Es gibt praktisch kein größeres politisches Ereignis mehr, das in den sozialen Netzwerken ohne Niederschlag bliebe. Trendsetter ist nicht Facebook, sondern Twitter. Der schnelle Online-Dienst, der längst auch zur Konkurrenz für die Nachrichtenagenturen geworden ist, funktioniert als Nachrichtentreiber ebenso wie als Plattform für Kommentare.

Die neueste Einigung im Griechenland-Streit gebar nun den Hashtag #thisisacoup (also: this is a coup) – übersetzt: Das ist ein Staatsstreich. Staatsstreich soll heißen: Die Griechen müssen sich die Hilfe, die ihnen gewährt wird, durch den völligen Verlust nationaler Souveränität erkaufen. Dies ist vor allem die linke Sicht der Dinge.

Vergleich mit Versailles

„Die Einheit Europas hat vorerst überlebt, aber seine Werte sind schwer verletzt“, twitterte beispielsweise der grüne Finanzexperte Sven Giegold unter dem Sammelbegriff. Die hessische SPD-Linke Andrea Ypsilanti beklagte, einen Finanzdienst zitierend, das, was da in Brüssel ausgehandelt worden sei, sei „ein schlechterer Deal als der Versailler Vertrag von 1919“. Der wiederum gilt manchem als eine Quelle für den 20 Jahre später folgenden Zweiten Weltkrieg.

Der linke Bundestagsabgeordnete Alexander S. Neu notierte: „Wer es in der EU wagt, gegen Deutschland und neoliberale Politik aufzumucken, wird plattgemacht.“ #Thisisacoup bedient sich damit Gedanken und Begriffen der griechischen Syriza-Regierung, die zuletzt immer wieder von Demütigung gesprochen hatte.

Nicht allein in Europa ist #Thisisacoup spitze, sondern auch in Ägypten, Kanada und der Türkei. Geadelt wird der Hashtag von dem amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Er schrieb, #thisisacoup sei „genau richtig“. Die harte Haltung der Euro-Länder sei nicht mehr nur „Strenge“, sondern „reine Rachsucht, komplette Zerstörung nationaler Souveränität“. Die Forderungen der 18 übrigen Eurogruppen-Mitglieder an Griechenland nannte Krugman „verrückt“.

„Dolchstoßlegende“

Der US-Amerikaner, während der Finanzkrise zu Ruhm gelangt, füllt unter den Ökonomen eine Lücke, die seine deutschen Kollegen lassen. Und wenn man aus der New York Times zitieren kann, macht sich das für Intellektuelle immer gut.

Das alles richtet sich nicht zuletzt gegen die Bundesregierung im Allgemeinen und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Besonderen. Letzterer hatte bekanntlich eine harte Linie verfolgt. Von Unions-Anhängern kommt es indes kühl zurück. Wer die Schuld an der Krise den Deutschen in die Schuhe schiebe, heißt es da, der stricke an einer „Dolchstoßlegende“.