Ich habe meinen eigenen Simulationsrechnungen nicht glauben wollen“, sagt Wolfram Mauser, Professor für Geografie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er promovierte zur Hochwasservorhersage per Satellit, und seine Simulation hatte bereits am 31. Mai korrekt die extrem steigenden Pegel der Donau vorausgesagt.

Die meisten Wissenschaftler zeigen sich von der erneuten großen Flut nicht überrascht. „Häufigere Wetterextreme sind Teil des Klimawandels“, sagt Jochen Schanze, Professor am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Nach der sogenannten Jahrhundertflut von 2002 schienen solche Vorhersagen auch an der Elbe und ihren Nebenflüssen erstmals Gehör zu finden. Überall wollte man aus Fehlern lernen. Schlecht erhaltene Dämme sollten repariert, Wohnungen und Gewerbe in der Flussaue nicht neu genehmigt werden, Flutmauern gefährdete Altstädte schützen. Wo immer möglich, sollten die Flüsse mehr Platz bekommen, um bei Hochwasser in die Breite statt in die Höhe zu wachsen.

Doch Axel Bronstert, Hydrologe von der Universität Potsdam, konstatiert bei der Umsetzung dieser guten Vorsätze ein ähnliches Abflauen wie bei der Hochwasserwelle. Zumal die Bezeichnung Jahrhundertflut bei einigen Verantwortlichen wohl das Gefühl geweckt hatte, nun hundert Jahre Ruhe zu haben. „Das aber ist ein Fehlschluss. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines Extremhochwassers nur ein Prozent beträgt, ist das Risiko jedes Jahr erneut da“, sagt Axel Bronstert.

Nur ein Viertel der Projekte fertig

Von 351 Hochwasserschutz-Bauprojekten in Sachsen waren elf Jahre nach der Flut von 2002 erst 80 fertig, 55 sind noch im Bau, und 216 stecken in Planungs- und Genehmigungsverfahren, resümierte der MDR. Die Schutzwälle in Eilenburg, Zwickau, Plauen, Schlettau, Aue oder Flöha hielten die Wassermassen zurück, doch andernorts blieb alle Baukunst vergebens. Vor Bitterfeld musste ein Damm gesprengt werden, weil sonst eine Flutwelle die Stadt heimgesucht hätte, andernorts, wie in Rochlitz, verhinderten Flutmauern am Fluss, dass der Regen von den umliegenden Höhen und Feldern abfließen konnte, so kam das Schlammwasser von der anderen Seite. Und als dann die Zwickauer Mulde stieg, waren die Mauern 30 Zentimeter zu niedrig.
„Wir müssen uns als Gesellschaft im Klaren werden, wie viel Geld wir ausgeben können für den Hochwasserschutz. Eine absolute Sicherheit ist nicht möglich“, resümiert der Münchner Professor Wolfram Mauser. „Wo Gefahr für Leib und Leben besteht, ist Schutz sicher gerechtfertigt, aber darüber hinaus muss auch eine Kosten-Nutzen-Abschätzung vorgenommen werden.“

Mit diesen unbequemen Wahrheiten wollten weder die Politiker ihre Wähler konfrontieren noch Kommunalplaner ihre Bauherren. Und so wurde auch dort, wo 2002 die größten Schäden entstanden, wieder aufgebaut und sogar neu gebaut. „Es gibt starke bauliche Investitionen in deichgeschützten Flächen, aber Deiche sind auch nur ein begrenzter Schutz, wie wir gerade erleben“, sagt Jochen Schanze vom Leibniz-Institut. „Wir haben zum Beispiel Investoren in Dresden ausdrücklich gewarnt, das Gebiet an der Friedrich-Wieck-Straße zu bebauen, doch ohne Erfolg.“ So versanken die neu erbauten Häuser jetzt in den Elbfluten.

Emil Dister vom Auen-Institut der Karlsruher Universität (KIT) in Rastatt erlebt seit 30 Jahren, wie die Ratschläge der Wissenschaftler in den Wind geschlagen werden. „Ich verstehe unsere Vorfahren, die vor 200 Jahren durch Entwässerung und Flussbegradigung Flächen gewinnen wollten, weil sie nur so die Ernährung der wachsenden Bevölkerung sichern konnten“, sagt er. „Aber heute, da wir eher zu viel Nahrungsmittel erzeugen, kann das kein Argument mehr sein, den Flüssen ihre Auen abzuschneiden.“
Flussauen sind die artenreichste Landschaft im Mitteleuropa und leider fast völlig verschwunden. Doch von allen Versprechen, Dämme zurückzuversetzen, damit das Wasser mehr Platz bekommt, schafften es an der Elbe gerade einmal zwei größere Projekte in die Umsetzung. Das eine befindet sich im Land Brandenburg bei Lenzen, wo der Deich um bis zu einen Kilometer landeinwärts versetzt wurde.

