In Äthiopiens Hauptstadt sind VW Käfer keine Museumsstücke. Stattdessen sind sie täglich auf den Straßen Addis Abebas zu sehen.
Foto: BLZ/ Johannes Dieterich

Addis AbebaDer Käfer ist tot. Sein Schicksal wurde vor 16 Jahren besiegelt, als das letzte kurvenreiche Modell in Mexiko vom Band rollte. Daran konnte auch sein geglättetes Remake nichts ändern: Dessen Produktion wurde im Juli dieses Jahres eingestellt. Längst ist die historische Legende aus dem Straßenbild verschwunden: Nur noch selten ist das heisere Husten des luftgekühlten Käferantriebs zu hören. Zumindest in Ländern, die sich aus welchen Gründen auch immer für „entwickelt“ halten.

Pretty in Pink: In das Aufmotzen alter Modelle fließt viel Arbeit.
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In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ist das anders. Tausende VW Käfer brummen noch durch die Millionenmetropole: Sie knattern über neu errichtete Stadtautobahnen und durch Schluchten vielstöckiger Betonbaugerippe. Nicht selten werden sie von den Enkeln ihrer ersten Besitzer gesteuert. Viele sind in Farben lackiert, die selbst im Smog der Viermillionenstadt noch leuchten. „Die Käfer-Familie bringt Sonnenschein in eine wahnsinnig gewordene Welt“, schwärmt die äthiopische Schriftstellerin Maaza Mengiste.

Kein Gefährt, sondern Gefährte

Besuchern fällt das Phänomen schon nach wenigen Stunden auf, wenn ihnen der hundertste brummende Greis unter die Augen gekommen ist. Manchen sieht man die unzähligen Lebensjahre gleich an, andere haben mit einer neuen Lackierung ein funkelndes Facelift erhalten, wieder andere sind mit fetten Latschen, Spoilern oder neuen Ledersitzen aufgepimpt, als ob sie in einem Wettbewerb für Bodybuilder auftreten müssten. Was in jedem Fall feststeht: Käfer-Besitzer steuern kein Gefährt, sondern einen Gefährten.

Teshome Senior ist 74 Jahre alt und hat früher bei VW in Addis Abeba gearbeitet.
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Salomons grau schimmerndes Modell ist mit 62 Jahren fast 20 Jahre älter als sein Fahrer: Der Fußballtrainer hat seinen Volkswagen vor vier Jahren für 38000 Birr – rund 1200 Dollar – erstanden. Mit wie vielen Kilometern, weiß der Besitzer nicht zu sagen: „Der Kilometerzähler ist zum Glück kaputt.“ Salomon ließ seinen neuen Freund erst mal neu lackieren: Jetzt rumpelt er täglich von einem Sportklub zum anderen – auch auf der Autobahn ins Umland. „Ich liebe ihn“, sagt der Trainer. „Ich kenne alle seine Geräusche und weiß sofort, wenn ihm was fehlt.“

Kleine Reparaturen nimmt Salomon selbst vor, ist es was Ernsteres, bringt er den 1300er zu Kaleb Teshome. Die Werkstatt des Mechanikers hat es heute gleich mit acht „Beetles“ zu tun: Einer wird zum Lackieren vorbereitet, ein anderer muss völlig durchgerostet mit einem neuen Boden ausgestattet werden. „Wir machen hier alles“, sagt Kaleb. Und das seit 50 Jahren.

Kaleb Teshome und sein Bruder reparieren und pimpen alte Käfer und VW-Busse.
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Kalebs Vater arbeitete einst bei VW in Addis Abeba: Die Firma war von Kaiser Haile Selassie ins Land geholt worden, der in dem erschwinglichen „people’s car“ eine Chance für die Motorisierung seiner Untertanen sah. Ironischerweise wurde der Herrscher nach dem Militärputsch 1974 auf dem Rücksitz eines VW Käfers ins Gefängnis kutschiert, wo er ein Jahr später 83-jährig erdrosselt wurde.

Jagd nach Ersatzteilen

Kalebs Vater machte sich bald selbstständig. Heute arbeiten seine drei Söhne und eine Tochter in der Werkstatt, die zu den besten des Landes zählt. Repariert werden nur Käfer und VW-Busse. Das Nadelöhr sind Ersatzteile, die immer schwerer zu finden sind und immer teurer werden. „Wir müssen andere Fahrzeuge ausschlachten“, sagt Kaleb. Für sich selbst motzte er einen alten 1500er mit metallicgrüner Farbe und dicken Reifen auf: „Da verdrehen selbst Fahrer von Luxuslimousinen den Hals.“


Kultstatus

Das Land: Das ostafrikanische Äthiopien gilt als eines der Herkunftsländer des modernen Menschen und als Ursprungsland des Kaffees. Es blickt auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurück. Zur Zeit des Kaiserreichs war es auch als Abessinien bekannt. Äthiopien ist in seiner Geschichte nur einmal während des Zweiten Weltkriegs durch Italien besetzt worden. Es hat die meisten Unesco-Welterbestätten Afrikas und ist begehrtes Touristenziel.
Die Hauptstadt Addis Abeba zählt zu den größten Metropolen Afrikas.

Das Auto: Der VW Käfer war lange Zeit das meistverkaufte Auto der Welt, 2003 wurde seine Produktion eingestellt. Auf den Straßen von Addis Abeba lebt er weiter: Solange die Autos fahrtüchtig sind, werden sie genutzt. Unter jungen Äthiopiern genießen die jahrzehntealten Käfer Kultstatus. Mechaniker schrauben begeistert an ihnen herum und sichern so ihr Überleben. Wenn sie altersschwach sind, werden die Ersatzteile verwendet.


Dass der Käfer-Kult ausgerechnet in Äthiopien eine Blüte fand, ist nicht zufällig: Die Einwohner des nur für wenige Jahre kolonialisierten Staates sind geschichtsbewusst und stolz auf ihre Tradition. Das spiegelt sich auch in ihrem Verhältnis zu den Dingen wider. Jeder Käfer erinnere sie an ihren Vater, schreibt Maaza Mengiste, die ihre Liebe auch auf Twitter zelebriert: mit dem Hashtag #BeetleEthiopia.