Er ist erfolgreich und weltweit gefragt. Fast 25 Jahre lang war er Professor für physikalische und theoretische Chemie an der Berliner Humboldt-Universität und machte schon in der DDR als Forscher Karriere: Joachim Sauer, den die Öffentlichkeit als Ehemann von Bundeskanzlerin Angela Merkel kennt, hat sein Büro in Berlin-Adlershof. Es ist schlicht eingerichtet: graue Regale voller Bücher und Ordner, ein blauer Drehstuhl, neben dem eine große Dokumententasche steht, ein Schreibtisch mit zwei Computerbildschirmen. Der 68-jährige Quantenchemiker steht nicht gern im Rampenlicht, schon gar nicht in der politischen Öffentlichkeit. Denn, und darauf legt er größten Wert, er ist Wissenschaftler. Die Berliner Zeitung ist die erste Tageszeitung, der er ein großes Interview gibt. Abgesprochen ist, dass es um seine Forschung und seine Karriere gehen soll.

Herr Sauer, seit Oktober sind Sie als Professor an der Humboldt-Universität emeritiert. War es ein schwerer Schritt, von der Wissenschaft Abschied zu nehmen?

Ich nehme ja nicht ganz Abschied, sondern ich bin weiter als Senior Researcher tätig. Ganz aufzuhören hätte mir nicht gefallen. Aber nun bin ich in einer idealen Situation: Ich kann weiter Forschung betreiben wie bisher, gebe aber bestimmte Pflichten ab. Ich habe zwar noch eine Reihe von Aufgaben, aber nicht mehr in der unmittelbaren Universitätsadministration. Und ich halte auch keine regelmäßigen Vorlesungen mehr. So kann ich jetzt mehr reisen.

Sie sind kürzlich erst von einer Reise wiedergekommen. Wo waren Sie?

Ich war in den USA, in Berkeley und in Minneapolis. In Berkeley bin ich Berater bei einem Energy Frontier Research Center, einer vom US-Energieministerium ins Leben gerufenen Einrichtung, die sich mit der Trennung von Gasen beschäftigt. Einmal im Jahr treffen sich die beteiligten Forschungsgruppen, um Ergebnisse zu diskutieren, und zu diesem Meeting sind dann auch Berater eingeladen. In Minneapolis habe ich an der University of Minnesota einen Vortrag gehalten.

Worum geht es bei Gas-Trennungen?

Das natürliche Erdgas zum Beispiel enthält neben dem Methan, das man haben möchte, viele andere Stoffe wie das klimaschädliche Kohlendioxid, die abgetrennt werden müssen. Das macht man mit einer bestimmten Art von Materialien mit kleinsten Poren. In Berkeley gibt es Leute, die versuchen, neue Materialien dafür zu entwickeln. Mit den Methoden der Computersimulation und der Quantenchemie kann man versuchen, dieses Design zu unterstützen.

Vor einigen Jahren erhielten Sie die Liebig-Denkmünze, mit der seit 1903 herausragende Chemiker geehrt werden. Gewürdigt wurden Ihre „bahnbrechenden wissenschaftlichen Arbeiten zum Verständnis von zwei Arten von Katalysatoren“. Wie würden Sie dies einem Laien beschreiben?

Katalysatoren kennt jeder Mensch, der ein Auto hat. Das ist die Abgaskatalyse. Darüber hinaus haben sie eine große Bedeutung in der chemischen Industrie. Am Anfang stehen Erdöl und Erdgas. Alle Prozesse, die ablaufen, um daraus petrochemische Produkte, Polymere, Vergaserkraftstoff und Diesel zu machen, werden mit Katalysatoren betrieben. Um diese zu optimieren oder neue, effektivere zu finden, braucht es unserer Meinung nach ein Verständnis auf atomarer Grundlage. Das ist übrigens auch genau das Gebiet, für das es 2007 einen Nobelpreis für den Berliner Forscher Gerhard Ertl gab. Während Ertl sich mit Metallen befasste, geht es bei meiner Forschung – gemeinsam mit zahlreichen Berliner Kolleginnen und Kollegen – um Metalloxide, die auch katalytisch aktiv sind. Ich selbst befasse mich mit einer weiteren Klasse von Katalysatoren, den Zeolithen.

