Jüngst konnte man es wieder sehen: Menschen sind zu überdurchschnittlichen Gedächtnisleistungen fähig. In der ZDF-Sendung „Deutschlands Superhirn“ am vergangenen Samstag merkte sich ein 33-jähriger Jurist innerhalb von Minuten 35 Wörter aus einem Kreuzworträtsel und konnte sie aus dem Gedächtnis korrekt ins leere Gitter einfügen. Eine 23-jährige Artistin prägte sich einen per Zufallsgenerator gewählten Laserparcours ein und bewältigte ihn mit verbundenen Augen. Beide Menschen eint etwas ganz Besonderes: Sie sind hochbegabt.

„Natürlich gibt es viele, die eine solche Veranlagung bewundern oder einen darum beneiden. Tatsächlich ist sie ein Segen und ein Fluch zugleich“, erklärt Julia Wimmer. Die Abiturientin aus Freising gehörte auch zu dem TV-Kandidatenkreis. Sie hat einen Intelligenzquotienten von 148, genau wie Albert Einstein. Als hochbegabt gilt, wer einen IQ von mehr als 130 hat, was nur auf zwei Prozent der Bevölkerung zutrifft.

Dank ihrer überdurchschnittlichen Intelligenz hat Julia drei Klassen übersprungen und in diesem Frühjahr mit 15 Jahren ihr Abitur gemacht. In wenigen Tagen beginnt die mittlerweile 16-Jährige ein Wirtschaftsinformatikstudium an der TU München.

Ein Ei unter dreihundert

Kurz davor hatte noch das Fernsehen eingeladen. Hier trat die junge Bayerin mit der Aufgabe an, ein weißes Hühnerei unter 300 Eiern identischer Größe und Farbe wiederzufinden. Wie macht man so etwas? „Ich orientiere mich dabei an Kleinstunterschieden in der Oberflächenstruktur, wie Erhebungen. Aus ihnen bilde ich im Geist eine geometrische Figur und merke mir ihre Position“, erklärt Julia. In der Liveshow allerdings machte ihr die Nervosität einen Strich durch die Rechnung: Sie lief einmal am richtigen Ei der 300er-Kette vorbei und musste kurz darauf abbrechen, weil sie als Minderjährige nur bis 23 Uhr auf der Bühne stehen darf.

Die 16-Jährige, die mit Röhrenjeans und pink lackierten Fingernägeln auch nicht anders als normal begabte Mädchen ihres Alters aussieht, ist nicht nur sehr klug, sondern auch ehrgeizig und begierig, Neues zu lernen. Sie brachte sich selbst Spanisch und Schwedisch bei und will jetzt die Gebärdensprache lernen, um später ehrenamtlich zu dolmetschen.

Ihre Hochbegabung sieht Julia Wimmer als nichts Besonderes, sondern als Teil ihrer Persönlichkeit. „Sie ist einfach eine Eigenschaft von mir, genauso wie meine Offenheit, oder das ich ein bisschen ausgeflippt bin. Und nichts, was ich wie einen Orden vor mir hertrage“. Wie vieles andere, habe auch ein überdurchschnittlicher Intellekt positive und negative Seiten, sagt sie. „Ich musste nie viel für die Schule tun, habe mir Vokabeln beispielsweise nur einmal durchlesen müssen, um sie zu können.“ Andererseits habe sie sich im Unterricht oft auch fürchterlich gelangweilt – „wie wenn man stundenlang im Stau steht und kein Autoradio hat“.

Mit Unverständnis behandelt

Julia erlebte am eigenen Leib, dass das staatliche Schulsystem überfordert ist – nicht nur mit sogenannten Problemschülern, sondern auch mit besonders Begabten. Von Lehrern sei sie oft mit Unverständnis behandelt und aufs Abstellgleis gestellt worden, sagt sie. „Die ständige Unterforderung hat mich psychisch und physisch so fertiggemacht, dass ich irgendwann dauerkrank war und nur noch zu den Klausuren in die Schule ging.“ Sie glaubte fast, in eine psychiatrische Einrichtung zu gehören.

Die Rettung kam mit dem Wechsel auf eine private Schule – das durch den Reformpädagogen Hermann Lietz begründete Internat Schloss Bieberstein nahe Fulda. Julias Eltern veranlassten diesen Wechsel, nachdem Tests ihrer Tochter Hochbegabung attestiert hatten. „Ich habe mich von Anfang an dort wohlgefühlt“, sagt Julia – dank kleiner Klassen, in denen die Lehrer mehr auf ihre speziellen Fähigkeiten eingehen konnten, und dank Herausforderungen: zum Beispiel vier statt zwei Leistungskursen oder kniffligen Zusatzaufgaben. Aber auch, weil sie schnell Anschluss fand.

„Wenn man hochbegabt ist, ist der zwischenmenschliche Umgang nicht immer einfach“, sagt Julia. Viele könnten ihren Gedankensprüngen nicht folgen oder verstünden ihre Denkweise nicht. „Und ich kann manche Dinge einfach nicht nachvollziehen – zum Beispiel wie man über plumpen Humor lachen kann.“