Eine Kuh im indischen Jodhpur. 
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Neu-Delhi/BerlinDas ist doch alles Mist, meinen Sie? Nun, in diesem Fall könnten Sie doppelt recht haben: In Indien, dem nach China zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt, hat ein Regierungsgremium Produkte auf der Basis von Kuhmist entwickelt. So weit, so nachhaltig. Zumal wir ja wissen: Die Kuh wird in den meisten Regionen des Landes als heilig angesehen. Es ist nicht gestattet, sie zu töten oder ihr Schaden zuzufügen. Jeder, der schon mal in Indien war, weiß aus eigener Anschauung, dass die Tiere sich kreuz, quer und völlig frei durch die Straßen bewegen dürfen. 

Seit 2019 gibt es außerdem die staatliche indische Kuh-Kommission. Sie untersteht dem Ministerium für Fischerei, Tierhaltung und Milchwirtschaft und soll sich eigentlich mit der Herstellung von Seifen und Medizinprodukten auf der Basis von Kuhmist befassen. Diese Kommission hat nun nach eigenen Angaben einen Chip aus Rinderdung entwickelt, der vor Handystrahlen schützen soll. Der Vorsitzende der Regierungsbehörde, Vallabhbhai Kathiria, sagte am Dienstag vor Journalisten, die Chips reduzierten die Strahlung, wenn man sie in die Schutzhülle von Mobiltelefonen einsetze. Wie genau die Technologie funktionieren soll, führte er nicht aus. Der Chip mit dem Namen „Gausatva Kavach“ wird in der Millionenstadt Rajkot im Bundesstaat Gujarat hergestellt. 

Hierzulande verwendet man die Ausscheidungen von Kühen eher als natürlichen Dünger in der Landwirtschaft. Stallmist ist reich an Nährstoffen, außerdem fühlen sich viele Kleinstlebewesen darin wohl und helfen, den Boden zu verbessern. Zusätzlich kann das bei der Vergärung der Exkremente unter Sauerstoffabschluss entstehende Methan zur Erzeugung von Biogas dienen. Kuhdung gilt als ausgezeichnetes Baumaterial, in Indien kam frischer Mist traditionell als Bodenbelag in Küchen zum Einsatz – man sprach ihm reinigende Wirkung zu. Kuhmist sei aber auch ein natürliches Mittel gegen Strahlung, sagte Kathiria nun. „Es beschützt jeden. Wenn sie ihn mit nach Hause bringen, wird ihr Zuhause strahlungsfrei sein.“

Der Kommissionsvorsitzende berief sich auf die Wissenschaft, die Belege für die Wirksamkeit von Kuhmist gegen Strahlung gefunden habe. Welche Forschungen im Zusammenhang mit der Chip-Entwicklung genau angestellt wurden, sagte er nicht. Laut der Zeitung „Indian Express“ soll der Chip rund 100 Rupien kosten, umgerechnet also schlappe 1,16 Euro. Kathiria kündigte weitere Produkte auf Kuhdungbasis an, wie Lampen, Kerzen, Weihrauch, Briefbeschwerer oder Götzenbilder von Göttern.

Die rechtskonservative, nationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) von Ministerpräsident Narendra Modi hat seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2014 Millionen von Dollar in die Erforschung der Nutzungsmöglichkeiten von Kuhmist und Rinderurin investiert. Mehrere BJP-Politiker haben die Notdurft der heiligen Tiere auch als Heilmittel gegen das Coronavirus angepriesen – obwohl es keinerlei wissenschaftliche Belege dafür gibt. (mit AFP)