In einem Text über Sie war zu lesen, Sie würden sich mit Sandkörnern beschäftigen, in denen sich Hohlräume befinden wie in einem Schwamm. Und in die könne man etwas hineinbauen. Zum Beispiel einen Katalysator, der eine chemische Reaktion beschleunigt wie etwa die Aufspaltung von Erdöl.

Sand besteht im Wesentlichen aus Siliziumdioxid. Und die Zeolithe, mit denen ich mich befasse, sind eine besondere Form davon. Sie besitzen Poren, und zwar in der Größenordnung von Millionstel Millimetern. Diese Porenstruktur kommt in sehr vielen verschiedenen Varianten vor. (Joachim Sauer steht auf, holt ein Gittermodell aus dem Schrank und setzt sich damit an den Tisch. Er zeigt auf die einzelnen Verbindungselemente an dem Modell.) Jeder Knoten hier ist ein Siliziumatom, und auf jeder Verbindung sitzt noch ein Sauerstoffatom, das wir hier nicht sehen. Es entstehen also immer Tetraeder, die über ihre Ecken miteinander verknüpft sind. Diese Verknüpfungen sind sehr verschieden – so können ganz unterschiedliche Hohlraumstrukturen entstehen. Es geht darum, welche Moleküle hineinpassen und welche nicht. Das kann man für die Katalyse nutzen. Deshalb sind diese Materialien so interessant und vielversprechend, wenn es um die Entwicklung besserer Katalysatoren geht.

Haben Sie als Professor genauso gern gelehrt wie geforscht?

Ich halte gerne Vorträge und Vorlesungen. Ich habe auch immer wieder gehört, dass meine Vorlesungen gut angekommen sind, zumindest bei einigen engagierten Hörern. Ich finde es wichtig, Nachwuchs für die Forschung zu gewinnen. Allerdings sind meine Spezialfächer, die physikalische Chemie und die Quantenmechanik, nicht allzu populär unter Chemiestudierenden. Man kommt ohne Mathematik nicht aus. Das schreckt viele ab. In so einer Vorlesung sitzen etwa 60 Leute, und ich hatte immer nur bei einem Teil, vielleicht zehn bis 15 Personen, den Eindruck, dass sie zuhören. Übrigens: Wie bei allen guten Dingen im Leben kommt es auch bei den Vorlesungen auf das richtige Maß an. Ein Professor in Berlin muss neun Semesterwochenstunden lehren – das bedeutet, dass man jeden Tag eine zweistündige Vorlesung hat.

Das ist zu viel?

Ja, es kostet vor allem viel Zeit. Es ist ja nicht so, dass ich da mit meinem Manuskript reinmarschiere, meine Folien durchklicke und dann wieder rausgehe. Sondern ich kann die Vorlesung nur halten, wenn ich sie vorher noch mal durchdacht habe. Übrigens habe ich die unangenehme Eigenschaft, in der Vorlesung immer mal wieder eine Frage zu stellen.

Jenen zehn bis 15 Studierenden, die zuhören?

Nein, es hat auch die anderen getroffen.

Waren Sie oft und gern Doktorvater?

Ja. Es ist aber eigenartig, dass das Wort Doktormutter gar nicht existiert.

Darüber haben wir auch schon nachgedacht. Vielleicht sollte man Doktoreltern sagen.

Vielleicht. Zumal es ja inzwischen Mode ist, dass man zwei Betreuer hat. Es gibt sicher Professoren, die eine größere Anzahl von Doktoranden hatten als ich. Die Besonderheit in meinem Fach ist, dass es im eigenen Institut nur wenige junge Leute gibt, die in der Quantenchemie promovieren möchten, die mathematisch und in der Computertechnologie fit sind, die bereit sind, Programmiersprachen zu lernen und sie einzusetzen. Andererseits gibt es viele Bewerbungen aus dem Ausland. Gerade in der letzten Zeit hatte ich viel Glück mit Doktoranden. Zum Beispiel mit einem Inder und einem Italiener, der in seiner Heimat keine Zukunft sah. Er hat sich einfach hier beworben. Es wurde eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit.

Beneiden Sie die heutigen Studierenden um ihre Möglichkeit, einfach ins Ausland gehen zu können und dort zu forschen?

