Wenn die Fortpflanzungsphase abgeschlossen ist, altert das einzelne Lebewesen und stirbt schließlich. Aus menschlicher Sicht scheint das hart. Evolutionär betrachtet ist es notwendig: Das Alte muss dem Neuen Platz machen. Allerdings hat die Menschheit durch Hygiene, bessere Ernährung und medizinische Fortschritte in einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne die Phase der Alterung in einem nie dagewesenen Ausmaß verlängert. Seit 1900 ist die Lebenserwartung im weltweiten Durchschnitt von etwa 30 Jahren auf rund 71 Jahre gestiegen. In Deutschland können heute geborene Jungen im Durchschnitt über 78 Jahre alt werden, Mädchen sogar über 83.

Heutige Ältere sind zwar im Allgemeinen gesünder und fitter, als es die vorherige Generation im entsprechenden Alter war. Dennoch hat die längere durchschnittliche Lebenszeit – zusammen mit dem steigenden Bevölkerungsanteil älterer Menschen infolge rückgängiger Kinderzahlen – dazu geführt, dass sogenannte altersbedingte Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Arterienverkalkung und Herzinfarkt immer häufiger auftreten. Daraus ergeben sich neue Forschungsfragen: Was bewirkt eigentlich, dass wir altern? Wie sind die biologischen Alterungsprozesse mit der Entstehung altersbedingter Erkrankungen verbunden? Und vor allem: Wie können wir länger gesund bleiben?

Parallelen zwischen Entzündungsaltern und Entzündungsvorgängen

Klar ist, dass das Immunsystem mit uns altert. In jüngeren Jahren schützt es den Körper, indem es eindringende Bakterien, Viren und Pilze erkennt und gezielt bekämpft. Die Aktivität dieser sogenannten spezifischen Abwehr verringert sich mit fortschreitendem Alter. Daher steigt die Anfälligkeit für Infekte. Und Impfungen wirken schwächer. Dagegen wird der sogenannte unspezifische Teil des Immunsystems im Laufe der Zeit aktiver. Er setzt immer mehr entzündungsfördernde Botenstoffe frei – und macht den Körper krank, anstatt ihn zu schützen.

Der italienische Immunologe Claudio Franceschi hat dafür den Ausdruck „Inflammaging“ geprägt, zusammengesetzt aus den englischen Begriffen für Entzündung (Inflammation) und Altern (Ageing). Das Team um Franceschi hat kürzlich im Fachjournal Nature Reviews Endocrinology den Erkenntnisstand zusammengefasst. Demnach gibt es interessante Parallelen zwischen dem Entzündungsaltern und Entzündungsvorgängen, wie sie etwa bei Übergewicht und seinen Folgeerkrankungen zu beobachten sind.

Es ist ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht: Im Laufe des Lebens geht die Funktionsfähigkeit jener biologischen Reparatursysteme verloren, die Fehler in den Zellen korrigieren – etwa Veränderungen an der Erbsubstanz, wie sie bei jeder Zellteilung passieren, oder falsch gefaltete Proteine. Die körpereigene Müllabfuhr entsorgt Zellen nicht mehr, die wegen solcher Schäden aufgehört haben sich zu teilen.

Niederschwellige, chronische Entzündungen sind möglich

Diese Zellen senden aber weiterhin „Bitte entsorgen“-Signale an das Immunsystem. Es antwortet mit der Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe. Die sind eigentlich nützlich. Sie haben die Aufgabe, Fresszellen anzulocken und die Abwehr in Gang zu setzen, wenn ein Krankheitserreger in den Körper eingedrungen ist. Sobald die Infektion niedergerungen ist, sorgen entzündungshemmende Botenstoffe für Entwarnung und lassen die Entzündung abklingen.

Mit der Zeit kann dieses fein austarierte System zum Hoch- und Zurückfahren des unspezifischen Immunsystems jedoch aus dem Gleichgewicht geraten. Wie stark und wie schnell dies geschieht, ist teilweise genetisch festgelegt.

