Insekten sind eine Delikatesse – etwa in vielen asiatischen und afrikanischen Regionen. Auch Spitzenköche wie der Brasilianer Alex Atala experimentieren damit. Denn weltweit leben Tausende essbare Insektenarten, und die geschmackliche Vielfalt ist groß: Manche schmecken nussig, andere haben Zitrusaroma, wieder andere erinnern an Krabben.

Gut möglich, dass sich bald auch die Menschen in Deutschland wie selbstverständlich geröstete Larven über den Salat streuen oder Grillen-Riegel mit Feigen als Snack genießen. Denn seit dem 1. Januar ist die neue Novel-Food-Verordnung gültig. Das Genehmigungsverfahren für neuartige Lebensmittel läuft nun zentral über die Europäische Kommission. Hersteller insektenhaltiger Produkte können eine Zulassung bei der EU beantragen.

Niederländische Insektenfarmen

Ganz neu ist Insektennahrung in Deutschland allerdings nicht. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten Mitteleuropäer Maikäfersuppe gegessen, sagt der Insektenforscher Arnold van Huis von der Universität Wageningen. Doch durchsetzen konnten sich die Sechsbeiner auf dem Lebensmittelmarkt nicht, im Gegensatz zu tropischen Ländern.

Ein Grund sei das Klima, erläutert van Huis. „Bei warmen Temperaturen können sich Insekten besser entwickeln und werden größer. Außerdem gibt es viel mehr Arten.“ Kühles Klima verhinderte demnach, dass Deutschlands Insekten als wichtige Nahrungsquelle wahrgenommen wurde. Zudem seien größere Arten wie Maikäfer in den vergangenen Jahrzehnten selten geworden.

Fehlende Verfügbarkeit ist heutzutage kein Grund mehr, auf Insekten zu verzichten. Diese können importiert werden, werden aber auch vor Ort produziert, zum Beispiel auf Insektenfarmen in den Niederlanden. Über 2100 der mehr als eine Million Insektenarten weltweit gelten als essbar. Auf dem europäischen Markt sei allerdings nur ein Bruchteil davon erhältlich, sagt van Huis. „Es gibt keine Gründe, die dagegen sprechen, Insekten zu essen, aber viele dafür.“ Die Tiere böten eine Möglichkeit, den Proteinbedarf der wachsenden Weltbevölkerung zu decken.

Deutschland steht noch in den Startlöchern

Bislang habe die Gesetzgebung in Europa Produktion und Verkauf von verarbeiteten Insekten für den Nahrungsmarkt erschwert, sagt Birgit Rumpold, Lebensmitteltechnologin an der Technischen Universität (TU) Berlin. Die Novel-Food-Verordnung, die 1997 verabschiedet wurde, regelte zwar den Umgang mit neuartigen Nahrungsmitteln.

Insekten tauchten darin allerdings nicht explizit auf, weil sie damals in Europa noch nicht als Lebensmittel wahrgenommen wurden. Auf dem deutschen Markt gab es demnach bisher allenfalls ganze Insekten, weil die rechtlich nicht erfasst waren. In Belgien und den Niederlanden wurden dagegen bestimmte Arten auch in verarbeiteter Form für den Verkauf zugelassen.

Während also in anderen Ländern schon in Insektennahrung investiert wurde, steht die Branche in Deutschland noch in den Startlöchern. Das Osnabrücker Unternehmen Bugfoundation ist ein Vorreiter auf dem deutschen Markt. Es hat den Bux Burger entwickelt, in dem sogenannte Buffalowürmer als Mehl verarbeitet sind.

Burger aus Würmern und Gemüsemasse

„Es läuft gerade ziemlich gut“, sagt Baris Özel, einer der beiden Gründer von Bugfoundation. Produzieren müssten sie den Bux Burger allerdings zurzeit noch in den Niederlanden, essen kann man ihn bislang in dortigen sowie in belgischen Restaurants. Bis spätestens April nun sollen Bux Burger, die etwa je zur Hälfte aus Würmern und Gemüsemasse bestehen, auch in Deutschland erhältlich sein. Den Geschmack gerösteter Buffalowürmer beschreibt Özel als nussig, ähnlich Sonnenblumenkernen. „Wir wollen Insektenessen alltäglich machen“, betont er.

