Selbst für die Kanzlerin ist es ein heißes Thema: Das Chlor-Hühnchen werde nicht kommen, versprach sie den Deutschen höchstpersönlich. Denn die befürchten, dass im Zuge des Freihandelsabkommens TTIP demnächst Hähnchen aus den USA auf ihrem Teller landen, die mit giftigem Chlor desinfiziert wurden. Eine berechtigte Schreckensvision? Nein, sagt der Freiburger Hygieneexperte Franz Daschner. Er hat mit derart behandeltem Fleisch gar keine Probleme.

Herr Professor Daschner, würden Sie einer Einladung zu einem Chlorhühnchen-Mahl folgen?

Selbstverständlich. Das würde mir überhaupt keine Angst einjagen. Im Gegenteil: Ich esse lieber ein amerikanisches Chlorhühnchen, als ein deutsches oder niederländisches Huhn, das oft voller gefährlicher Bakterien wie Salmonellen und Campylobacter ist. Das sind hochpathogene, extrem ansteckende Keime, die jährlich weltweit Zehntausende umbringen. Sie können schwere, blutige Durchfallerkrankungen verursachen – bis hin zu Herz- oder Hirninfektionen und Blutvergiftung.

Ein amerikanisches Chlorhähnchen trägt solche Keime nicht?

Das Risiko ist jedenfalls deutlich geringer, weil derart vorbehandeltes Fleisch von merklich weniger Keimen besiedelt ist. Durch das Chlor in dem eiskalten Wasser, durch das die Tiere nach dem Schlachten und Ausnehmen gezogen werden, wird ihr Äußeres desinfiziert. Die Folge: Wenn ich die drei Keime von einem Chlorhuhn mit meinen Händen ins Speiseeis übertrage, bleibt das immer noch essbar. Bei einem Hähnchen aus einem hiesigen Schlachthof verschleppt man eventuell 10 000 Keime ins Essen, drei Stunden später sind das dann drei Millionen.

Flüssiges Chlor wirkt stark ätzend auf die Haut. Chlorgas in der Atemluft wiederum führt zum raschen Tod durch Atemstillstand bei Säugetier und Mensch. Das kann sich doch kein Mensch im Essen wünschen.

Aber diese Warnung gilt ja nur für reines beziehungsweise gasförmiges Chlor. Bei der Desinfektion haben wir es aber mit Chlor in gebundener Form und in deutlich niedrigeren Konzentrationen zu tun: mit Natriumhydrochlorit und Chlordioxid. Das ist das gleiche Zeug, das wir zur Reinhaltung des Trink- und Schwimmbadwassers verwenden. Und zwar seit Jahrzehnten, ohne dass deshalb ein einziger Mensch an gechlortem Wasser gestorben wäre oder es jemand sonst in irgendeiner Weise geschadet hätte.

Also kein Grund zur Panik?

Überhaupt kein Grund zur Panik. Jeder Badende nimmt mit den 20 bis 30 Milliliter Badewasser, die er unbewusst schluckt, mehr Chlor auf, als er bei einem ganzen Chlorhühnchen verzehren würde. Um ganz ehrlich zu sein, ich kann wirklich nur den Kopf schütteln über diese gnadenlose Hysterie.

Allerdings hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gegenüber den Chlorhühnern auch noch andere Bedenken: So sei nicht auszuschließen, urteilt das BfR, dass die großräumige Anwendung von Chlor in Schlachthöfen die Umwelt belastet. Zudem sei in einem solchen Fall auch die Bildung von Resistenzen gegen das Desinfektionsmittel zu befürchten. Das klingt doch nach plausiblen Argumenten, um von Chlorhühnern die Finger zu lassen?

Also mir ist kein einziger Fall bekannt, bei dem gefährliche Bakterien gegenüber Chlor unempfindlich geworden wären. Das wäre uns Hygienikern in den vergangenen Jahrzehnten gewiss aufgefallen. Mit der Umweltverträglichkeit ist es etwas anderes. Wenn man tonnenweise Chlorverbindungen aus den Desinfektionsanlagen ins Abwasser geben würde, dann würde man natürlich auch die dort lebenden Bakterien schädigen. Keime, die wir brauchen, um unseren Dreck im Abwasser abzubauen. Und tatsächlich: Früher sind manchmal durch desinfektionsmittelhaltige Klinikabwässer Kläranlagen gekippt. Heute passiert das nicht mehr, weil man die Abwässer entsprechend vorbehandelt und das Chlor entfernt oder entschärft.