Natürlich muss man jeden beneiden, der sich in der Welt frei bewegen kann. Ich weiß das sehr zu schätzen. Denn meine eigene Studentenzeit verbrachte ich hinter der Mauer. Aber im Westen konnte man ja schon immer ins Ausland gehen, wenn man wollte. Um eines aber beneide ich die heutigen Studierenden auf keinen Fall: um die Bologna-Reform mit den Bachelor- und Masterstudiengängen. Sie hat die Freiheit der Lehre stark eingeschränkt, und die Studienordnung ist zu einem Hexen-Einmaleins geworden: mit der Festlegung von Kreditpunkten pro Semester, mit der strikten Fixierung auf Module, die ihrerseits wieder zahlreiche formale Kriterien erfüllen müssen. Selbst wenn wir Lehrenden uns einig sind mit den Studierenden, gibt es dann irgendwann ein Problem mit den formalen Regeln. Das fand ich sehr belastend.

Sie selbst haben ja auch an der Humboldt-Universität Chemie studiert.

Als ich im Oktober dieses Jahres meine Abschiedsvorlesung hielt, waren genau 50 Jahre seit meiner Immatrikulation an dieser Universität vergangen. Aus diesem Grunde sah ich mir auch noch einmal im Archiv die Unterlagen der Immatrikulationsfeier von 1967 an. Ich habe sie nie vergessen, weil man uns damals in Angst und Schrecken versetzte. Es wurde einem als jungem Studenten klargemacht, dass man in diesem Land kein Bein auf die Erde bekommen würde, wenn man nicht an die Partei und das System glaube und dafür eintrete. Zum Schluss musste man sogar einen Schwur auf den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ leisten.

Sie waren schon mit 25 Jahren Doktor. Wie haben Sie das geschafft?

Ich hatte Glück: Ich kam früh in die Schule, hatte mit 18 Jahren Abitur und Facharbeiterbrief. Dann profitierte ich von der DDR-Hochschulreform im Jahr 1967/68. Man führte damals ein Forschungsstudium ein, in dem man sofort nach den vier Jahren Studium und Ablegen der Hauptprüfungen in die Promotion einsteigen konnte.

Sie begannen 1977 am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften in Adlershof zu arbeiten. Gab es Wissenschaftler, die Sie besonders beeinflussten?

Ja, einen möchte ich besonders erwähnen: Reiner Radeglia. Der war es, der mich als Erster wissenschaftlich beeindruckte. Ich hatte ihn schon auf einer Tagung erlebt. Er fiel dadurch auf, dass er immer Fragen stellte. Und erst, wenn er gefragt hatte, wurde mir klar, was der Vortragende eigentlich gesagt hatte. Reiner Radeglia war Spektroskopiker. Aber er kannte wie alle seines Fachs natürlich die Quantenmechanik. In der Akademie war er einer der politisch Unabhängigen, was ihm viel Unbill eingetragen hat. Er war ein begabter Lehrer und sollte in Merseburg Professor werden. Aber daraus wurde nichts, weil das von den SED-Parteigenossen im Institut hintertrieben wurde.

Was wurde aus ihm?

Er fuhr trotzdem nach Merseburg und hielt Vorlesungen, neben der Arbeit in der Akademie. Ein Jahr vor dem Fall der Mauer wurde auch er Reisekader, so wie ich. Doch dann hatte er einen Infarkt. Als die Mauer fiel, war er invalidisiert und konnte nur noch halbtags arbeiten. Ich habe es auch deswegen immer als mein Glück gesehen, dass ich erst 40 Jahre alt war, als die Mauer fiel. Ich konnte alle Möglichkeiten nutzen.

Sie sagten einmal, dass man für seine Forscherkarriere in der DDR Kompromisse machen musste – aber auf eine Weise, dass man morgens noch in den Spiegel schauen konnte. Wie sind Sie damit umgegangen?

