Ein Satz begleitet Beate Felten-Leidel schon ihr ganzes Leben. „Nun stell dich doch nicht so an.“ Schon in ihrer Kindheit vermittelten ihr die Worte, dass sie anders war als andere: zu zart, zu dünnhäutig, zu empfindsam. Jemand, der immer ein bisschen wehleidig ist, der sich immer etwas ziert. Beate Felten-Leidel ist hochsensibel. Oder „hochsensitiv“, dieses Wort gefällt ihr besser. Hochsensibel klingt hochtrabend, erinnert an Weichheit und Schwächlichkeit. „Sensibelchen“ ist ja nichts anderes als ein nett verpacktes Schimpfwort.

Hochsensible Menschen wie Beate Felten-Leidel, eine Schriftstellerin und Übersetzerin, haben besonders feine Antennen. Sie nehmen Reize stärker wahr als andere. Etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sollen nach Schätzungen betroffen sein. Oft können sie sich besonders gut in andere hineinversetzen, können Stimmungen deutlich spüren, sind sehr empathisch und ideale Zuhörer. Das Problem, so sagen Fachleute, ist dabei die Reizüberflutung: Wenn man mehr wahrnimmt, hat man auch schneller zu viel.

„Manchmal nervt es mich selber“

Viele Hochsensible sind introvertiert, Lärm und Menschenmassen finden sie störend wie Zeitdruck oder grelles Licht. Nach hektischen Tagen haben sie ein großes Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein; so tanken sie Kraft. Natürlich gibt es Abstufungen im Grad der jeweiligen Sensitivität.

Beate Felten-Leidel hat es mit allen Sinnen erwischt. Defekte Rohre im Haus hörte sie schon tropfen, lange bevor etwas zu sehen war. Von Kaffee wird ihr sofort übel. In der Metzgerei auch, Anblick und Geruch von Fleisch ekeln sie. Alkohol ebenfalls. Telefongespräche, Shopping-Center und enge Umkleiden bedeuten für sie Stress und Reizüberflutung. Nach langem Small Talk auf einer Party braucht sie eine Erholungspause. Das aktuelle Fernsehprogramm mit viel Mord und Totschlag kann sie nicht ertragen. Im Café und in der Straßenbahn kann sie die Gespräche der anderen nicht ausblenden, alles, was sie hört, strömt auf sie ein. „Manchmal nervt es mich selber“, sagt sie. Oft fühlt sie sich schon morgens wie erschlagen. Von der Welt und all ihren Eindrücken.

Frieden mit sich selbst konnte sie erst schließen, als sie auf die Studien von Elaine N. Aron stieß. Die US-amerikanische Psychologin veröffentlichte 1997 die ersten Bücher über „High Sensitivity“ und gilt als Wegbereiterin bei der Erklärung des Phänomens. Aron erfasste mithilfe von Fragebögen, ob Menschen hochsensibel sind. Für Beate Felten-Leidel waren die Untersuchungen eine Offenbarung: Bei den Testfragen, die sich in der Literatur und auch im Internet finden (siehe Kasten), konnte sie hinter jeden Satz ein Häkchen setzen.

In Deutschland noch weitgehend unerforscht

Mittlerweile gibt es auch einige deutsche Bücher zum Thema, dennoch ist Hochsensibilität hierzulande noch weitgehend unbekannt. Bis heute existiert keine anerkannte neurowissenschaftliche Definition des Phänomens, was aber auch daran liegt, dass die High-Sensitivity-Forschung noch in ihren Anfängen steckt.

