Wie ist so etwas möglich? Das fragen sich viele Menschen seit dem Unglück vom 24. März, als eine Germanwings-Maschine in den südfranzösischen Alpen zerschellte – laut Bericht der Staatsanwaltschaft wahrscheinlich zum Absturz gebracht vom Copiloten. Noch liegt der endgültige Bericht nicht vor. Technische Ursachen sind bis zum Schluss nicht auszuschließen. Eine der Möglichkeiten, die als Ursache diskutiert wird, ist eine psychische Erkrankung des Copiloten. Der Psychiater und Buchautor Ulrich Leutgeb hat seit zwanzig Jahren Erfahrungen mit solchen Krankheiten, die mitunter Menschen zu Tätern machen können.

Herr Leutgeb, können Sie sich vorstellen, dass ein schwer Depressiver sich tötet und dabei bewusst unzählige Menschen mit in den Tod reißt?

Für mich als Praktiker ist es nahezu ausgeschlossen, dass einer solchen Tat einzig und allein eine Depression zugrunde liegt.

Warum?

Weil sich die Aggression der Betroffenen bei der reinen schweren Depression gegen sich selbst richtet. Sie haben Schuld- und Versagensideen und laufen Gefahr, sich selbst zu töten, aber nicht andere. Eine solche Tat erscheint mir nur möglich, wenn noch eine andere Störung hinzutritt. In der Fachsprache nennen wir das Komorbidität.

Was heißt das?

Die Depression tritt zum einen als eigenständige, außerordentlich häufige Erkrankung auf. Kaum weniger häufig begleitet sie aber auch andere psychische, zum Beispiel wahnhafte Krankheiten. Oder sie tritt im Zusammenhang mit körperlichen Krankheiten auf, eben als eine sogenannte komorbide Erkrankung. Und dann gibt es die Variante der sogenannten bipolaren Depression im Rahmen einer manisch-depressiven Störung, wie sie bei dem Copiloten offenbar auch zur Sprache gekommen ist.

Könnte eine komorbide Störung, wie Sie es nennen, eine solche Tat erklären? Ich denke da etwa an eine Schizophrenie, die ja auch mit Wahn einhergeht, oder an eine manische Psychose.

Das ist nicht zu hundert Prozent auszuschließen, aber nach meiner Erfahrung und Kenntnis außerordentlich unwahrscheinlich. Diese Krankheiten gehen in ihren akuten Zuspitzungen mit Verhaltensauffälligkeiten einher, die der unmittelbaren Umgebung kaum verborgen bleiben und erst recht nicht Psychiatern. Die aufgesuchten Fachärzte hätten dann dafür Sorge getragen, dass der Betroffene dem Cockpit fernbleibt.

Sein offenbar doch geordnetes und schrecklich zielgerichtetes Verhalten sprechen zunächst einmal gegen eine wahnhafte oder manische Entgleisung. Völlig unklar bleibt im äußerst hypothetischen Zusammenhang gerade dieser Störungen die Rolle von Psychopharmaka, die möglicherweise eingenommen wurden. Die berichtete Sehstörung wäre ein vager Hinweis auf eine solche Rolle.

Haben Sie eine These, welche andere komorbide Störung zu einer solchen Tat führen könnte?

Als Grundvoraussetzung für eine derartige Tat unterstelle ich als Psychiater einen hochgradigen Mangel oder gar ein völliges Fehlen von Empathie. So etwas tritt zum Beispiel bei der ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf, die im amerikanischen Klassifikationssystem als krankheitswertige Störung beschrieben wird. Die betroffenen Menschen zeichnen nicht selten Charme, gute Manieren und nach außen unauffälliges Sozialverhalten aus. Hinzu können eine hohe Intelligenz und Leistungsfähigkeit kommen. Man findet diese Menschen gerade in Berufen mit hohem Status.

Aber wie hängt so etwas mit Depressionen zusammen?

Bei Kränkungen, Versagungen oder Niederlagen erleiden die betroffenen Personen gehäuft schwere Depressionen und haben diese in ihrer Vorgeschichte auch nicht selten schon durchlitten. Im Zustand der schweren Depression ist eine solche Tat auch bei einem Narzissten unwahrscheinlich, aber nicht gänzlich ausgeschlossen. So könnte sich der Copilot just vor und bei der Durchführung der Tat in einem weniger schweren Zustand befunden haben. Aber das bleibt derzeit ebenso hypothetisch wie die Möglichkeit einer Komorbidität einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit der aufgetauchten Diagnose einer bipolaren Störung.

Wie könnte man die Tat eines Narzissten verhindern?

Das ist äußerst schwierig. Zumal die narzisstische Persönlichkeitsstörung oft gar nicht erkannt wird. Die Trennlinie zwischen dem normalen Narzissmus, den wir alle mehr oder weniger haben, und dem Krankhaften, ist fließend. Für den Psychiater spielt es eine Rolle, wie jemand das Gespräch eröffnet, welche Worte er mit welchen Gesten sagt und wie er sich im Gesprächsverlauf gibt.

Aber ich habe etwa 15 Jahre gebraucht, bevor ich so etwas im ersten Gespräch als Verdachtsdiagnose, also als Arbeitshypothese erst einmal nur für mich, formuliere. Und ich kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass ich es beim nächsten Fall wieder relativ rasch erkennen würde. Im Nachhinein ist so etwas allenfalls durch genaues Befragen von engen Freunden oder Angehörigen zu vermuten. Das ist nach einigen Presseberichten in diesem Fall ja offenbar begonnen worden. Mitunter wird man aber nie erfahren, was im Kopf eines Menschen vorgegangen ist, der plötzlich eine unvorstellbare Tat begangen hat. Psychologisch konstruierte Fragebögen halte ich für ungeeignet, da die Fragen ja nicht der Realität entsprechend beantwortet werden müssen.

Wäre auch ein erweiterter Suizid vorstellbar? Davon ist ja zurzeit auch viel die Rede.

In diesem Falle trifft das nach meiner Erfahrung nicht zu. Der erweiterte Suizid, der im Übrigen extrem selten auftritt, geschieht im Grunde aus einer missverstandenen Fürsorge heraus. Die schwer depressive Mutter nimmt das neugeborene Kind mit in den Tod, weil es ihm das Alleinsein ersparen will oder das Leben in einer schlechten Welt.

Auch die These eines möglichen Amoklaufs wurde diskutiert.

Soweit ich solche Fälle hierzulande verfolgt habe, sind diese Menschen schon im Vorfeld der Tat auffällig gewesen: zurückgezogen, eher Einzelgänger. In der Schule waren sie meist weniger erfolgreich, beziehungsweise vorzeitig abgegangen. Also das Gegenteil von dem, was man von dem Copiloten weiß.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.