Jeder hat einen Kompromiss machen müssen. Dazu fällt mir der Film „Mephisto“ von István Szabó ein. Er hat eindrucksvoll gezeigt, dass der Mensch beim Beruf sehr verwundbar ist. Der Protagonist war ein deutscher Schauspieler, und er wollte es auch bleiben. So war es auch bei mir: Man ist Wissenschaftler und steht vor der Frage, wie viel man tun muss, um Professor an der Universität oder Abteilungsleiter in der Akademie zu werden. Ich muss nicht unbedingt Personalverantwortung haben – das ist mir eher unangenehm. Aber ich wollte auch niemanden haben, dem ich Rechenschaft schulde in den nicht-formalen Dingen. Allerdings habe ich nur „ideologisch gefestigte“ Mitarbeiter bekommen, damit ich die jungen Menschen nicht „negativ“ beeinflussen kann. Zu meiner winzigen Arbeitsgruppe gehörte zum Beispiel eine junge Frau, deren Bruder, Mutter und Vater alle hauptamtliche Stasi-Angehörige waren. Erst nach der Deutschen Einheit konnte ich an die Humboldt-Universität zurückkehren, wo ich 1993 zum Professor berufen wurde.

An welche Situation können Sie sich besonders gut erinnern?

Es war zu einem Parteitag der SED. An einem Freitagnachmittag klopfte es an meiner Tür im Akademieinstitut, herein trat der Parteisekretär. Er sagte, dass ich ein erfolgreicher Forscher sei und gefördert werden soll. Deshalb sollte ich meine Eindrücke vom Parteitag für die Wandzeitung aufschreiben. Das musste am Montag fertig sein. Ich bin dann zu Reiner Radeglia gegangen und habe mich mit ihm beraten. Er sagte, dass ich das nicht ablehnen könne, aber vielleicht einen kleinen Hammer einbauen könnte. Das hat mich das ganze Wochenende – an dem ich auch noch Geburtstag hatte – beschäftigt. Das war wirklich bedrückend. Aber ich habe es fertiggemacht und Montagmorgen angehängt. Nach zwei Stunden war es weg.

Wissen Sie noch, was dieser „Hammer“ war?

Ich habe den Text leider nicht mehr, ich habe ihn schon oft gesucht. Es ging dabei um das Leistungsprinzip und dass wir exzellente Forschung machen. Ich habe im Text für die Wandzeitung den Führungsanspruch der Partei dem Leistungsprinzip untergeordnet – also die offizielle Ideologie umgekehrt.

Hatten Sie nie die Befürchtung, doch mal zu weit gegangen zu sein?

Ja, na klar. Manchmal neige ich zu Spontaneitäten, und ich bin ein offener Mensch, der anderen klar sagt, was er von manchen Dingen hält. Das gefiel nicht jedem. Eines Tages rief mich der Zentralinstitutsdirektor zu sich und sagte, dass er Schwierigkeiten habe, selbst meine Reise nach Polen und Tschechien bewilligt zu bekommen – und dass ich da etwas falsch gemacht haben müsse. Also bin ich zu Reiner Radeglia gegangen und fragte, was ich tun kann. Ich habe dann einen Brief an die Staatssicherheit geschrieben. Darin stand, dass ich nicht reisen kann und ich den Eindruck habe, dass bezüglich meiner Westkontakte, die auf einer Prag-Reise geknüpft wurden, ein Missverständnis vorliegt und ich das gern klären würde.

Und wie ging es weiter?

Am nächsten Tag kam der Kaderleiter, das war der Verbindungsmann zur Stasi, und fragte mich, wie ich so etwas machen könne. Er gab mir aber die Adresse der Staatssicherheit und ich ging zur Prenzlauer Allee. Dort wartete ich in einem kleinen fensterlosen Raum. Dann kamen zwei Männer, also keine Finstertypen, sie wirkten durchaus intellektuell. Sie sagten, dass sie nichts mit dem zu tun hätten, was ich berichtete. Meine Reiseschwierigkeiten müssten andere Ursachen haben. Zwei Tage später kam wieder der Kaderleiter und sagte mir, ich solle in ein Haus („Block A“) auf dem Akademiegelände in Adlershof gehen. Da saß wieder so ein Typ, der mich befragte und wiederum erklärte, dass die Stasi damit nichts zu tun hätte. Seine Version war, dass alles danach aussehe, dass ich von einem ausländischen Geheimdienst angeworben werden sollte. Gleichzeitig war klar: Er glaubt nicht, dass ich das glaube. Ein paar Tage später sagte mir der Direktor, dass ich nun wieder reisen könne.

Waren Sie eigentlich nie versucht, im Westen zu bleiben, wenn Sie eine Reise machten?

