Vegane Ernährung - eine Lösung für die Zukunft?
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Europas Ernährungswissenschaftler zieht es in diesem Jahr nach Berlin. An diesem Dienstag beginnt im Neuköllner Estrel Convention Center die große Fachtagung der Federation of European Nutrition Societies, kurz Fens. Vier Tage lang werden dort die neuesten Erkenntnisse diskutiert. Kongresspräsident Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke freut sich auf das Ereignis. Es herrsche Aufbruchstimmung in der wissenschaftlichen Gemeinde, sagt er. Großes ist geplant: Die Experten wollen personalisierte Ernährungsempfehlungen erarbeiten und die Wirkung des Essens im Körper besser verstehen – bis auf molekulare Ebene.

Herr Professor Boeing, worum geht es bei der Fens-Konferenz?

Wir wollen den Stand der europäischen Ernährungsforschung zusammentragen. Unser fernes Ziel ist es, die europäischen Bürger dabei zu unterstützen, sich in allen Lebensphasen gesund zu ernähren.

Wieso sind die Lebensphasen so wichtig?

Weil zum Beispiel der Nährstoffbedarf eines jungen Erwachsenen anders ist als der eines alten Menschen. Vor allem bei älteren Menschen müssen wir viel mehr darauf achten, ob sie gut ernährt sind. Gerade im höheren Alter können Defizite auftreten, Vitaminmangel etwa, oder es fehlt ihnen insgesamt Nahrungsenergie und genügend Eiweiß – was zu einem Abbau der Muskelmasse führt.

Wie wollen Sie zu detaillierteren Erkenntnissen gelangen? Ernährungsstudien sind ja immer aufwendig und fehleranfällig. Die Teilnehmer müssen akribisch Protokoll über ihr Essen führen, Effekte sind oft erst nach langer Zeit zu beobachten und selten eindeutig bestimmten Faktoren zuzuordnen.

Zurzeit tut sich viel auf dem Gebiet. Die Erfassung von Ernährung hat sich dank neuer Technologien weiterentwickelt. Inzwischen gibt es zum Beispiel Programme für Smartphones, die Ernährungsprotokolle überflüssig machen. Die Teilnehmer müssen mitunter nur ein Foto von ihrem Essen machen – und das Programm analysiert die Bestandteile und kann Auskunft geben über die verzehrten Lebensmittel und die Nährstoffaufnahmen.

Erforschung der biologischen Grundlagen

Was die Nährstoffe im Körper machen, und ob sie bei Menschen unterschiedlich wirken, wissen Sie damit aber noch nicht. Woher kommen neue Erkenntnisse zu diesen Fragen?

An diesen biologischen Grundlagen wird verstärkt geforscht. Das ist ein komplexes Vorhaben. Es geht darum zu begreifen, wo und wie die Ernährung auf zellulärer und molekularer Ebene in den verschiedenen Körperkompartimenten eingreift. Dazu ist es zum Beispiel notwendig, die Zelle nachzubauen, was Systembiologen tatsächlich bereits begonnen haben. Bis wir wirklich verstanden haben, wie Nährstoffe verteilt und transportiert werden, wird es aber wohl noch Jahrzehnte dauern. Dennoch herrscht Aufbruchstimmung unter Ernährungswissenschaftlern. Das Feld entwickelt sich zurzeit durch eine Reihe neuer Technologien sehr dynamisch.

Ein Ziel sind auch personalisierte Empfehlungen. Wie lässt sich herausfinden, was für ein Typ man ist?

Das hat vermutlich viel mit dem Stoffwechsel zu tun und ist letztlich vor allem Veranlagung, also genetisch bedingt. Metabolic Diversity, Stoffwechsel-Vielfalt, ist ein wichtiges Forschungsthema. Wir gehen davon aus, dass Menschen unterschiedlich auf Ernährungsreize reagieren.

Von guten und schlechten Futterverwertern ist schon länger die Rede. Lässt sich das bald genetisch testen?

Vermutlich ist es tatsächlich so, dass einige Menschen Nahrungsenergie eher in Wärme umsetzen, andere eher in Fett. Dazu erwarten wir auf dem Kongress neue Erkenntnisse. Das würde bedeuten, dass eine Kalorie nicht immer gleich ist – ein spannendes Thema. Allerdings stehen wir auch auf diesem Gebiet noch am Anfang. Wir müssen die Grundlagen für personalisierte Ernährungskonzepte erarbeiten und diese wissenschaftlich absichern, bevor wir an die Verbraucher herantreten.

