Aus der verschwommenen Erinnerung an die Schulzeit vor dreißig Jahren ragt er einsam hervor: ein alter, weißhaariger Deutschlehrer mit gütigem Gesicht. Er hatte ein Ritual. Jedes Mal, wenn er Schüler zum Gedicht-Vortragen auswählte, schlug er das Klassenbuch auf, strich mit der Hand sanft über die Namen, zog heiter eine Augenbraue hoch und rezitierte aus Goethes „Faust“: „Greift nur hinein ins volle Menschenleben!/ Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt/ Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.“ Dann piekte sein Finger theatralisch auf einen Namen. Der ausgewählte Schüler ging nach vorn, zum Vortrag, und der alte Deutschlehrer nahm ihm die Beklemmung, indem er ihn mit gütig-humorvollen Kommentaren begleitete.

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