Facebook nervt. Diese zwei Worte posten viele seit Monaten direkt in ihre Facebook-Timelines. Und viele ihrer Freunde wiederum klicken dann auf „Gefällt mir“. Genervt sind sie alle offenbar vom immer stärkeren Akzent auf Nachrichten, Ticker-News und gesponserte Posts. Die Unternehmenspolitik von Facebook fördert diesen Trend und trimmt den Algorithmus immer stärker in diese Richtung - der ironischerweise auch alte Eilmeldungen mehrmals hochspült.

In welchem Konzert die Bekannten waren, Fotos von der abendlichen Feier, zu der es nach Kindergartenfest und Einkaufen nicht mehr gereicht hat, oder was ein guter Freund am Morgen aus der U-Bahn postet – es geht häufig im News- und Werbe-Gedröhne unter. Nicht, dass das alles keinen interessiert. Im Gegenteil. Facebook ist für viele eine wichtige Informationsquelle geworden, ob für politische Nachrichten, Lifestyle-Trends oder Partytipps.

Aber das Netzwerk, das der Social-Media-Revolution den Durchbruch gebracht hat, ist einfach nichts Besonderes mehr. Viele Leute fühlen sich nicht mehr unter sich, es sei denn, sie bilden private Listen und Räume. Das wiederum sind dann höchstens noch bessere Mailinglisten.

Und nun kommt Ello. Dabei ist es nicht das erste Start-up, das als Alternative gehandelt wird. Bekannt wurde es vor allem, weil Facebook sich unter seinen knapp 1,3 Milliarden Nutzern zu viele Feinde gemacht hat. Etwa indem das Unternehmen versucht hat, den Klarnamenzwang einzuführen.

Das kam besonders in der LGBT-Gemeinde in den USA nicht gut an. So entzündete sich der Hype an der ewigen Debatte um den Datenschutz und ging zugleich schnell darüber hinaus. Der Hashtag #ello wurde zum viralen Hit - als Empfehlung für eine Alternative zu Zuckerbergs Netzwerk.

Einlass wie bei einer VIP-Party

Weil Ello nur nach Einladung betreten werden kann, wirkt es per se schon anziehend. Noch ist das Netzwerk in der Entwicklungsphase, Einlass wird nur schrittweise gewährt. Das ist wie bei einer exklusiven Party, auf der jeder mal auf der Gästeliste stehen will. Wer es hinein geschafft hat, sieht ein klares, simples Design in Schwarz-Weiß. Es hat etwas von einem formschönen, aber (noch) schlecht besuchten Showroom eines jungen Designer-Labels in Kreuzberg oder Neukölln.

Ganz klar, da eröffnet sich erst einmal ein Ort für Eingeweihte: Grafiker, Programmierer, Werber und Künstler befüllen die Timelines. Die Kreativen-Gemeinschaft kommt dort zusammen, bisher vornehmlich aus den USA. Viele Funktionen sucht der Nutzer vergebens, weil es sie in der Beta-Phase noch nicht gibt, zum Beispiel das Pendant zum „Gefällt mir“-Button. Gepostet werden große Bilder, durchgestylt, bearbeitet, schön anzusehen. Es ist Twitter und Facebook zusammen, ein Hauch von Instagram und Tumblr dazu. Innerhalb des Netzwerks sind alle Profilseiten öffentlich, wer außerhalb gesehen werden will, muss das ausdrücklich erlauben.

Ello wirbt mit Datenschutz

Darüber hinaus wirkt Ellos Slogan „Your are not a product“ („Du bist kein Produkt“) und das Versprechen, Daten nicht zu Werbezwecken zu missbrauchen. Datenschutz ist attraktiv, aber wird er auch eingelöst? Ello verspricht, die Daten nicht zu verkaufen. Trotzdem will auch Ello wissen, wie die Gäste ticken: Tatsächlich muss der Nutzer in seinen Einstellungen eine Analyse seines Nutzerverhaltens aktiv ablehnen – immerhin ist die Einstellung leicht zu finden.

Ob Ello tatsächlich ein erfolgreiches neues Netzwerk für den Austausch mit Freunden werden kann? Nun ja, zuerst müssten sie alle erst einmal dort sein. Im Moment ist der Andrang noch spürbar, die Ello-Macher kommen beim Einlass aller Registrierten auf den Einladungslisten noch nicht hinterher.

Es geht auch durch die Hintertür, wenn man sich von jemandem persönlich mit einem Zugangscode hineinbitten lässt. Das funktioniert gut, einfach über Facebook oder Twitter zum Beispiel nach dem Hashtag #elloinvitecode suchen. Allerdings sinkt der Viralfaktor im Netz schon jetzt. Und so bleibt der Eindruck, dass Ello schlicht ein virtuelles Hipstercafé ist, in das gerade alle einfallen, um bald weiterzuziehen - auf der Suche nach einer neuen Alternative zu Facebook.