Berlin - Die Nase sollte viel bewusster eingesetzt werden, sagt der Geruchsforscher Hanns Hatt von der Universität Bochum. Die Weihnachtszeit ist eine gute Gelegenheit, riechen zu üben.

Herr Professor Hatt, was passiert im Körper, wenn uns ein Duft in die Nase steigt?

Alles was duftet, gibt eine spezielle Mischung von Molekülen in die Luft ab. Mit der Atemluft werden die Moleküle in die oberste Etage der Nase transportiert. Dort befinden sich etwa 30 Millionen Riechzellen. Sie sind spezialisiert – es gibt 350 Typen. Jede ist für einen anderen Duft zuständig, da sie den entsprechenden Sensor (Rezeptor) dafür trägt. Die eine Riechzelle reagiert auf Citronellol aus Orangenöl, die andere auf Zimtaldehyd. Wenn eine Riechzelle „ihren“ Duft erkennt, wird ein elektrischer Impuls ausgelöst und über feine Nervenfäden ins Riechhirn transportiert.

Was geschieht im Gehirn?

Wenn man zum Beispiel an einer Zimtstange riecht, erhält das Riechhirn über elektrische Impulse die Meldung, dass die Zimtaldehyd-Riechzelle aktiviert wurde. Darüber hinaus enthält Zimt Dutzende weitere Düfte, für die es Riechzellen gibt. Es entsteht ein typisches Aktivitätsmuster. Dieses Muster müssen wir auswendig lernen, um den Duft wiederzuerkennen. Riechen ist ein komplizierter Lernprozess.

Wie kommt es, dass Düfte bestimmte Erinnerungen wecken?

Das liegt daran, dass unsere Nase über den Riechkolben direkt mit zwei wichtigen Hirnbereichen verbunden ist: dem Gefühlszentrum und dem Gedächtnis- und Erinnerungszentrum. Auf diese Weise wird im Gehirn ein Duft immer mit der Situation und den jeweiligen Gefühlen zusammen abgespeichert. Immer wenn wir den Duft wieder riechen, wird dieses Paket erneut aufgeschnürt und wir empfinden die Stimmung von damals und erinnern uns an Bilder und Töne. Dadurch sind manche Düfte positiv besetzt, andere negativ.

Weihnachtsgerüche mögen die meisten Menschen gerne.

Das kommt dadurch, dass die Erinnerungen daran meist bis in die Kindheit zurückgehen. Für Kinder gibt es kaum etwas Schöneres und Aufregenderes als Weihnachten. Sie erleben die Zeit sehr positiv und emotional. Das sorgt für ein stabiles Duftgedächtnis.

Was macht Weihnachtsdüfte wie Zimt so markant?

Es handelt sich meist um Gewürze. Sie enthalten große Mengen ätherischer Öle, die den Geruch ausmachen. Pflanzen stellen diese Öle als Schutzstoffe her – etwa um sich damit vor Fressfeinden zu schützen. Dazu muss die Konzentration aber sehr hoch sein. Weihnachten ist also von starken Düften geprägt. Der Geruch von Rosen im Sommer ist ein ganz zarter im Vergleich zu dem von Zimt oder Gewürznelken.

Kann man Riechen trainieren?

Ja, das sollte man auch unbedingt tun. Gehen Sie nicht nur mit offenen Augen, sondern auch mit offener Nase durchs Leben. So bleibt Ihr Riechvermögen länger fit und das Gehirn wird trainiert.

Kann man Düfte therapeutisch nutzen?

Durchaus. Orangenöl etwa hat sich in Studien als entspannend und schlaffördernd erwiesen. Das Spannende an Düften ist, dass sie im ganzen Körper wirken können. Alle Körperzellen besitzen Duftrezeptoren, mit denen Duftstoffe erkannt werden. Die Moleküle haben dort aber andere Effekte. Citronellol aus Orangenöl beispielsweise hemmt in der Kulturschale das Wachstum von Leberkrebszellen. Helional, es riecht beerig-krautig, wirkt auf die Bauchspeicheldrüse und verbessert die Zuckerverdauung. Diese durch Geruchsrezeptoren vermittelten Effekte beginnen wir gerade erst zu verstehen. Düfte fördern demnach nicht nur das Wohlbefinden, sondern könnten sich auch als medizinisch hilfreich erweisen.