In einem rasanten Manöver schießt plötzlich eine Gestalt mit kurzen, breiten Flügeln und relativ langem Schwanz über den Dachfirst. Damit hat für die Stadttauben in diesem Berliner Hinterhof ein Alptraum begonnen. Einem Habicht, der so einen Überraschungsangriff startet, können sie nur schwer entkommen. Zu wendig ist der geschickte Flieger, zu tödlich sind seine dolchartigen Krallen. Er wird nicht lange hungrig bleiben.

Solche Szenen hätte man noch in den 1970er-Jahren kaum beobachten können. Habichte waren damals scheue Waldbewohner, die man so gut wie nie zu Gesicht bekam. Doch inzwischen haben sich viele von ihnen zu echten Stadtbewohnern gemausert. Und gerade Berlin gehört zu den absoluten Hochburgen dieser Art. Während anderenorts höchstens drei oder vier Paare der Greifvögel auf hundert Quadratkilometern brüten, sind es hier auf gleicher Fläche zehn bis zwölf.

„Das ist eine der höchsten Habicht-Dichten weltweit“, sagt Norbert Kenntner von der Arbeitsgemeinschaft Greifvogelschutz Berlin. Unterstützt von der Stiftung Naturschutz Berlin haben er und sein Team es sich zur Aufgabe gemacht, mehr über die gefiederten Großstädter herauszufinden.

Überforderter Bigamist

Allerdings ist Habichtforschung eine ziemlich aufwändige Angelegenheit. So bekommen jedes Jahr viele Berliner Jungvögel zwei Ringe um die Beine gelegt. Darauf stehen Codes aus Zahlen und Buchstaben, an denen man jedes Tier wiedererkennen kann. „Dadurch gewinnen wir jede Menge interessante Informationen“, sagt Norbert Kenntner. Woher stammen die einzelnen Brutvögel und wie alt sind sie? Wie treu hängen sie an ihrem Partner und an ihrem Brutplatz? Und wie erfolgreich sind die einzelnen Paare bei der Jungenaufzucht? All diese Fragen lassen sich mithilfe der metallenen Vogel-Personalausweise beantworten. Wenn man sie erst einmal angebracht hat.

Norbert Kenntner ist derzeit der einzige Experte, der ehrenamtlich zwanzig oder dreißig Meter hoch in die Berliner Bäume klettert, um den Habicht-Nachwuchs vorübergehend aus dem Nest zu holen und zu beringen. Dazu muss er erst einmal wissen, wo die entsprechenden Kandidaten zu finden sind.

„Wenn die Bäume erst Laub tragen, sieht man nicht mehr, welche Horste besetzt sind“, erklärt der Biologe. Also sind er und seine Helferinnen und Helfer schon während der Balzzeit im Februar unterwegs und beobachten, wo die Alt-Vögel frische Zweige eintragen, wo sie rufen und balzen. Auch nach dem Beginn der Brutzeit Anfang März kann ein über den Nest-Rand ragender Habicht-Schwanz noch wertvolle Hinweise liefern.

Ende April oder Anfang Mai beginnen dann die Küken zu schlüpfen. „Sie müssen aber mindestens 14 Tage alt sein, damit man sie beringen kann“, sagt Norbert Kenntner. Denn erst dann lassen sich Männchen und Weibchen unterscheiden. Und das ist wichtig, um die richtigen Ringe auswählen zu können. Weibchen brauchen ein größeres Exemplar, weil sie später eine deutlich imposantere Figur entwickeln werden als ihre männlichen Artgenossen.

Wann die Insassen eines Horstes das richtige Alter erreicht haben, verrät der Kot, den sie über den Rand ihrer Kinderstube fallen lassen. Je größer die Flecken sind und je weiter entfernt vom Nest sie landen, umso älter ist ihr Produzent.

Ab Mitte Mai ist es dann soweit: Norbert Kenntner hat alle Hände voll zu tun, um je nach Witterung zwischen 70 und 110 gefiederte Neubürger mit Ringen auszustatten. Doch die Mühe lohnt sich. Denn die Berliner Habicht-Population gilt inzwischen als die am besten untersuchte in Deutschland. Und immer wieder machen die Forscher erstaunliche Beobachtungen.

