Von den fünf Hepatitisviren, die beim Menschen eine Gelbsucht hervorrufen können, ist das Hepatitis-E-Virus (HEV) am wenigsten erforscht. Dabei ist der Erreger, weltweit betrachtet, der häufigste Verursacher einer akuten Leberentzündung. In Ägypten beispielsweise haben in einigen Landesteilen rund 80 Prozent der Menschen Antikörper gegen HEV. Das bedeutet, ihr Immunsystem hatte bereits einmal Kontakt mit dem Erreger. Schwangere reagieren auf eine HEV-Infektion besonders empfindlich. Bei ihnen liegt die Todesfallrate bei rund 20 Prozent.

In den Ländern der sogenannten Dritten Welt tritt die Erkrankung typischerweise in Form von großen Epidemien auf. Bei den bislang dokumentierten Ausbrüchen war in der Regel durch Fäkalien verunreinigtes Trinkwasser der Ausgangspunkt, beispielsweise, wenn durch eine Überflutung die Brunnen mit Exkrementen kontaminiert wurden.

In Industrieländern kommt diese Art der Leberentzündung dagegen selten vor. Schweine scheinen allerdings ein wichtiges Erregerreservoir zu sein. Infizierte Tiere scheiden die Viren über die Galle in den Darm aus. Von dort gelangen sie mit den Exkrementen in die Umwelt und möglicherweise über verunreinigte Gegenstände mit den Fingern in den Mund eines Menschen. Untersuchungen aus Großbritannien und Frankreich zeigen jetzt erstmals, dass das HEV nicht nur fäkal-oral, sondern auch durch Lebensmittel übertragen werden kann.

Fund im Schlachthof

Über einen Zeitraum von einem Jahr untersuchten britische Tierärzte in Schlachthöfen die Leber von Schweinen, die Hände von Mitarbeitern sowie Oberflächen, mit denen die Tierkadaver in Kontakt gekommen waren. In einem Betrieb, der Schweinefleisch zu Wurst weiterverarbeitet, wurden ebenfalls Proben entnommen.

Schließlich wurden in zwei Supermärkten und bei einem Metzger Würste mit Schweinefleisch auf die Präsenz von HEV untersucht. Zum Nachweis setzten die Veterinäre die Polymerase-Kettenreaktion ein, ein molekularbiologisches Verfahren, mit dem kleinste Mengen an Viruspartikel in einer Probe identifiziert werden können.

Im Schlachthof ließen sich sowohl in der Leber von Schweinen, auf den Händen von Mitarbeitern, als auch auf metallischen Oberflächen Spuren des Erregers nachweisen. Von den 63 untersuchten Würsten enthielten 6 das Hepatitis-E-Virus. Auf einem Viertel der untersuchten Schneidemesser und Schneidemaschinen war der Erreger ebenfalls präsent.

Die Untersuchungen in Großbritannien beweisen, dass das HEV grundsätzlich in Lebensmitteln, die vom Schwein stammen, vorhanden sein kann. Aufgrund der kleinen Stichprobenzahl ist allerdings keine Aussage darüber möglich, wie häufig Oberflächen in Schlachtbetrieben und Schweinewürste im Einzelhandel mit dem Hepatitis-E-Virus verunreinigt sind. Auch lässt sich nicht abschätzen, ob wirklich ein Infektionsrisiko für die Schlachter und die Konsumenten der Wurstwaren vorlag, weil nicht überprüft wurde, ob sich eine Hepatitis E bei der einen oder anderen Person entwickelt hat.

Eine Antwort auf diese drängende Frage liefert die Untersuchung von französischen Infektionsmedizinern des Centre Hospitalier Universitaire Timone in Marseille. Die Ärzte beobachten seit Jahren, dass Fälle von Hepatitis E vorwiegend im Süden von Frankreich auftraten, und dass bei der systematischen Untersuchung von Blutspendern deutlich mehr Südfranzosen Antikörper gegen HEV aufwiesen als ihre Landsleute im Norden. So betrug die Häufigkeit von Hepatitis-E-Antikörpern bei Reihenuntersuchungen in den nördlichen Landesteilen 3,2 Prozent, im Süden dagegen 16,6 Prozent.

Problematische Delikatesse

Als im März letzten Jahres in Marseille 11 Patienten an einer durch HEV verursachten akuten Gelbsucht erkrankten, fragten die Infektionsmediziner ihre Patienten gezielt nach ihren Essgewohnheiten. Diese berichteten von ihrer Vorliebe für Figatelli, einer lokalen Wurstsorte aus ungekochter Schweineleber, die ursprünglich aus Korsika stammt und in Südfrankreich roh gegessen wird.

Die Mehrzahl hatte in den Wochen vor der Gelbsucht die Delikatesse verzehrt. Gleichzeitig mit den Patienten entwickelten mehrere Familienangehörige, die ebenfalls Figatelli gegessen hatten, Antikörper gegen HEV – ein Beweis dafür, dass ihr Immunsystem mit dem Erreger in Kontakt gekommen war.

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die Erbsubstanz der in Schweinewürsten identifizierten Hepatitis-Viren zu mehr als 99 Prozent mit dem genetischen Code der von den Patienten isolierten Erregern identisch war. Ein Indiz dafür, dass der sogenannte Genotyp 4 von HEV, der die Leber von Schweinen infiziert, auch beim Menschen eine akute Gelbsucht auslösen kann.

Damit nimmt das infektionsepidemiologische Muster von HEV erstmals klare Konturen an. In Ländern mit schlechter Hygiene und defizitärer Trinkwasserversorgung ist diese Form der Gelbsucht eine fäkal-oral übertragene Infektionskrankheit, ähnlich wie die durch das Hepatitis A-Virus verursachte Gelbsucht. In unseren Breiten scheinen dagegen Wurstwaren, die auf der Basis roher oder nur unzureichend gegarter Schweineleber hergestellt werden, die wichtigste Infektionsquelle zu sein.