb immer: der befremdliche Blick der „normalen“ Menschen auf das Exotische jener Monstervölker. Sie waren auf verschiedene Weise andersartig. Die Abgrenzung geschah vor allem, indem man die Mängel beschrieb. Für Simek ist das eine Haltung, die nicht auf die Antike oder das Mittelalter beschränkt blieb: „,Die Anderen‘ haben keine verständliche Sprache (wie wir), sie haben keine manierlichen Sitten (wie wir), die haben kein geordnetes Sozialwesen (wie wir), keine raffinierten Speisen (wie wir) und vor allem kein normales Aussehen wie wir, die Europäer.“

Die Vorstellungen von den Monstern waren offenbar so real, dass sie sogar die Entdeckungen im ausgehenden Mittelalter beeinflussten. In den Zeiten von Kolumbus wurde plötzlich aus der Theorie die Praxis. Die Welt schrumpfte zusammen, und man begegnete den Völkern am bisherigen Rand der Welt. Dabei wirkten die mittelalterlichen Vorstellungen lange nach, zumal sich auch manche zu bewahrheiten schienen. Kolumbus etwa erfuhr 1492, als er vor der Insel Hispaniola ankerte, dass die Bewohner der Insel Angst vor dem Stamm der Caniba oder Cariba hätten. Diese gehörten offenbar zu den Antropophagen, also Menschenfressern. Und der spanische Konquistador Hernán Cortés erhielt 1518 für die Eroberung Mexikos die Instruktion, nach großohrigen und hundsköpfigen Menschen Ausschau zu halten. Noch im 18. Jahrhundert sichtete man in Amerika angeblich Kopflose und Hundsköpfige.

Für die eroberten Völker wurden die bislang rein theologischen Fragen lebenswichtig: Sind Monster menschlich oder nicht? Haben sie eine unsterbliche Seele? Denn in der imaginären Welt der Wundervölker lebten auch Mischwesen, zum Beispiel die Kentauren, Sirenen, Faune und Satyrn. Bei all den Unwägbarkeiten „mag es überraschen, dass sich die verschiedenen Autoren des Mittelalters nur in wenigen Ausnahmefällen gegen die Menschlichkeit der Wundervölker aussprachen“, sagt Simek. Nun sollte sich im Umgang mit den indigenen Völkern der Kolonien zeigen, was die Theorie wert war.

Monsterfantasien von heute sind ideenloser als früher

Weil großer Bedarf an Arbeitskräften in Bergwerken und Ländereien herrschte, nutzten die Kolonialherren diese Völker als Sklaven und menschliche Lasttiere. Kirchenvertreter protestierten dagegen. „Wer hat euch Vollmacht gegeben, so verabscheuungswürdige Kriege gegen diese Menschen zu führen?“, fragte der Dominikanermönch Antonio de Montesinos in einer berühmt gewordenen Predigt 1511 in der Hauptkirche von Santo Domingo. „Haben sie nicht vernunftbegabte Seelen? Seid ihr nicht verpflichtet, sie zu lieben wie euch selbst?“ In Folge dieser und anderer Kritik erließ der spanische König 1512 Gesetze zu einer besseren Behandlung der indigenen Bevölkerung. Angesichts all dessen, was in den Jahrhunderten darauf noch folgte, kann man aber kaum sagen, dass sie dauerhaft geholfen hätten.

Die mittelalterliche Tradition der Wundervölker gelangte in der Frühen Neuzeit an ihr Ende. Die Monster späterer Jahrhunderte hätten eigentlich gar nicht mehr Monster heißen dürfen. Sie waren kein Teil des Wunderglaubens mehr, gehörten nicht mehr zur Völkerkunde. Zunehmend wurden rein fantastische Wesen gezeigt, zum Teil mit Bezug zur Antike. Dazu gehören die Chimären, Mischwesen aus verschiedenen Tieren, etwa Ziege, Löwe und Schlange. In gotischen Kathedralen findet man oft drachenartige Wasserspeier, sogenannte Gargoyles. Sie entsprechen mit ihrem dämonischen Aussehen wohl am ehesten dem, was sich heutige Menschen unter Monstern vorstellen. Aber mit dem ursprünglichen Sinn der „monstra“ haben sie nichts zu tun.

Dennoch lebte die Idee der Wundervölker weiter – in der Literatur, später im Film. So findet man in Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ von 1726 seltsame Völker: die Liliputaner, die Bewohner von Brobdingnag, Laputa, Balnibarbi, Luggnagg oder Glubbdubdrib. Später verlagerten sich die Vorstellungen ins Weltall, in dem selben Maße, wie sich Grenzen erweiterten. Denn auf der Erde waren irgendwann alle Erdteile erkundet. Der Autor C. S. Lewis zum Beispiel dachte sich für einen Mars-Roman menschenähnliche Fabelvölker aus.

Zu ihnen gehörten die Hrossa, Mischwesen zwischen Mensch und Seehund, dazu die Séroni, 15 Fuß große, gefiederte und siebenfingrige Menschen, und die Pfifltriggi mit Froschkörpern und Tapirschädeln. Rudolf Simek findet bei der Darstellung Außerirdischer, zum Beispiel in der Serie „Star Trek“, immer wieder Elemente, die auch die Wundervölker einst prägten: Riesen- oder Zwergwuchs, Behaarung, große Ohren, Augen, Nasen, Köpfe, zusätzliche Körperteile, Kopflosigkeit, Mischformen zwischen Mensch und Tier. Insgesamt beklagt er eine Fantasie-Armut.

„Das Aussehen der in der Gegenwart als Monster bezeichneten Wesen der Kinder- und Jugendliteratur ist gegenüber den mittelalterlichen Monstern erschreckend eintönig“, stellt er fest. Man begegne meist großen, tierisch behaarten Wesen mit ausgeprägtem Gebiss und Krallen. Seien sie ausnahmsweise klein, diene das zur ironischen Brechung und zur Relativierung kindlicher Ängste. Es stimmt, wer heute an Monster denkt, sieht kaum mehr mittelalterliche Wundervölker vor sich. Sondern eher den Grüffelo.