Enno Park (45) ist Informatiker, Technikphilosoph und Vorsitzender von Cyborgs e.V., einem Verein, der sich der Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik verschrieben hat. Im Interview spricht er über Cyborgs in Deutschland, Verschwörungstheoretiker und die Liebe zu Maschinen.

Herr Park, Sie sehen nicht gerade so aus, wie man sich einen Cyborg vorstellt, bezeichnen sich aber als solcher. Warum?

Wie stellen Sie sich denn einen Cyborg vor?

Groß, stark, gefährlich und mit Superkräften. So wie den Terminator, den Robocop, den Sechs-Millionen-Dollar-Mann oder die Borgs aus Star Trek.

Die Wahrnehmung von Cyborgs ist tatsächlich stark durch Hollywood geprägt. Aber ein Cyborg ist einfach ein Mensch, der technisch modifiziert wurde, ein kybernetischer Organismus.

Und warum sind Sie ein Cyborg?

Ich war fast taub. Vor sieben Jahren habe ich mir zwei Cochlea-Implantate in den Kopf einsetzen lassen. Sie verbinden einen Sound-Prozessor mit dem Hörnerv. Seitdem kann ich wieder hören und gesellschaftlich wieder teilhaben. Auch wenn ich dank des Implantates Dinge kann, die andere nicht können – zum Beispiel das Gerät ausschalten, wenn ich meine Ruhe haben will – ist man von der implantierten Technik abhängig und bleibt wegen ihrer Einschränkungen in manchen Situationen auch gehörbehindert.

Eine digitale Visitenkarte unter der Haut

Was macht Sie neben dem Hörimplantat noch zum Cyborg?

Ich habe mir in die linke Hand zwischen Daumen und Zeigefinger einen „Near-Field Communication“- oder kurz NFC-Chip implantieren lassen.

Was kann man mit dem implantierten Chip machen?

In Deutschland nicht allzu viel. Dafür fehlt hier – noch – die Infrastruktur. In Schweden könnte ich mir meine Zugfahrkarten auf den reiskorngroßen Chip laden. Schwedische Schaffner haben ein spezielles Gerät, mit dem sie die Informationen auslesen können. In einigen Ecken von Stockholm kann man mit dem Chip auch Bürotüren öffnen, wenn man die entsprechende Autorisierung auf dem Chip hat, sich im Fitness-Studio ausweisen oder einen Kaffee bestellen.

Und was können Sie mit Ihrem Chip anstellen?

Ich habe auf dem Chip eine digitale Visitenkarte gespeichert. Wer sein Telefon ganz nah an meine Hand hält, kann die Daten gleich in seinem Handy speichern. Das ist ganz lustig, aber natürlich nicht dringend notwendig.

Gibt es in Deutschland viele Cyborgs?

Nach meiner Definition sind fast alle Menschen in den Industrienationen Cyborgs, denn die meisten sind eine sehr enge Symbiose mit Technik eingegangen, auch wenn diese nicht in den Körper eingebaut ist. Mit dem Smartphone haben wir uns ein Sinnesorgan für das ansonsten nicht hör- und sichtbare Internet geschaffen.

Welche Implantate sind heute schon machbar, was ist noch Science-Fiction?

Bei der Entwicklung von Prothesen, die Steuerungssignale aus Muskelresten aufnehmen, gibt es große Fortschritte. So können Handprothesen bereits einfache Bewegungen ausführen. Gehirnimplantate, die uns schneller reagieren, denken und lernen lassen, halte ich hingegen noch für Science-Fiction.

Aber macht uns in unsere Körper eingebaute Technik nicht sehr angreifbar? Was passiert, wenn Hacker Implantate umprogrammieren oder einfach nur die Batterie alle ist?

Ich halte diese Gefahr für kalkulierbar. Wir sind schon jetzt extrem abhängig von Technik, Strom und Öl und entsprechend angreifbar. Natürlich müssen wir dafür Sorge tragen, uns so gut wie möglich zu schützen und resilient zu werden. Aber die meisten Menschen haben auch kein Problem damit, in ein Auto zu steigen, obwohl sie wissen, dass Autofahren mit Gefahren verbunden ist.

Vielen Leuten macht die Vorstellung eines implantierten Chips aber Angst.

Deshalb ist es so wichtig, dass es vertrauenswürdige Experten gibt, die unabhängig über die Chancen und Gefahren von Technik informieren. Darum habe ich mit anderen den Verein gegründet.

Werden Sie dafür kritisiert, dass Sie dafür plädieren, den Menschen technisch zu verbessern?

Herzlich wenig. Ich hätte mit mehr Gegenwind gerechnet.

Die Beziehung zum Staubsauger-Roboter

Aber spielen wir nicht Gott, wenn wir Menschen technisch aufrüsten?

Nein. Wir dürfen nur nicht der Hybris verfallen, zu glauben, dass wir unfehlbar seien.

Wer sind denn die Kritiker?

Tendenziell reagieren jüngere Menschen skeptischer als ältere.

Wie erklären Sie sich das?

Die meisten jungen Menschen haben noch einen gesunden, unverbrauchten Körper und sind nicht auf technische Hilfsmittel angewiesen. Viele Alte hingegen haben bereits eine künstliche Hüfte oder ein künstliches Knie oder kennen zumindest jemanden, dessen Leben sich durch eine Prothese stark verbessert hat.

Verschwinden die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine? Werden wir uns irgendwann in Roboter verlieben oder Freundschaft mit ihnen schließen?

Menschen können schon jetzt sehr enge Bindungen zu Maschinen eingehen. Als ich mir vor ein paar Jahren einen Staubsauger-Roboter angeschafft habe, war ich zunächst auch total fasziniert davon, wie das Ding wie ein Käfer durch die Wohnung wirbelte. Ich habe die Maschine schnell „Bernd“ genannt. Viele Soldaten bauen zu lastentragenden Robotern eine emotionale Beziehung wie zu einem Tier auf. Doch diese Beziehung wird immer einseitig bleiben. Eine Maschine kann nicht lieben.