Die Stimme, mit ausgeprägtem Wiener Akzent, ist tief, langsam und monoton. „Sie spüren den Stuhl unter sich. Sie hören mich reden. Sie fühlen die Wärme des Raumes. Sie spüren Ihren Atem. Durch das eine Nasenloch atmen Sie ein, durch das andere wieder aus. Sie lassen Ihre Gedanken kommen und auch wieder gehen.“ Während Harald Krutiak redet, fällt seine Klientin allmählich in Trance. Sie hat den Berliner Hypnotherapeuten aufgesucht, weil sie mit seiner Hilfe endlich von den leidigen Zigaretten loskommen will, die sie seit mehr als dreißig Jahren raucht. Nikotinpflaster hatten der Frau nicht helfen können, Rauchstopp-Medikamente wollte sie wegen der möglichen Nebenwirkungen nicht nehmen.

Freunde hatten sie ausgelacht, als sie ihnen von ihren Plänen erzählte, Hilfe in der Hypnose zu suchen. Doch die 46-Jährige ließ sich nicht beirren: Immerhin gilt die Hypnotherapie – wenngleich sie von vielen Menschen noch immer als Humbug abgetan wird – seit mehr als zehn Jahren als ein anerkanntes wissenschaftliches Verfahren zur Behandlung psychosomatischer Störungen und Suchterkrankungen.

Insbesondere für die Raucherentwöhnung gebe es hinreichende Belege, dass die Hypnotherapie wirksam sei, stellte der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie im Frühjahr 2006 fest. Zuvor hatte das Gutachtergremium um den damaligen ärztlichen Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg, Gerd Rudolf, knapp fünfzig Studien gesichtet, die sich mit der Wirkung von Hypnose auf die verschiedensten Beschwerden beschäftigt hatten.

Alpha-Wellen im Gehirn

Was aber geschieht da eigentlich im Gehirn der hypnotisierten Klienten? „Die Trance ist ein Zustand, der am ehesten mit dem Moment kurz vor dem Einschlafen verglichen werden kann, wenn die Gedanken ganz von alleine kommen und gehen“, erläutert Krutiak. In beiden Phasen zeigt das Gehirn ein spezifisches Aktivitätsmuster, das im EEG (Elektroenzephalogramm) von sogenannten Alpha-Wellen charakterisiert ist.

„In diesem Zustand nimmt die Aktivität des Frontallappens, wo das bewusste Denken stattfindet, ab“, sagt Krutiak. „Gleichzeitig werden die hinteren Bereiche des Gehirns, die für das unbewusste Denken zuständig sind, hochgefahren.“ Hervorrufen lässt sich der Alpha-Zustand des Gehirns unter anderem durch gleichmäßige, horizontale Augenbewegungen. Das erklärt, warum manche Therapeuten ein Pendel benutzen, um ihre Klienten in Trance zu versetzen. Krutiak arbeitet lieber mit dem Bild des Atems, der durch das eine Nasenloch ein- und durch das andere wieder ausströmt. Der Effekt ist der gleiche.

Im Alpha-Zustand gilt das Gehirn als besonders empfänglich für Bilder und Emotionen. „Vereinfacht gesagt, hilft der Hypnotherapeut seinen Klienten, die im Unterbewusstsein vorhandenen Gedanken und Überzeugungen zum Positiven hin zu verändern“, sagt Krutiak. In der Trance lässt er ganz konkrete Bilder davon entwickeln, wie jemand als Person sein wird, wenn er die Zigaretten oder den Alkohol hinter sich gelassen hat.

„Wichtig ist, dass die Klienten ein starkes Gefühl dafür entwickeln, wie es sein wird, wenn sie ihr Ziel tatsächlich erreicht haben“, sagt Krutiak. „Wir versuchen, dieses Gefühl zu verstärken, indem wir es in der Trance mit Farben oder Klängen belegen, es also in andere Sinneskanäle übersetzen.“ Denn je mehr Kanäle angesprochen werden, desto stärker verankert sich das Gefühl im Gehirn.

„Auf neuronaler Ebene entsteht dann ein ganz komplexes Netzwerk“, sagt Krutiak. Der Hypnotherapeut legt zudem großen Wert darauf, dass seine Klienten sich in der Trance genau ausmalen, wodurch sie Zigaretten oder Alkohol künftig ersetzen wollen. „Die Alternative muss echten Belohnungscharakter haben“, sagt er. „Niemand wird aufhören zu trinken, wenn er anstatt der abendlichen Flasche Rotwein künftig eine Flasche Leitungswasser genießen soll.“

Wer nach Belegen sucht, dass die Hypnotherapie tatsächlich wirkt, wird vor allem beim Thema Rauchstopp fündig. Krutiak ist sich zwar sicher, dass seine Arbeit dabei helfen kann, so ziemlich jeden guten Vorsatz in die Tat umzusetzen. Studien, die zeigen, dass man mittels Hypnose auch abnehmen, sich gesünder ernähren oder mehr Sport treiben kann, fehlen aber bislang.

Besser als Nikotinersatztherapie

Anders sieht es beim Rauchstopp aus. Im Jahr 2010 beschäftigte sich sogar die renommierte Cochrane Collaboration mit dem Thema. Die internationale Gruppe von Wissenschaftlern und Ärzten erstellt systematische Übersichtsarbeiten, um medizinische Therapien möglichst objektiv zu beurteilen. Zwar bemängelten die Cochrane-Forscher damals die unzureichende Qualität vieler der vorhandenen Studien. Man sehe bislang daher lediglich Hinweise, dass die Hypnotherapie einen geplanten Rauchstopp unterstützen könne, schrieben die Forscher um Joanne Barnes von der University of Auckland in Neuseeland in der Zusammenfassung ihrer Analyse.

Im Jahr 2014 haben US-Wissenschaftler des Massachusetts General Hospital in Boston eine weitere Studie veröffentlicht, in der die Hypnotherapie mit einer 30-tägigen Nikotinersatztherapie sowie einer kombinierten Anwendung beider Methoden verglichen wurde. Obwohl die Hypnotherapie in dieser Untersuchung, an der 164 Probanden teilnahmen, nur eine einzige, 90-minütige Sitzung umfasste, schnitt sie ziemlich gut ab: Die Wahrscheinlichkeit, sechs Monate später als Nichtraucher zu gelten, sei nach einer Hypno- oder kombinierten Therapie mehr als dreimal so hoch wie nach der Nikotinersatztherapie, berichten die Forscher um Faysal Hasan. Mehr als jeder dritte teilnehmende Raucher hatte es in dieser Studie geschafft, mittels Hypnose von den Zigaretten loszukommen.

Eine einzige Sitzung empfindet der Berliner Hypnotherapeut Harald Krutiak dennoch als zu wenig. „Wenn es darum geht, jemandem beim Abnehmen oder Sporttreiben zu unterstützen, komme ich in der Regel mit zwei, drei Sitzungen aus“, sagt er. Wer allerdings mithilfe der Hypnose eine Alkohol- oder Nikotinsucht in den Griff bekommen wolle, müsse sich schon auf die doppelte Anzahl an Sitzungen einstellen. Ein paar Stunden in Trance aber könnten ein ganzes Leben ohne gesundheitsgefährdende Laster versprechen.