Wenn die entzündungsfördernden Botenstoffe die Oberhand gewinnen, führt dies zu einer niederschwelligen, chronischen Entzündung. Sie nimmt unbemerkt ihren Lauf, denn die für eine akute Entzündung typischen Symptome wie Rötung, Schwellung, Hitze und Schmerz fehlen. Die entzündungsfördernden Botenstoffe regen unter anderem die Bildung aggressiver Sauerstoffverbindungen an. Diese wirken in niedriger Konzentration schützend. Im Übermaß können sie jedoch Moleküle, Zellen und Gewebe schädigen. Inflammaging bilde den Ausgangspunkt der Alterung und vieler altersbedingter Erkrankungen, die wiederum die Alterung beschleunigen, heißt es in der Publikation der Franceschi-Gruppe.

Jede Mahlzeit löst Alarm aus

Nicht nur defekte Zellen und Zellbestandteile, wie sie im Alterungsprozess gehäuft anfallen, können als Dauerstimuli die Verschiebung des Gleichgewichts bewirken. Den gleichen Effekt kann eine fortdauernde, aber verborgene Infektion mit Viren oder mit Bakterien haben.

Aber auch ein stetes Überangebot an Nährstoffen kann Entzündungsprozesse auslösen. Auch das ist aus evolutionärer Sicht notwendig. Denn mit der Nahrung nehmen wir auch Fremdstoffe wie Bakterien auf. Sie würden uns viel häufiger krank machen oder gar töten, wenn der Körper nicht die Abwehr gegen die potenzielle Infektion auf den Plan rufen würde.

Jede Mahlzeit löst kurzfristig Alarm beim unspezifischen Immunsystem aus. Wenn wir aber dauerhaft zu viel essen, führt dies zu einer übermäßigen Aktivierung. Die Immunzellen, die eigentlich zum Schutz im Fettgewebe sitzen, entfalten bei ständiger Nährstoffüberflutung und Übergewicht schädliche Wirkungen, die mit dem Inflammaging vergleichbar sind.

Ständige Verfügbarkeit von Nahrung ist evolutionär nicht geplant

Auch die Zellen des Fettgewebes selbst, deren Hauptaufgabe die Speicherung von Energie für schlechte Zeiten ist, schütten bei dauerhaft übermäßiger Nahrungszufuhr neben Signalmolekülen, die die Wirkung von Insulin abschwächen, die Verengung von Blutgefäßen begünstigen oder die Auflösung von Gerinnseln verhindern, auch entzündungsfördernde Botenstoffe aus. Und schließlich verändert zu viel und vor allem zu fettreiche Nahrung auch die Zusammensetzung der Mikrobengemeinschaft, die in unserem Darm wohnt und gleichsam als Vermittler zwischen Stoffwechsel- und Immunsystem fungiert.

Weder die ständige Verfügbarkeit von Nahrung noch die gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung sind evolutionär eingeplant. Im Gegensatz zu den meisten anderen Lebewesen hat es der Mensch jedoch in der Hand, das Wissen um die Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen und sich auf diese neuen Umweltbedingungen einzustellen. „Die gute Nachricht ist, dass sich die beim Inflammaging ablaufenden Prozesse ganz wesentlich durch den Lebensstil beeinflussen lassen“, sagt Cornel C. Sieber, Direktor am Institut für Biomedizin des Alterns an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Besonders die mediterrane Diät, auch Mittelmeerkost genannt, die reich an Obst und Gemüse und somit an Antioxidantien ist, hält Sieber für geeignet, um entzündliche und gewebeschädigende Prozesse zu bremsen. Wenn wir also weniger, aber zugleich ausgewogen essen und uns regelmäßig bewegen, können wir zwar nicht unbedingt länger leben, aber länger gesund bleiben.