Sie hat den Begriff „Mitgefühl“ neu definiert, lässt Mönche im Kernspintomografen meditieren und steht im Dialog mit dem Dalai Lama, dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter. Tania Singer, Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, weiß, was fernöstliche Geistesschulung mit Menschen bewirken kann. Fähigkeiten wie Achtsamkeit und Mitgefühl kommen ihrer Ansicht nach in der westlichen Welt viel zu kurz. In ihrem Resource-Projekt möchte sie ein Programm erarbeiten, mit dem Mitgefühl auf säkulare Weise trainiert werden kann. Doch bis es so weit ist, muss noch viel geforscht und meditiert werden – auch in Berlin.

Frau Professor Singer, seit fast einem Jahr meditieren 160 Probanden in Berlin und Leipzig täglich im Dienst der Wissenschaft. Was wird in der Resource-Studie untersucht?

Wir wollen herausfinden, ob regelmäßiges mentales Training die seelische Gesundheit und die sozialen Kompetenzen verbessert. Wir prüfen, ob die Probanden im Laufe der Zeit weniger gestresst sind, ob sie geistige Klarheit erlangen, ob sie zufriedener mit sich selbst und ihrem Leben werden und andere Menschen besser verstehen lernen.

Das klingt erstrebenswert. Da möchte man ja sofort mitmachen.

So haben viele reagiert. Die Nachfrage war groß, mehr als 2000 Interessierte haben sich letztes Jahr zu Beginn der Studie gemeldet. Wir konnten also lange nicht alle in unsere Studie aufnehmen. Aber jetzt gibt es eine neue Chance. Für ein zweites Modul der Studie werden nun in Berlin und Leipzig wieder 140 Probanden gesucht. Dieses Mal erstreckt sich die Trainingsphase nicht über elf, sondern über drei Monate und es geht darum zu lernen, mit schwierigen Emotionen konstruktiv umzugehen.

Wie erklären Sie sich das zurzeit stark wachsende Interesse an Meditation und Geistesschulung?

Ich denke, dieses große Bedürfnis hat mit dem Zustand der Gesellschaft zu tun. Stressbedingte Krankheiten nehmen stark zu. Viele Menschen sind aus der Balance geraten. In ihrer Not suchen sie nach Halt und Stärkung der Seele.

Welche Meditationstechniken werden in der Studie untersucht?

Zu einem großen Teil handelt es sich um klassische Meditation: Man sitzt, macht die Augen zu, geht nach innen und folgt Instruktionen. Diese mentalen Übungen sind ganz unterschiedlich: Einige schulen den Geist, andere die Aufmerksamkeit, wieder andere das Herz oder die Fähigkeit, in den Körper zu fühlen. Zusätzlich haben wir Partnerübungen entwickelt, die man teilweise auch per Handy erledigen kann.

Kommen die Übungen aus Fernost?

Unser mentales Trainingsprogramm ist ganz neu in seiner Zusammensetzung. Es ist eine Fusion aus westlichen und östlichen Techniken, aber entkoppelt von jeglichen Glaubensströmungen. Man muss also nicht Buddhist werden und an die Reinkarnation glauben, um mitzumachen. Sonst wäre es auch nicht wissenschaftlich erforschbar gewesen.

Sie vergleichen also auch den Effekt der unterschiedlichen Übungen?

Ja, es geht darum, welche Art des mentalen Trainings was und bei wem bewirkt. Manche sprechen eher auf kognitives Training an, andere auf den Gefühlsteil, weil sie es leicht finden, ihr Herz zu öffnen und Dankbarkeit zu empfinden.

Was kann mentales Training bewirken?

So wie man Muskeln trainieren kann, lassen sich auch mentale Zustände wie Empathie und Mitgefühl trainieren. Das haben meine Experimente sowohl mit Ungeübten als auch mit Meditationsprofis wie dem Mönch Matthieu Ricard, ein promovierter Molekularbiologe und enger Vertrauter des Dalai Lama, gezeigt. Im Hirnscanner haben wir gesehen, dass Matthieu Ricard, der seit Jahrzehnten Meditation praktiziert, sein Gefühlsleben exakt steuern kann – je nachdem, ob der Versuchsleiter ihn um die Erzeugung von dreißig oder hundert Prozent Mitgefühl bittet.

Sie haben in Ihren Forschungsarbeiten festgestellt, dass Empathie und Mitgefühl keinesfalls gleichzusetzen sind. Was ist der Unterschied?

Empathie ist eher wie eine Resonanzfähigkeit – man teilt ein Gefühl mit einem anderen Menschen, ist aber der Gefahr ausgesetzt, überwältigt zu werden und in empathischen Stress zu geraten. Mitgefühl dagegen hat eine andere Qualität. Es hat etwas von der Fürsorge einer Mutter, die ihr Kind tröstet und ist verbunden mit positiven, beruhigenden und liebevollen Gefühlen.

Macht sich der Unterschied auch im Gehirn bemerkbar?