Sandra Konrad beschäftigt sich an der Universität der Bundeswehr in Hamburg mit dem Thema. „Hochsensibilität ist vor allem eine Temperamentseigenschaft“, sagt die Forscherin. „Sie ist nur so schwer wissenschaftlich nachzuweisen, weil hier sehr viele Faktoren mit hineinspielen.“ Viele ihrer hochsensiblen Probanden berichten auch über höhere Werte in Neurotizismus und leiden häufig an Angststörungen oder Depressionen. „Das liegt aber in der Natur der Sache“, sagt Konrad. Wer sich dauernd überstimuliert fühle, reagiere eben auch schnell überreizt: „Da es sich bei den erhobenen Daten um Selbsteinschätzungen handelt, muss man hier insgesamt vorsichtig sein“, sagt die Wissenschaftlerin.

Beate Felten-Leidel, heute 60, hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht: „Wenn Sie Ihrem Arzt sagen, dass sie hochsensibel sind, lacht der sie wahrscheinlich aus.“ Dass sie anders ist als andere, weiß sie, seit sie sich erinnern kann. Ihre Kindheit war nicht einfach. Sie war ein stilles, zurückgezogenes Kind, hatte panische Angst vor der Schule und fühlte sich in der Gesellschaft anderer selten wohl. „Du Mimose!“ und „Leg dir mal ein dickeres Fell zu“ waren noch die harmloseren Sätze, die sie hörte.

„Wie bunt blühende Clematis“

Abgrenzung fiel ihr immer schwer. Liebevolle Ermutigung, genau das hätte sie als Mädchen gebraucht. „Jetzt spiel doch endlich mit den anderen und sitz hier nicht so allein rum!“ – wer solche Sätze immer wieder hört, verinnerlicht, dass es nicht richtig ist, ruhig und introvertiert zu sein. Und fühlt sich ständig abgewertet.

Wer seine Feinfühligkeit akzeptiert, kann sie jedoch auch als Vorteil für sich nutzen. „Für meinen Beruf ist es ideal, weil ich auf die Menschen optimal eingehen kann“, sagt Renate Schreinecke, eine Heilpraktikerin. Zur Stressbewältigung schwört sie auf Shiatsu und Meditation. Beate Felten-Leidel spürt eine große Verbundenheit zur Natur, zu Tieren und Pflanzen. Sie hat eine überströmende Fantasie, ein exzellentes Gedächtnis und träumt intensiv und lebhaft. „Ich erfreue mich an vielen kleinen Dingen, die andere nicht sehen“, sagt sie. Am Rotkehlchen in ihrem Garten. An der Tasse mit frisch aufgebrühtem Tee in ihren Händen. Am Glitzern des Morgentaus.

Kritiker könnten einwenden, dass Hochsensibilität ein Konstrukt sei: die Pathologisierung von Schüchternheit. Sie könnten sagen, dass man eine Selbstdiagnose stellt, die als Entschuldigung für die eigene Verzagtheit dienen kann. Für Beate Felten-Leidel ist Hochsensibilität kein Konstrukt. Für sie ist es eine Befreiung. Endlich fühlt sie sich erkannt, nicht mehr allein. Und inzwischen hat sie Wege entwickelt, mit ihren Eigenheiten zu leben.

Auf Partys sagt sie dem Gastgeber oft schon zu Beginn, dass sie gegen 22 Uhr weg muss. In die Umkleidekabine nimmt sie höchstens drei Teile mit. Und wenn sie plötzlicher Heißhunger überfällt – auch eine typische Eigenschaft von Hochsensiblen –, hat sie jetzt immer einen Snack dabei.

Das Störendste an der Empfindsamkeit? „Dass man so leicht und so schnell Stress hat. Man muss im Alltag Methoden entwickeln, um sich selbst zu beruhigen“, sagt Felten-Leidel. Der Vergleich mit der empfindlichen Pflanze Mimose gefällt ihr übrigens gar nicht. „Hochsensible Menschen sind eher wie bunt blühende Clematis“, sagt sie: „Es gibt sie in unterschiedlichsten Formen. Sie reagieren empfindlich auf einen falschen Schnitt oder auf eine unbedachte Berührung. Doch wenn man sie am richtigen Standort gut behandelt, belohnen sie das mit einer üppigen Pracht.“