Wir machen es uns zu einfach, Donald Trump als krank abzustempeln, sagt der weltweit anerkannte Psychiatrie-Professor Allen Frances. Der US-Amerikaner ist bekannt für seine provokanten Analysen. Auch mit seinem am Montag erschienenen neuen Buch „Amerika auf der Couch“ legt er sich an – mit vorschnellen Diagnosen und mit Fachkollegen.

Herr Professor Frances, Sie sind im gleichen Alter wie Donald Trump und beide wuchsen sie im New Yorker Stadtteil Queens auf. Jetzt ist Trump Ihr Präsident. Wie geht es Ihnen damit?

Ich schäme mich für ihn und er macht mir Angst. Manchmal bin ich regelrecht verzweifelt über diesen Präsidenten. Er ist selbstsüchtig, zerstörerisch, korrupt, verlogen ...

... und verrückt, würden jetzt viele sagen. Sie aber halten das für grundfalsch. Warum?

Weil Trump einfach ein unmoralischer, unanständiger Mensch ist. Und weil es diejenigen beleidigt, die wirklich an einer psychischen Krankheit leiden. Als Psychiater habe ich im Lauf der Zeit Tausende von Patienten kennengelernt. Die allermeisten von ihnen sind wohlmeinende, anständige Leute, die an ihrem Zustand leiden. Auf Donald Trump trifft das nicht zu.

Das sehen manche Ihrer Kollegen anders. In Petitionen weisen sie die Öffentlichkeit auf Trumps kranke Psyche hin. Er habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, heißt es da, er leide unter Wahnvorstellungen und gelegentlich ist sogar von Demenz die Rede. Alles Unsinn?

Keiner der Kollegen hat Trump persönlich untersucht, es handelt sich immer um Ferndiagnosen ohne Zustimmung des Betroffenen. Das ist unprofessionell und verstößt gegen unsere Berufsethik. Voraussetzung für eine qualifizierte psychiatrische Diagnose ist die einvernehmliche persönliche Untersuchung, daran führt kein Weg vorbei.

Aber Donald Trump ist nicht irgendwer – der Mann sitzt am Atomknopf. Ist es in diesem Fall nicht legitim und vielleicht sogar eine staatsbürgerliche Pflicht, die Mitbürger zu warnen?

Wie gesagt, ich halte nichts von Ferndiagnosen. Da wird zum Beispiel Trumps Vorliebe für Verschwörungstheorien als Indiz für krankhafte Wahnvorstellungen gewertet. Dann müsste man aber gleich mehr als ein Viertel der Amerikaner für krank erklären, weil auch sie diese Neigung haben. Trumps bodenlose Ignoranz passt ganz und gar nicht zu seinem hohen Amt, aber sie ist kein ausreichender Grund für eine Demenz-Diagnose. Was ich nicht bestreite ist, dass der Präsident ein großer Narzisst ist – so wie es viele amerikanische Präsidenten vor ihm auch waren, denken wir nur an Bill Clinton. Doch eine Krankheit im Sinne psychiatrischer Kriterien ist das nicht. Das wäre dann eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und wer davon betroffen ist, leidet an sich selbst und ist im Alltag beeinträchtigt. Bei Donald Trump kann ich das nicht erkennen.

Bei der Definition und Diagnostik psychiatrischer Krankheiten macht Ihnen so schnell keiner etwas vor: Sie sind zuständig für die aktuelle vierte Fassung des internationalen Klassifikationssystems DSM und haben in diesem Zusammenhang immer wieder vor einer Inflation psychiatrischer Diagnosen gewarnt.

Vor ein paar Jahren ging es mir um das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz ADHS. Diese Diagnose wird meiner Meinung nach viel zu häufig gestellt. Das Normale hat viele Varianten und darauf hinzuweisen, ist mir ein Anliegen. Überhaupt hasse ich es, wenn psychiatrische Diagnosen missbraucht werden, um schlimmes Verhalten als Krankheit zu etikettieren. Die meisten Lügner sind nicht psychisch krank. Die meisten Terroristen und Diktatoren, Verschwörungstheoretiker und widerlichen Blödmänner sind nicht psychisch krank. Und es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Donald Trump psychisch krank ist.