Dass das möglich ist, zeigt die Schweiz: Dort sind seit vorigen Mai drei Insekten – Mehlwürmer (Larven des Mehlkäfers Tenebrio molitor), Wanderheuschrecken (Locusta migratoria) und Grillen (Acheta domesticus) – für den menschlichen Verzehr zugelassen. Die Schweizer Supermarktkette Coop stellte im August Burger und Bällchen aus Mehlwürmern in die Regale von sieben Märkten.

Viele sind bereit zu probieren

„Wir sind zufrieden mit den Verkäufen und den vielen positiven Rückmeldungen auf das Geschmackserlebnis“, bilanziert Coop-Pressesprecher Ramón Gander. Mitte Dezember standen die Produkte schon in zwölf Märkten, und das Sortiment wächst. Inzwischen bietet das Unternehmen süßliche Energieriegel auf Basis von Grillen an. „Das wird sehr rege gekauft“, sagt Gander.

Den Erfolg von Insekten-Burgern erklärt sich der Bugfoundation-Gründer Baris Özel so: „Sie sehen wie normale Burger aus und riechen lecker, wenn man sie brät. Dann ist der Schritt nicht mehr weit, zu sagen: Ach, ich probier mal.“ Auch die Kombination mit Schokolade oder anderen beliebten Zutaten sei eine Möglichkeit, Insekten schmackhaft zu machen, schlägt die TU-Forscherin Birgit Rumpold vor.

Der Gedanke, Insekten zu essen, sei vielen Menschen nicht mehr grundsätzlich zuwider. „Bei der Langen Nacht der Wissenschaften an unserer Universität haben wir dieses Jahr Insekten zum Verkosten angeboten“, sagt sie. Viele Besucher seien bereit gewesen, zu probieren. Wichtig sei es, positive Geschmackserlebnisse zu sammeln.

Alternative Futtermittel

Aus ökologischer Sicht ist die Produktion von Insekten im Vergleich zu anderen tierischen Proteinquellen nach Angaben der FAO besonders effizient und ressourcenschonend. Insekten produzieren aus zwei Kilogramm Futter ein Kilogramm Insektenmasse. Zum Vergleich: Rinder brauchen 25 Kilogramm Futter für ein Kilogramm Rindfleisch. Außerdem können Bio-Abfälle zur Ernährung eingesetzt werden, so dass eine aufwendige Futterproduktion entfällt. Gleichzeitig fallen bei der Insektenproduktion weniger Treibhausgase an, es werden weniger Land und weniger Wasser benötigt.

Ein wichtiges Einsatzgebiet sieht die Lebensmitteltechnologin auch in der Futtermittelindustrie – als gute Alternative zu Proteinquellen wie Soja und Fischmehl. Bei der Produktion von Fischen in Aquakulturen sei Insektenmehl als Futter bereits in einigen Fällen erlaubt.

Forschungsbedarf besteht für Birgit Rumpold beim Verarbeitungsprozess. Im Moment gebe es vorwiegend getrocknete Insekten und Insektenmehl wie in Burgern. Denkbar seien aber viel mehr Produkte. „Wie kann man Insekten verarbeiten, damit man zum Beispiel leckeres Insektenbrot oder andere proteinreiche insektenhaltige Produkte erhält?“, fragt die Forscherin.

„Und wie gewährleistet man die Haltbarkeit dieser Produkte?“ Noch stünden Haltung und Zucht von Mehlkäfern, Heuschrecken und Co. am Anfang der Entwicklung. „Da wird sich in den nächsten Jahren viel bewegen.“ (Susanne Zahn, dpa/fwt)