Mensch oder Maschine – die moderne Technik sorgt dafür, dass die Unterscheidung immer schwerer fällt.
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BerlinGelegentlich wird schon mal schallend gelacht an diesem Abend in der Urania. Das wirkt durchaus befreiend bei diesem Thema. Einmal im Monat geht es bei der Berliner Veranstaltungsreihe „Sex education“ um Intimstes und Innovatives. Diesmal steht die provokante Frage „Liebe deinen Sexroboter wie dich selbst?“ im Zentrum, es soll, so die Ankündigung, um die Zukunft des Begehrens gehen. Was sich schnell zeigt: Bei dem Thema gibt es keine Altersgrenze. Im Publikum sitzen viele Jüngere bis dreißig, aber auch Frauen und Männer im Rentenalter.

Alle sind am Anfang vielleicht ein wenig angespannt – in jedem Fall sind sie sehr aufmerksam. Das wird schon deutlich, als Sophie Wennerscheid, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Kopenhagen und Autorin des Buches „Sex Machina“ erzählt, dass es in den USA schon jetzt eine Gruppe von Menschen gibt, die sich „Idollatoren“, oder „Figurative“ nennen, Puppenanbeter, also Menschen, die Sex mit Puppen und Robotern haben. Wennerscheid bezweifelt jedoch, dass Sex mit Robotern das Zukunftsmodell schlechthin sein wird. „Der Markt wird sich aber sicher vergrößern“, sagt die Wissenschaftlerin.

Dass ein Markt dafür da ist, beweist die Existenz von Bordellen etwa in Barcelona („LumiDoll“) oder Turin, in dem nur Sexroboter arbeiten – falls man bei Robotern überhaupt von Arbeit sprechen kann. Was erstmal völlig verrückt klingt, stößt offenbar auf ein Bedürfnis: In Deutschland würde jeder Fünfte gerne mal mit einem Sexroboter schlafen, hat das Fraunhofer-Institut herausgefunden. Sechs Prozent können sich sogar vorstellen, sich in einen Roboter zu verlieben. Auch weil die technische Entwicklung immer weiter geht.

„Harmony“: Der bislang smarteste Sexroboter

Ein Beispiel ist der weiblich-gestaltete Sexroboter „Harmony“. Er ist der bislang smarteste Sexroboter auf dem Markt. Seine Haut besteht aus silikonähnlichem Material. Kunden können sich ein Gesicht, einen Körper, die Hautfarbe und weitere Details aussuchen, sogar Charaktereigenschaften lassen sich für „Harmony“ programmieren. In dem Dokumentarfilm „Hi, AI, Liebesgeschichten aus der Zukunft“ begleitet Harmony einen einsamen Mann auf seiner Reise in einem Wohnmobil durch die USA, die Bilder zeigen die beiden als durchaus vertrautes Paar.

„Harmony“, die Hauptdarstellerin

Der Film: Die Berlinerin Isa Willinger hat drei Jahre lang für den Dokumentarfilm „Hi, AI“ recherchiert. Damals war Artificial Intelligence (AI), also Künstliche Intelligenz, noch kein großes Thema. Sie war in Asien und in den USA unterwegs.

Das Ziel:
Die Regisseurein  wollte zeigen, wie die neue Technik unser Leben schon jetzt beeinflusst und verändert. Es ging ihr dabei nicht darum, Programmierer am Computer zu beobachten, sondern Roboter im Alltagstest zu begleiten.

Die Hauptfigur: „Harmony“ ist eigentlich als Sex-Puppe entwickelt worden. In dem Film wird sie zur besten Freundin von Chuck, einem Außenseiter. Chuck spricht oft mit ihr, die KI-Algorithmen von „Harmony“ antworten sehr geschickt.

Das liegt auch daran, dass unter der Oberfläche ein Computer mit Künstlicher Intelligenz arbeitet. So sind in dem Film auch Dialoge möglich. Produziert wird der Sexroboter von „Realbotix“, einem amerikanischen Unternehmen, das sich einen weltweiten Wettstreit mit anderen Anbietern darum liefert, wer den authentischsten Sexroboter auf den Markt bringen kann.