Diabetes ist stark umweltbedingt

Wie eng hängt Ernährung mit chronischen Erkrankungen zusammen?

Diabetes zum Beispiel ist sehr stark umweltbedingt. Vor allem Übergewicht spielt eine große Rolle, damit also auch die Ernährung. Beim Übergewicht kommt es einerseits schlicht auf die Energiebilanz an – also nicht über den Bedarf hinaus zu essen. Andererseits wissen wir inzwischen auch, dass sich zum Beispiel mit ballaststoffreichen Getreideprodukten das Erkrankungsrisiko senken lässt.

Lässt sich der Anteil der Ernährung beziffern?

Bei Typ-2-Diabetes sind es bis zu 80 Prozent. Auch bei vielen anderen chronischen Erkrankungen ist der Anteil klar gegeben und teilweise auch als sehr wichtig anzusehen. Aber es ist nicht so leicht, diese Größenordnungen genau zu beziffern. Auch daran arbeiten wir.

Wie ist es mit Krebs?

Ernährung mit allen direkten und indirekten Effekten trägt etwa bis zu 20 Prozent zum Krebsrisiko bei. Ballaststoffreiches Essen zum Beispiel kann das Dickdarmkrebsrisiko senken. Bei anderen Krebsarten ist der Einfluss der Ernährung weniger klar. Das mag aber auch daran liegen, dass wir bisher zu grob messen. Um diese Fragen zu klären, brauchen wir in neuen prospektiven, also begleitenden Studien gute Ernährungserhebungen.

Sind die in Sicht?

Zum Teil haben sie sogar schon begonnen. In Deutschland setzen wir zum Beispiel auf die sogenannte Nationale Kohorte. Eine Langzeit-Bevölkerungsstudie, die den Ursachen für die Entstehung von Volkskrankheiten auf den Grund geht. In dieser Kohortenstudie wird die Ernährung genauer als in vielen anderen Studien dieser Art erfasst.

Übergewichtiges Südeuropa

Gibt es Sorgenkinder in Europa, also Länder, in denen zum Beispiel Übergewicht besonders häufig ist?

Problemfälle mit Blick auf Übergewicht sind erstaunlicherweise inzwischen die südeuropäischen Länder. Sie haben mittlerweile sehr stark mit Übergewicht zu kämpfen. In Deutschland scheint der Trend zu immer mehr Übergewichtigen zum Glück etwas gestoppt zu sein. Vielleicht weil wir eine Nation sind, die wenigstens noch viel Rad fährt und bei der stark für körperliche Aktivität geworben wird. Energiebewusste Ernährung und körperliche Aktivität sind wichtige Stellgrößen für das Übergewicht.

Was sagen Ernährungswissenschaftler zum Veganismus?

Der Trend geht in die richtige Richtung. Schließlich essen wir hierzulande etwa doppelt so viel Fleisch wie es ernährungswissenschaftlich sinnvoll ist. Eine gesunde und wertvolle Ernährung besteht eher mehrheitlich aus pflanzlichen Produkten. Veganer zu sein oder nicht, ist aus meiner Sicht aber eine ethische und keine gesundheitliche Entscheidung. Ein kleines Stück Fleisch einmal pro Woche schadet gewiss nicht und macht gesundheitlich auch keinen Unterschied. Ich kann verstehen, wenn jemand sagt, er möchte nicht, dass die Tiere so aufgezogen werden wie zurzeit. Die Konsequenz der Veganer nimmt uns aber die Möglichkeiten, Nahrung auf Grenzböden zu erzeugen, die nur für Viehwirtschaft, aber nicht für Ackerbau geeignet sind.

Wie meinen Sie das?

Ich denke da an die Flächen, die zum Beispiel so hoch gelegen sind, dass dort kein Getreide wächst, sondern nur Gras. Ziegen und Kühe können diese Böden noch nutzen und liefern uns auf diese Weise Nahrungsmittel. Wenn wir auf diese Flächen zur Erzeugung von Nahrung verzichten würden, dann hätten wir weltweit ein Drittel weniger Land zur Erzeugung von Nahrung zur Verfügung. Als Ernährungsforscher wäre ich schon zufrieden, wenn wir unseren Fleischkonsum halbieren würden und damit den Empfehlungen nahekommen.