Das zweite in der Nähe von Barby in Sachsen-Anhalt (siehe Karte) ist noch nicht fertig und konnte daher nicht zur Entspannung der Hochwasserlage beitragen. „Je näher die Leute an unserem Projekt wohnen, desto größer war anfangs die Ablehnung“, sagt Astrid Eichhorn, Projektleiterin vom World Wide Fund For Nature (WWF). „Sie fürchten, dass ihre Aussicht auf die Elbe durch den nähergerückten Deich leidet und dass ihnen im Fall eines Deichbruchs weniger Zeit zum Räumen bleibt.“ Seit der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) das Projekt unterstützt, konnten die Anrainer allmählich überzeugt werden. Dennoch dauerte das gesamte Planungsverfahren einschließlich Klagen bis zur ersten Tätigkeit im Gelände fünf Jahre.
Der erste Bauabschnitt des neuen Deichs in Sachsen-Anhalt ist inzwischen fertig. Die Umweltschutzorganisation kauft landwirtschaftlich genutzte Flächen auf, die für den Deichbau nötig sind und von Überschwemmungen betroffen sein werden. Waldflächen werden auch vom Land zur Verfügung gestellt. Durch die Rückverlegung erhält die Elbe zusätzlich 600 Hektar Überflutungsfläche. Wenn 2018 der alte Deich geschlitzt wird, könnte bei einem neuen Elbhochwasser der Wasserspiegel um bis zu 30 Zentimeter sinken – eine Entlastung für das nahe Aken.

Nachfrage nach Baugrund

Was bedeuten solche Flächen für die von der Flut Betroffenen insgesamt? „Erst ein Augebiet, so groß wie der Spreewald, würde tatsächlich die aktuellen Wassermassen abfedern können“, sagt der Hydrologe Axel Bronstert. „Dafür aber sehe ich entlang von Elbe, Elster, Saale oder Mulde nicht genug Platz.“

Eine weitere Möglichkeit: Polder. Das Auen-Institut Rastatt begleitete die Einrichtung solcher künstlichen Überflutungsflächen am Rhein bei Karlsruhe. „Mit solchen Bauwerken kann man ganz gezielt Hochwasserspitzen abfangen. Sie sind nur für die Natur ungünstiger, weil sie einen mehr oder weniger künstlichen Wasserhaushalt aufweisen“, sagt Emil Dister, Leiter des Auen-Instituts. An Donau und Elbe sei in dieser Hinsicht praktisch nichts getan worden, was eindeutig ein Versäumnis sei. „Warum soll ich etwas tun, was anderen flussabwärts nützt?“, laute die typische Reaktion von Bürgermeistern. Die Nachfrage nach billigem Baugrund, einfachen Verkehrswegen und Steuereinnahmen für Gemeinden schlage immer wieder Bedenken aus dem Feld und führe zu einer ständig neuen Versiegelung von Flussauen.

„Es kann nicht sein, dass die Hochwasserschäden in der ganzen Bundesrepublik entstehen, aber der Hochwasserschutz Ländersache bleibt“, moniert Oliver Harms vom Auen-Institut. Dadurch siegten immer wieder kurzsichtige Lösungen über Maßnahmen, die den ganzen Flusslauf berücksichtigen. Selbst internationale Verträge würden durch einzelne Bundesländer seit Jahrzehnten verzögert. „Es ist ein Unding, dass wir allein in Deutschland entlang der Elbe sieben verschiedene Hochwasserschutzkonzepte haben, weil jedes Bundesland etwas anderes macht“, kritisiert Emil Dister. Hier fehlten bundeseinheitliche Vorgaben.
Auch die Koordinierungsstelle Elbe in Magdeburg tausche nur Informationen aus und habe keine Entscheidungsbefugnis. Selbst die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie, die vorschreibt, ganze Flusseinzugsgebiete zu betrachten, verschob die Bundesregierung wieder an die Länder. „Sachsens Hochwasserschutzprogramm enthält 49 Maßnahmen, aber umgesetzt wurden bis Herbst 2012 nur zwei, auf diese Weise bekommen wir keinen wirksamen Schutz“, sagt Dister.

Auch die Häuser sind anzupassen

Über solche Schutzmaßnahmen hinaus plädiert Jochen Schanze vom Leibniz-Institut dafür, den Hausbesitzern direkte Vorsorge zu ermöglichen. „Wir haben aus der Forschung sehr gute Erkenntnisse, wie man Häuser baulich so ausrüstet, dass sie Hochwasser mit möglichst geringen Schäden überstehen.“ Dazu gehörten nässeresistente Böden und Wände, die sich leicht reinigen lassen. Leider spiele eine Beratung und finanzielle Unterstützung der Hauseigentümer bisher eine viel zu geringe Rolle.
Oliver Harms kennt solche baulichen Vorkehrungen von den Mosel-Anwohnern, die häufig mit Hochwassern zu kämpfen haben. „Dort sind die Untergeschosse der Häuser gefliest, sodass man sie leicht reinigen kann, es gibt keine Öltanks, und wichtige Versorgungsleitungen wie Strom und Gas sind in den oberen Etagen angeschlossen.“

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Vor der nächsten Flut, so die einhellige Meinung der Wasserexperten, könne es nicht nur darum gehen, Dämme zu verstärken und Mauern höher zu ziehen. Man müsse klären, wo es lohne, Häuser zu schützen, und wo man dem Fluss mehr Raum geben sollte. Gebäude und Bewohner seien entlang der Flüsse nie völlig sicher – das ist wohl die wichtigste Lehre dieser Wochen.