Im Gehirn eines Menschen, der Mitgefühl empfindet, werden Netzwerke aktiviert, die mit positiven Gefühlen und Belohnung einhergehen. Bei Empathie dagegen wird zum Beispiel ein Teil der Schmerzmatrix im Gehirn aktiviert, der auch dann aktiv ist, wenn man selbst Schmerzen empfindet. Wichtiger und besser für die Gesundheit ist es also, das Mitgefühl zu schulen.

Existiert zu wenig Mitgefühl – zumindest in der westlichen Welt?

Aus dem familiären Bereich wie der Mutter-Kind-Bindung kennen wir auch im Westen das Mitgefühl. Im allgemeinen ist unsere Gesellschaft jedoch geprägt von sehr starkem Wettbewerb und Individualisierung. In Schulen, Wirtschaft und Politik geht es stets um Leistung: Wer ist der Schnellste? Wer ist der Beste? Das System, aus dem das Mitgefühl entspringt, ist aber nicht wettbewerbsorientiert. Es hat eher das Wohlergehen des Anderen im Fokus.

Was ist das Ziel Ihres Projekts?

Wir wollen Programme entwickeln, die helfen, die seelische Gesundheit und Balance herzustellen. Wir hoffen, dass die mentalen Übungen, die wir entwickelt haben, Stress reduzieren. Und die Partnerübungen sollen soziale Kompetenzen fördern: Miteinander, Kooperativität, Gemeinschaftssinn, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. All das hat normalerweise positive Effekte auf die Gesundheit – und es hat auf viele Menschen eine grundlegende, lebensverändernde Wirkung.

Zeigen die Übungen schon Wirkung bei den Probanden?

Das Projekt läuft sensationell gut. Ungewöhnlich wenige Teilnehmer sind bisher aus der Studie ausgestiegen. Die meisten sind begeistert und kommen gerne zu den Übungsstunden. Weil es so gut läuft, überlegen wir bereits, losgelöst von der Max-Planck-Grundlagenforschung, die wir zurzeit betreiben, ein Resource-Institut zu gründen. Es könnte Schulen, Firmen und Kliniken wissenschaftsbasierte Programme zur Mitgefühlsschulung anbieten. Gerade für Pflegepersonal an Kliniken ist es beispielsweise unglaublich wichtig, zwischen Empathie und Mitgefühl zu unterscheiden, um Burn-out zu vermeiden.

Welche Erfahrungen machen die Probanden in der Studie?

Diese tägliche halbe Stunde Platz für sich zu haben, das ist wohl etwas, das die Mehrheit wirklich genießt. Von einigen hörte ich darüber hinaus, dass sie das erste Mal seit der Wende wieder Solidarität zwischen Menschen erleben würden. Dieser enorme Gruppenzusammenhalt ist offenbar eine wichtige Erfahrung. So etwas trägt einen auch durch schlechte Tage, die jeder mal hat. Manchmal ist der Geist so voll mit Sorgen, dass man nicht zur Ruhe kommt.

Studien über Meditation gibt es viele. Dennoch gilt das Resource-Projekt als einzigartig. Warum?

Es ist eine der größten Studien zur Wirkung der Meditation. Weltweit einzigartig ist sie durch ihre Dauer: Dass bis zu elf Monate ein säkularisiertes, alltagsbegleitendes Meditationstraining getestet wird, hat es noch nicht gegeben. Studien mit Programmen wie achtsamkeitsbasierter Stressreduktion gab es bereits viele. Sie liefen jedoch nur über acht Wochen und es ging dort vor allem um die Aufmerksamkeitsschulung und Stabilisierung des Geistes. Unser Ansatz ist umfassender: Wir untersuchen, wie sich das Mitgefühl, das Wissen über eigene Gedanken und Einstellungen sowie die Fähigkeit, einen anderen Blickwinkel auf sich und andere einzunehmen, gegenseitig beeinflussen. Und auch methodisch sind wir multidisziplinär: Wir überprüfen auch die Wirkung der Meditation auf das Immunsystem, auf Netzwerke im Gehirn, auf das subjektive Wohlbefinden, auf das Verhalten. Darüber hinaus haben wir eine Kontrollgruppe mit Probanden, die die Tests auch mitmachen, aber nicht das mentale Training absolvieren.

Wie überprüfen Sie, ob das Gehirn durch das Training anders reagiert ?

Das geschieht bei den Kernspinaufnahmen im Hirnscanner. Den Probanden werden stressvolle Videos gezeigt oder sie erhalten Schmerzreize und wir überprüfen, ob das Gehirn im Laufe der Zeit anders mit den Reizen umgeht.

Sie starten jetzt eine zweite Phase der Untersuchung, die bis November läuft. Wann werden die ersten Ergebnisse vorliegen?

Wir werten derzeit bereits die Basisdaten der Teilnehmer aus, etwa über die Persönlichkeit und Grundreaktionsmuster der Probanden. Auch das ist schon interessant. Erste Ergebnisse dazu planen wir, im Laufe dieses Jahres zu veröffentlichen. Daten zu den Veränderungen durch das mentale Training wird es ab 2015 hoffentlich geben. Insgesamt erfassen wir in dem Projekt so viele und zum Teil auch neue Parameter, dass es unglaublich viel zu analysieren und hoffentlich auch Neues zu entdecken gibt.

Das Gespräch führte Anne Brüning.