Verliebt in ein Betriebssystem

Aber kann die Nähe zwischen einer Künstlichen Intelligenz und einem Menschen so intensiv sein wie in dem Science-Fiction-Drama „Her“, in dem ein Mann sich in „Samantha“, eine Stimme, ein Betriebssystem verliebt? Christoph Joseph Ahlers, klinischer Sexualpsychologe und Paartherapeut in Berlin, meint an diesem Abend, so etwas gebe es durchaus, weil sich Menschen zunehmend überfordert fühlen von ihren Beziehungen. Er richtet sich direkt an sein Publikum: „Nehmen wir mal an, Sie haben in der Vergangenheit Enttäuschungen erlebt, haben Kommunikationsprobleme, dann kann eine Puppe durchaus ansprechend sein.“

Es gibt aber Menschen, denen macht diese Vorstellung Angst, und zu diesen Menschen gehört die britische Professorin Kathleen Richardson, die in Berlin zwar nicht anwesend ist, aber als Kritikerin oft zitiert wird, auch bei der Veranstaltung in der Urania von Sophie Wennerscheid. Richardson hat die „Campaign Against Sex Robots“ mitgegründet und setzt sich dafür ein, das Geschäft mit Sexrobotern zu regulieren.

„Sexroboter sind eine politische Sache“

Richardsons Vorträge, die bei YouTube abrufbar sind, sind krasse Anklagen gegen den Trend zu Sexrobotern. Richardson sagte in einem ihrer Vorträge: „Sexroboter sind eine politische Sache, denn die Unternehmen verkaufen Frauen, die sich bewegen und sprechen, damit sie auch als Sexsklavinnen benutzt werden können.“

Ein anderer Aspekt der politischen Diskussion: Australien und Großbritannien haben die Einfuhr von Sexpuppen verboten, die wie kleine Kinder aussehen, das berichten Wennerscheid und Ahlers. Sie beförderten, so die Befürchtung, pädophile Neigungen.

Probleme mit der Statik

Absehen von solchen Extremen: Der Trend zu Ersatz-Sexualpartnern ist kein völlig unerklärbares Phänomen. Man müsse immer mitdenken, dass man vor einem Roboter imperfekt sein kann, das sei ein wesentliches Moment dabei, sagt der Sexualpsychologe Ahlers. „Da muss ich nicht bestehen, ich kann sein, wie ich bin.“

Was die technische Entwicklung angeht, sind die Sexroboter aber durchaus noch am Anfang. Zwar spricht „Harmony“ bereits, kann die Augen schließen, auch die Gesichtsausdrücke verändern sich, aber bislang haben alle derartigen Roboter noch Probleme mit der Statik – keiner von ihnen kann alleine stehen oder gar gehen. „Wenn jemand seinen Sexroboter herumtragen oder in einen Rollstuhl setzen muss, dann verliert er doch sehr an Attraktivität“, sagt Ahlers.

Und wohin geht die Entwicklung in Zukunft? „Roboter machen vielen noch immer Angst und lösen Unsicherheit aus, gerade, wenn es ums Thema Künstliche Intelligenz geht“, stellt Sophie Wennerscheid fest. Selbst wenn der Roboter eine Bezugsperson ersetzt, werden Menschen beklommen, wenn der Roboter größer, schneller, schlauer ist, als man selbst. Einmal abgesehen von den technischen Entwicklungen sieht Sexualpsychologe Ahlers ein Phänomen auf dem Vormarsch: jenes der Lustlosigkeit. Viele Menschen haben, so zeigten zahlreiche Studien, keine Lust mehr auf Sex, weil sie sich überfordert fühlen. Und haben daher gar keine sexuellen Begegnungen mehr, und zwar weder mit einem Menschen noch mit einer Maschine.

Damit endete die Veranstaltung, aber nicht die Diskussion unter den Zuhörern. Was nur zeigt: Die Debatte um „Sex und Künstliche Intelligenz“ steht in Wirklichkeit noch am Anfang.