Simone (Name geändert) stand kurz vor dem Abitur. Deshalb wunderte sich zunächst auch keiner, als immer wieder Hand und Gesicht der 18-Jährigen einschliefen. Auch die unruhigen Nächte schob die Mutter auf die Nervosität angesichts der bevorstehenden Prüfung.

Aber als die Tochter sagte: „Mama, ich hab das Gefühl, ich stehe neben mir. Ich kann auf mich runtersehen“, bekam Andrea Huber dann doch Angst. Ein paar Stunden später konnte ihre Tochter nicht mehr 25 und 17 zusammenzählen und schrieb wirre Dinge. Auf dem Weg ins Krankenhaus hatte die junge Frau sogar epileptische Krämpfe.

Simones Immunsystem, so stellte sich auf der Intensivstation heraus, hatte das eigene Gehirn angegriffen. Fast ein Jahr brauchten die Ärzte, um es wieder zu beruhigen: Für die Familie waren es zwölf Monate des Hoffens und Bangens. Eine Zeit, in der die Tochter von Engeln und Morddrohungen halluzinierte, keine Hemmungen mehr zu kennen schien und mit Metallstangen auf Pfleger losging.

Gestörte Kommunikation

Patientinnen wie Simone, sagt Stephan Rüegg vom Universitätsspital Basel, seien früher immer wieder in psychiatrischen Kliniken gelandet. Heute weiß es die Medizin zum Glück besser. Der scheinbare Wahnsinn, erklärt der Neurologe des Basler Universitätsspitals, sei die Folge einer Attacke der eigenen Antikörper auf das Nervensystem. Statt sich gegen Krankheitserreger zu richten, greifen die Abwehrproteine Rezeptoren auf den Nervenzellen an, mit denen diese Signale benachbarter Neurone wahrnehmen. Dadurch stören sie die Kommunikation im Gehirn.

Wird das Geschehen rechtzeitig erkannt, ist Heilung möglich. Mit Medikamenten kann man das autoaggressive Immunsystem bändigen. Häufig sind die Schäden nur vorübergehend. Richtig behandelt, erholt sich das Nervensystem wieder. Voraussetzung ist aber die richtige Diagnose – und das ist selbst heute vielerorts noch ein Problem.

Autoimmunleiden statt Schizophrenie

Kürzlich haben sich französische Wissenschaftler 111 Fälle von Patienten wie Simone genauer angesehen. Fast jeder zweite von ihnen war zunächst fälschlicherweise mit Verdacht auf Schizophrenie, Depression oder eine ähnliche Krankheit in einer Psychiatrie gelandet.

Auch der Neurologe Harald Prüß von der Berliner Universitätsklinik Charité kann von Fällen erzählen, bei denen erst nach einer langen Odyssee durch Nervenheilanstalten, nach Zwangsfixierungen und der Gabe von Neuroleptika auffiel, dass der Patient dort nicht hingehörte. Eine Studie der Universität Magdeburg, in der Blutproben von Schizophrenie-Patienten der Einrichtung untersucht wurden, zeigte: In jeder zehnten Probe fanden sich sogenannte NMDA-Antikörper wie bei Simone.

„Ich bin überzeugt davon, dass es in den psychiatrischen Krankenhäusern noch mehr solcher Fälle gibt“, sagt der Nervenarzt. Gerade kleineren Kliniken mangele es oft an den notwendigen diagnostischen Werkzeugen. Womöglich spielten Autoimmunleiden bei der Mehrzahl der psychiatrischen Krankheitsfälle zumindest eine Nebenrolle.

Auf alle Fälle hat die Bedeutung der Autoimmun-Enzephalitiden, wie sich diese Gehirnentzündungen nennen, seit ihrer Entdeckung im Jahr 2005 stark zugenommen. „Inzwischen kennen wir fünfzehn Antikörper, die beteiligt sind“, sagt der Basler Experte Rüegg. Jedes Jahr kämen ein bis zwei neue dazu. Ähnlich wie bei der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, so der offizielle Name von Simones Leiden, sind stets Rezeptoren im Gehirn das Ziel.

Gaba ist zum Beispiel eine Substanz, mit der sich Nervenzellen gegenseitig ausbremsen. Werden die entsprechenden Rezeptoren durch Antikörper zerstört, kann das zum völligen Rückzug der Betroffenen führen, zu einer Art innerem Einfrieren. Aber auch das Dopamin- und Glutamatsystem, zwei andere wichtige Neurotransmitter, werden vom Immunsystem attackiert.

Junge Frauen sind häufig betroffen

Die Gründe dafür sind weitestgehend ein Rätsel. Die NMDA-Enzephalitis, so viel weiß man zumindest, tritt besonders oft bei jungen Frauen auf. In etwa der Hälfte der Fälle ist sie bei ihnen mit einem gutartigen Tumor aus Keimzellen verbunden. In diesem Teratom wachsen die verschiedensten körpereigenen Gewebe und Strukturen, darunter manchmal auch NMDA-Rezeptoren. Die Abwehrzellen lernen sie als potenziellen Feind kennen und attackieren sie auch an anderer Stelle.