Berliner Habichte sind sehr erfolgreiche Eltern

„Letztes Jahr hat ein junges Männchen zum Beispiel versucht, sich gleich zwei Partnerinnen an Land zu ziehen“, berichtet der Biologe. Tatsächlich ist es dem Tier gelungen, zwei Weibchen in rund drei Kilometer voneinander entfernten Horsten zum Brüten zu bringen. Allerdings muss ein Habicht-Männchen seine Partnerin während der Brutzeit auch mit Nahrung versorgen. „Das ist ihm dann wohl über den Kopf gewachsen“, vermutet Norbert Kenntner. Jedenfalls ist das Vorhaben krachend gescheitert. Doch in dieser Saison hat der erfolglose Bigamist einen neuen Anlauf genommen und zusammen mit nur einer Partnerin vier kräftige Weibchen aufgezogen.

Überhaupt sind die Berliner Habichte normalerweise sehr erfolgreiche Eltern. Seit der ersten bekannten Brut im Grunewald im Jahr 1974 sind die Vögel immer weiter Richtung Innenstadt vorgerückt. Inzwischen ziehen allein im Tiergarten vier Paare ihren Nachwuchs auf, auch andere Parks, sowie Gärten und Friedhöfe mit hohen Bäumen sind beliebte Kinderstuben. Und in all diesen städtischen Quartieren scheinen die geflügelten Familien bestens zurechtzukommen.

Berlin zieht Fotografen an

Das können Norbert Kenntner und seine Kolleginnen und Kollegen an den ungewöhnlich hohen Reproduktionsraten ablesen. So hat jedes erfolgreiche Brutpaar 2017 im Schnitt drei bis vier Küken zum Ausfliegen gebracht. „Das sind viel mehr als auf dem Land und auch mehr als in anderen Städten“, sagt der Biologe. Den Vögeln kommt dabei zum einen zugute, dass sie sich in der Hauptstadt relativ sicher fühlen können. Während ihre Artgenossen in anderen Regionen Deutschlands immer wieder von Taubenzüchtern und andern Gegnern illegal gefangen oder vergiftet werden, kommen derartige Fälle in Berlin nur selten vor.

Dazu bietet die Hauptstadt auch noch einen reich gedeckten Tisch. Anders als etwa Turmfalken verschmähen Habichte zwar Döner-Reste, Kotelett-Knochen und andere Abfälle aus Menschenhand. Sie stillen ihren Hunger lieber mit selbst gefangener Beute. Doch auch daran herrscht kein Mangel. Rainer Altenkamp vom Naturschutzbund (Nabu) hat in der Nähe von Habicht-Horsten mehr als 10 000 Nahrungsreste gesammelt und analysiert. Nur etwa drei Prozent der Mahlzeiten bestehen demnach aus kleinen Säugetieren wie Ratten oder Eichhörnchen, der große Rest sind Vögel ab der Größe einer Amsel. Und davon gibt es in Berlin das ganze Jahr hindurch reichlich. Allein die allgegenwärtigen Stadttauben machen laut Untersuchung mehr als 30 Prozent der Habicht-Mahlzeiten aus.

Wer diese üppigen Nahrungsquellen erschließen will, sollte sich aber nicht an Nachbarn auf zwei Beinen stören. Und diesen Grundsatz scheinen die Berliner Habichte inzwischen verinnerlicht zu haben. Ihre Fluchtdistanz ist jedenfalls viel geringer als bei ihren Artgenossen auf dem Land. Vor allem zur Balzzeit im Februar kommen deshalb zahlreiche Fotografen aus Großbritannien und anderen Ländern nach Berlin, um besonders eindrucksvolle Aufnahmen zu machen.

Allerdings bedeutet die abnehmende Scheu auch, dass Kenntners Arbeit nicht ungefährlich ist. Denn nicht jedes Weibchen ist bereit, den Kletterer in der Nähe seines Nestes zu dulden. „In ländlichen Gebieten oder in Städten wie Hamburg und Köln werden meine Kollegen so gut wie nie angegriffen“, sagt der Forscher. Doch er selbst kann sich darauf nicht verlassen. Also trägt er beim Beringen stets Lederjacke und Helm, bei besonders aggressiven Nestbesitzerinnen gar eine Schutzbrille. Denn die scharfen Habichtkrallen können nicht nur für Tauben böse Folgen haben. Sondern auch für neugierige Wissenschaftler.