Noch schnell ein paar verirrte Haare richten, in die Kamera schauen und Go drücken. Blitzlicht. Und dann weiß der Besucher, wie er für eine Springspinne aussehen würde. Oder für einen Tintenfisch. Im Animaloculomaten, der derzeit im Berliner Naturkundemuseum steht, hat man die Wahl zwischen sechs Tieren. Ihre Wahrnehmung reicht von psychodelischem Muster bis zur Wärmebildaufnahme.

Der Fotoautomat stammt von der Künstlerin Klara Hobza. Er ist eines von zwei Projekten, mit dem das Museum momentan zeitgenössische Kunst in seine Ausstellung einbinden will. Doch was hat der Besucher davon? Und warum ist es sinnvoll, Kunst und Forschung zusammenzubringen? Um diese Fragen ging es am Montag und Dienstag bei der internationalen Tagung Art/Nature in Berlin. Eingeladen hatte das Naturkundemuseum, gekommen sind Künstler, Kuratoren, Wissenschaftler und Verantwortliche aus vielen Museen weltweit.

Erfolgreiches Kunstprojekt in Washington

Auch Barbara Stauffer vom National Museum of Natural History in Washington war dabei. Sie hat bereits mehrere Jahre Erfahrung damit, Kunst und Naturkundemuseum zu verknüpfen. Für Stauffer gibt es dafür auch viele gute Gründe. Zum Beispiel, dass Besucher selbst mitmachen können. „Wir hatten ein sehr erfolgreiches Ausstellungsstück: ein gehäkeltes Korallenriff“, sagt sie. „Dann haben etwa 800 Menschen zu Hause ebenfalls Korallen gehäkelt und sie uns per Post geschickt.“ Aus etwa 4000 Einzelstücken habe das Museum ein neues Riff gemacht. „Solche Werke vereinnahmen Besucher auf eine ganz andere Art und Weise – es ist emotionaler. Und man hat nicht das Gefühl, etwas bestimmtes lernen zu müssen.“

Auch Klara Hobza wollte ihr Anliegen durch den Animaloculomaten spielerisch vermitteln. „Wir leben ja in einer Selfie-Kultur, die geprägt ist von Eitelkeit“, erzählt sie, „und ich wollte gern das Selfie aus der Isolation holen.“ Das klappt nun richtig gut, wie sie findet. Denn ihre Fotokabine funktioniert nicht wie ein gängiger Automat. Derjenige, der drin sitzt, sieht sein eigenes Bild nicht – dafür aber die Besucher, die vor der Kabine stehen. Auf ihr ist ein Bildschirm angebracht. Dort sieht man wie bei einer Live-Übertragung, wenn derjenige im Automat doch noch eine Strähne zurechtzupft – und natürlich auch das Endergebnis aus der Tiersicht. Wenn ein Bild besonders witzig aussieht, können Besucher also lautstark Bemerkungen an die Person in der Kabine richten. Mittlerweile helfen sogar die Museumsmitarbeiter, wenn sie merken, das jemand Probleme mit der Bedienung hat.

Berliner Künstlerin im Naturkundemuseum

Ausgesucht wurde Klara Hobza von einer Kunstkuratorin, die das Naturkundemuseum extra beauftragt hat, wie Anita Hermannstädter erklärt. Sie leitet das Projekt am Berliner Museum. „Als wir mit dem Projekt begannen, haben wir Experten für Literatur, Klang und Visuelle Kunst angefragt. Sie haben sich das Museum angesehen und überlegt, welche Künstler für so ein Projekt geeignet sind.“ Denn sie sollten ein neues Werk entstehen lassen, das mit dem Naturkundemuseum zu tun hat. „Wir waren gespannt, zu sehen, welche Ideen die Künstler mitbringen und welche Themen sie spannend finden“, sagt Hermannstädter.

Klara Hobza ist durch Zufall auf die Idee gekommen, sich mit der Wahrnehmung von Tieren zu beschäftigen. Sie hat mit Wissenschaftlern des Naturkundemuseums gesprochen, mit dem Experten für Spinnen, dem Fachmann für Fledermäuse und der Expertin für die Forschung an Augen von Säugetieren. Lesetipps für Fachliteratur gab es noch dazu. Hobza hat sich dann mit Effekten und Bewegungen der Tiere beschäftigt – und hatte dann eine genaue Vorstellung, wie die Bilder aussehen sollten. „Das, was ich gemacht habe, würde kein Wissenschaftler machen. Es ist meine künstlerische Interpretation“, sagt Hobza. Begeistert vom Ergebnis seien aber viele Forscher im Naturkundemuseum gewesen. Der Fotoautomat wird noch bis Ende Juli im Sauriersaal stehen.

Stammbesucher haben Zeit für besondere Ausstellungen

„Wir hatten schon mehrere Kunstaktionen bei uns im Museum“, sagt Anita Hermannstädter. „Wir haben dann auch immer unsere Besucher nach ihrer Meinung gefragt.“ Sie und ihre Kollegen seien überrascht gewesen, dass die Besucher, die nicht extra für die Kunstwerke ins Museum kamen, die künstlerischen Projekte spannend fanden und sehr offen dafür waren.

Für das National Museum of Natural History in Washington gehören solche besonderen Ausstellungsstücke mittlerweile zur Strategie. „Etwa zehn bis 15 Prozent unserer Besucher kommen aus Washington und der Umgebung“, sagt Barbara Stauffer. „Diese Besucher kommen wieder und haben auch die Zeit, sich etwas Außergewöhnliches anzusehen.“ Außerdem würden Kunstinstallationen auch neue Besucher bringen. „Einige sagten, dass sie noch nie in unserem Museum gewesen sind, aber dass sie davon in einem Kunstblog gelesen haben oder dass – wie bei dem Korallenriff – jemand in der Häkelgemeinschaft es empfohlen hat.“

Hohe Ansprüche an Künstler

Besonders begeistert ist Stauffer vom Austausch zwischen Wissenschaftlern und Künstlern. Sie zitierte am Montag in ihrem Vortrag eine Forscherin ihres Museums: „Ein Künstler unterbricht unsere Art zu denken. Ich biete Zugang und Wissen zu einigen Museumsstücken. Was wir wiederbekommen, ist eine einzigartige Interpretation ihrer Schönheit und Bedeutung.“ Solche Erfahrungen klingen erstrebenswert, aber gleichzeitig werden damit auch hohe Ansprüche an Künstler und ihre Werke gestellt. Eine Künstlerin brachte am Montag bei der Tagung genau das zur Sprache und fragte, warum man so sicher sein könne, dass Kunst auf Museumsbesucher besonders eingängig wirke. So richtig konnte ihr die Frage niemand beantworten. 

Aber Anita Hermannstädter hat bereits bei der Besucherbefragung im Museum festgestellt, dass es immer darauf ankomme, wie zugänglich oder rätselhaft ein Kunstwerk ist oder ob es viel Konzentration erfordert. Diese sei dann im gut besuchten, trubeligen Museum nicht immer so einfach aufzubringen.