Die Verbraucher nutzen inzwischen noch häufiger den Onlinehandel.
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BerlinDer Spruch ist uralt, stammt aus der Zeit von Martin Luther: „Handel heißt Wandel“, das war den Menschen schon im 16. Jahrhundert bewusst. Daran hat sich in den vergangenen mehr als 500 Jahren nichts geändert. Für den Einzelhandel heißt das Schlagwort zurzeit: „Digitalisierung“.

Denn die Corona-Krise hat den Einzelhandel, die drittgrößte Branche in Deutschland, besonders hart getroffen. Nach Angaben des Handelsverbands Deutschland ist die Existenz von bis zu 50.000 Geschäften bedroht. Das hat natürlich vor allem damit zu tun, dass die Konsumenten vorsichtiger geworden sind und gut überlegen, ob sie zu einem Einkaufsbummel aufbrechen. Der Handelsverband hat aber zusätzlich eine interne Schwachstelle entdeckt: zu wenig Geschäftsleute sind im Netz zu finden.

Was das konkret bedeutet, weiß Martina Tittel, Berliner Buchhändlerin im Stadtteil  Friedenau und früher Geschäftsführerin bei Dussmann. Sie hat vor fünf Jahren die Nicolaische Buchhandlung übernommen, sie gilt als älteste in der Hauptstadt. Zwar wurde die Buchbranche während des Lockdowns in Berlin als systemrelevant eingestuft, aber trotzdem zeigte sich, dass die Läden, die im Netz auffindbar waren, ein deutliches Umsatzplus erzielen konnten.

Wer mit seinen Kunden nicht auf diese Weise in Kontakt bleiben konnte, gehörte zu den Verlierern, sagte Tittel. Die Kunden vermuteten offensichtlich, dass diese Läden geschlossen waren, sagte sie. Sie selbst pflegt nicht nur ihre Webseite und betreibt den Onlinehandel, sondern verschickt auch monatlich einen Newsletter an ihre Kundschaft.

Wovon sie noch profitiert: Viele ihrer Kunden arbeiten zurzeit im Homeoffice, sie kaufen also in der Nachbarschaft ihre Bücher und nicht mehr in der Nähe ihres Arbeitsplatzes.

Um in dem neuen Wettbewerb bestehen zu können, ermuntert sie ihre Kollegen, sich den digitalen Themen zu öffnen, eine Webseite zu starten und sich mit eCommerce-Angeboten zu beschäftigen. „Die Händler brauchen  Angebote, die ihnen helfen, sich ohne allzu großen Aufwand zu digitalisieren“, sagt auch Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland.

Gemeinsam mit verschiedenen Geschäftspartnern wird zurzeit an Lösungen gearbeitet. Ein aktuelles Projekt sieht die Kooperation mit Google vor. Das Digitalunternehmen will Schulungen anbieten. Zudem startet der Verband gemeinsam mit Google einen Wettbewerb in sechs Kategorien, der positive Beispiele hervorheben soll. „Die Händler brauchen gerade in der aktuellen Krise Angebote, die dabei helfen, sich ohne allzu großen Aufwand zu digitalisieren“, sagt Tromp. Philipp Justus, Europa-Chef bei Google, ergänzt: „Wir möchten die Digitalisierung des deutschen Einzelhandels überall unterstützen.“

Wie dringend diese Veränderungen sind, machte Tittel in ihrem Statement deutlich: Die Buchhändlerin fürchtet, dass es im Oktober und zu Beginn des kommenden Jahres zu zahlreichen Insolvenzen im Handel kommen wird.