Bei anderen scheint eine virale Entzündung am Anfang zu stehen. Zerstören Herpes-Erreger die Neuronen im Gehirn, dann führen die Zelltrümmer das Immunsystem manchmal ebenfalls in die Irre. Eine Enzephalitis durch den Erreger flammt wahrscheinlich deshalb oft ein zweites Mal als Autoimmunleiden auf.

Viele Menschen tragen TPO-Antikörper in sich

Aber gilt Ähnliches auch für andere Viren, womöglich schon bei banalen Erkältungskrankheiten? „Ich befürchte ja“, sagt Charitéforscher Prüß. Und manchen Menschen muss man die Attacken auf die eigenen Rezeptoren womöglich gar nicht erst beibringen. Sie tragen die Veranlagung dazu schon in ihren Genen. Werden ihre Abwehrzellen durch eine virale Infektion aufgeputscht, könne dass die fatale Reaktion in Gang setzen, vermutet der Neurologe.

Noch interessanter werden solche Fragen, wenn man auf ein anderes Krankheitsbild blickt. Sogenannte TPO-Antikörper schleppen sogar jeder siebte Mann und fast jede dritte Frau mit sich herum. Sie verursachen eine Entzündung der Schilddrüse, Hashimoto-Thyreoiditis. Aber damit könnte es nicht getan sein, vermutet Ludger Tebartz van Elst. Im vergangenen Jahr hat der Psychiater an der Uniklinik Freiburg eine Patientin mit ungewöhnlichen Symptomen behandelt. Eigentlich deutete bei der 41-jährigen Lehrerin alles auf eine Schizophrenie hin.

Kortison bremst das Immunsystem

Zu den eingebildeten Stimmen gesellte sich zum Beispiel ein merkwürdiger Wahn. Jede Geste, die man vor der Frau machte, deutete sie in sexuelle Avancen um. „Fasste man sich an die Nase, meinte die Patientin, man wolle mit ihr schlafen, ein Griff ans Ohrläppchen stand für analen Geschlechtsverkehr“ erzählt van Elst. „Mein armer Stationsarzt wusste gar nicht mehr wohin mit den Händen“, ergänzt er. Sieben Jahre lang versuchten Mediziner vergeblich, dem Wahn mit Medikamenten beizukommen.

Beim dritten Stationsaufenthalt entschlossen sich die Ärzte, es mit Kortison zu probieren. Sie vermuteten das sogenannte Sreat-Syndrom, bei dem Hashimoto-Antikörper und psychische Symptome aus rätselhaftem Grund zusammenkommen. Kortison ist nicht nur eines der effektivsten Mittel, um das Immunsystem zu bremsen, es hilft auch regelmäßig den von diesem Syndrom Betroffenen. Bei der Freiburger Patientin schlug es ebenfalls an.

Zu viele leiden unter verdächtigem psychiatrischen Problemen

Dass Menschen mit derartigen Schilddrüsenerkrankungen psychische Symptome haben, ist gar nicht so selten, wie eine vor kurzem erschienene Studie in der Fachzeitung Jama Psychiatry zeigte. Demnach sind Angsterkrankungen bei ihnen doppelt so häufig, Depressionen sogar viermal häufiger als in der Normalbevölkerung.

Kortison könnte demnach so einigen Menschen helfen. Das Problem ist jedoch: Unter den verdächtigen psychiatrischen Problemen leidet mindestens jeder sechste Deutsche. Und allein schon angesichts ihrer Häufigkeit werden sich rund bei jedem fünften von ihnen Hashimoto-Antikörper finden. Soll man ihnen demnächst allen auf Verdacht Kortison spritzen? Das wären fast drei Millionen Menschen. Zumal Kortison selbst die Nebenwirkung haben kann, echte psychische Krankheiten massiv zu verstärken.

Seltenes Syndrom

Stephan Rüegg ist daher eher zurückhaltend: „Ein Sreat-Syndrom ist außerordentlich selten“, sagt er. „Ich sehe in Basel gerade mal alle zwei Jahre so einen Patienten.“ Womöglich seien die Schilddrüsen-Antikörper auch gar nicht die Ursache von Depression und Psychose, sondern nur ein Anzeichen für ein paralleles, noch unbekanntes Autoimmunleiden. Denn es ist bekannt, dass sich bei Autoimmunleiden der Körper oft an mehr als einer Stelle gegen sich selbst richtet.

Für Mediziner bleibt trotzdem die Frage, wie sie zum Beispiel mit einem Schizophreniekranken verfahren sollen, in dessen Blut sich auch Antikörper finden. Oder mit einem Depressiven, der Morbus Hashimoto hat. „Wenn die Symptome plötzlich aufgetreten sind, sollte das ein Anlass sein, genauer hinzusehen“, sagt Rüegg.

Ein weiteres Warnzeichen seien auch zusätzliche neurologische Krankheitszeichen wie epileptische Anfälle. Für Simone war die Kortisontherapie genau das Richtige: „Ich bin wieder ganz die Alte“, sagt sie. Demnächst wird sie mit dem Studium beginnen.