Was sagen Ihre Kollegen zu Ihrer Position? Manche fordern ja sogar die Amtsenthebung Trumps aufgrund schwerer psychischer Störungen.

Die Mehrheit der Fachleute denkt so wie ich. Und den anderen sage ich: Krankreden ist der falsche Weg, wir müssen diesen Präsidenten mit politischen Mitteln besiegen.

Aber wird das gelingen? Immerhin haben sehr viele Amerikaner ihn gewählt und halten weiter zu ihm.

Etwa 35 Prozent der Amerikaner sind für Trump. Darunter gibt es eine Menge evangelikale Christen, die seine Lügen in Kauf nehmen, solange er ihren fanatischen Kampf gegen Abtreibung und Homosexualität mitträgt. Für Trump haben aber auch viele Menschen gestimmt, die ihn als Bewahrer der guten alten Zeit sahen. Dabei wirft dieser Präsident in kürzester Zeit so viel über den Haufen wie kaum ein anderer vor ihm. Inzwischen sind die meisten Amerikaner jedenfalls gegen Trump. Politisch aktiv war bisher kaum einer von ihnen, mich eingeschlossen. Heute gehe ich auf Demos und um mich herum sind viele aus der ehemals schweigenden Mehrheit.

Und das Ziel ist, Trump aus dem Weißen Haus zu jagen?

Das wäre zu wenig. Denn dieser Präsident ist ja ein Spiegelbild unserer selbst und unserer Demokratie. Wir müssen uns fragen, warum wir jemanden gewählt haben, der so offensichtlich ungeeignet ist für ein Amt, das die Geschicke der Welt prägt.

Nicht Trump ist verrückt, unsere Gesellschaft ist es, schreiben Sie in Ihrem Buch. Das Land der Freiheit, das stolze Amerika – verrückt? Klingt verstörend.

Ist es auch. Aber wenn wir Trump als Verrückten bezeichnen, als Ausrutscher und Ausnahmefall, machen wir es uns zu leicht. Wir übersehen dann die darunterliegende gesellschaftliche Krankheit, die seinen unglaublichen Aufstieg erst möglich machte.

Was genau ist verrückt an Amerika?

Es gibt kollektive Wahnideen, etwa beim Thema Ökologie. Um Klimawandel und Umweltverschmutzung müssen wir uns keine Sorgen machen, denken viele meiner Mitbürger – das regeln die Techniker, und wenn die es nicht schaffen, wird Gott es richten. Wahnhaft ist auch die weit verbreitete Überzeugung, über das weltbeste Gesundheitssystem zu verfügen. Und dann diese Überheblichkeit anderen Ländern gegenüber, die jetzt natürlich durch America-first-Parolen gestärkt wird. Wenn wir eine reife Nation sein wollen, müssen wir das alles abstreifen und die Realitäten erkennen.

Ihr Buch war fast fertig, als Trump ins Amt kam. Mussten Sie viel umschreiben?

Ich habe tatsächlich einige Passagen neu geschrieben. Aber ich war auch erstaunt, wie gut er im Grunde in das vor drei Jahren skizzierte Gesamtbild passte.

Was meinen Sie: Wird es eine zweite Amtszeit für Donald Trump geben?

Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Natürlich werden die Republikaner ihn schützen und die zynischen Milliardäre, die ihm so viele Vorteile verdanken, werden eine Wagenburg um ihn errichten. Aber ich glaube nicht, dass die Wähler das noch einmal mitmachen.

Weil sie ihre Wahnvorstellungen überwunden haben?

Ich weiß nicht, ob das so schnell geht. Aber Trump ist die bisher größte Bedrohung für unsere Demokratie und in seinen Attacken auf Medien, Gerichte und Behörden geht er vielen Amerikanern zu weit. Er bedroht unsere Freiheit und macht uns sehr unbeliebt in der Welt. Aber Amerika kann sich erholen, das hat es schon oft gezeigt, und es wird auch diesmal gelingen.

Sind Sie noch gern US-Bürger?

Ich verdanke diesem Land alles. Meine Eltern waren griechische Juden und mussten vor den Nazis fliehen. Hier fanden sie eine neue Heimat. Ich liebe Amerika – ich kann gar nicht anders.