Ich war ja erst ab September 1988 Reisekader, ein Jahr vor der Öffnung der Grenze. Meine Kinder waren damals 12 und 14 Jahre alt. Das kam nicht infrage. Auch eine illegale Ausreise mit Risiko für Leib und Leben wäre nicht infrage gekommen, so ein Typ bin ich nicht. Ich wollte im Osten auch nicht in den Knast – im Unterschied zu anderen, die das in Kauf genommen haben.

Sie hatten bereits in Ihrer DDR-Akademiezeit intensive internationale Kontakte – nach Ost und West. Wie etwa zu dem Prager Quantenchemiker Rudolf Zahradník, der eine große Rolle für Sie spielte. Auf welche Weise?

Ich lernte Rudolf Zahradník schon als Forschungsstudent auf einer der jährlichen Arbeitstagungen Quantenchemie in Kühlungsborn an der Ostsee kennen. Er war als Wissenschaftler sehr offen, auch zu uns jungen Leuten, und er lud mich und den Studienkollegen, mit dem ich zusammenarbeitete, nach Prag ein. Er hat mit uns sogar eine Stadtrundfahrt in seinem Trabant gemacht. Er war kein Kommunist. In einem kleinen Prager Büro hat er ohne alle formalen Positionen Wissenschaft betrieben und mit Leuten gearbeitet, die die Nähe zu ihm suchten. Er ist später, nach dem Ende des Kommunismus, tschechischer Akademiepräsident geworden. Rudolf Zahradník war und ist einfach eine eindrucksvolle Persönlichkeit, auch ein politisch Gleichgesinnter.

Sie sagten einmal über Rudolf Zahradník: „Wir waren uns einig, dass dieses System untergehen muss.“

Ja, aber ich habe auch immer hinzugefügt: Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass es zu meinen Lebzeiten passieren könnte. Noch im Sommer 1989, als Massen die DDR verließen, glaubte ich nicht, dass alles so schnell gehen würde.

Sie haben die Wiedervereinigung der Wissenschaft nach dem Mauerfall als gelungen bezeichnet. Eine Selbsterneuerung der Universitäten nach dem Ende der DDR sei nicht möglich gewesen, sagten Sie. Warum?

Zum Beispiel aufgrund des Ausmaßes, in dem Karrieren aus ideologischen Gründen verhindert wurden. Ein Beispiel hatte ich schon genannt: Reiner Radeglia aus meinem Institut. Die Geschichte dieses scharfsinnigen Physikochemikers zeigte für mich exemplarisch, dass der personelle Neuanfang nach dem Mauerfall unumgänglich war, so schmerzlich sich das auch für manche gestaltete. Die SED hatte ja das Ziel, alle Führungspositionen mit Personen zu besetzen, die der Partei treu ergeben und dem Sozialismus verpflichtet waren. Eine Selbsterneuerung der Universitäten nach dem 9. November 1989 wäre auch jenen nicht gerecht geworden, die keine Stelle an einer Hochschule bekommen hatten, weil sie etwa wegen kirchlicher Bindung kein Abitur machen durften.

Sie sagten einmal, dass die DDR bei der Computertechnik immer einen Schritt zurück war und Sie Zeit hatten, sich zu überlegen, was Sie mit besseren Modellen machen würden. Hat das so geklappt, wie Sie sich das vorgestellt haben?

In meinem Fach muss man ja sehr viel rechnen, um theoretische Modelle zu prüfen. Ich wusste genau, wie ich den Computer einsetzen würde, wenn ich ihn endlich zur Verfügung hätte. Ich machte mir viele Gedanken über die Modelle und konnte das dann – als die Technik verfügbar wurde – schnell umsetzen. Das Denken war natürlich auch im Westen nicht verboten, ich hatte aber das Glück, dass die Leute genau auf dem Gebiet nicht sehr viel nachgedacht hatten, so dass ich mit meinen Publikationen immer international konkurrenzfähig war.

Blickt man auf die aktuelle Forschungssituation in Deutschland, stellt sich die Frage: Warum erhalten deutsche Forscher nur wenige Nobelpreise?

Wir haben kein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip, auch diese Universität nicht. Spitzenforschung in den Naturwissenschaften kann nur in Ausnahmefällen in den deutschen Universitäten gedeihen.

Es gibt ja Versuche wie die Exzellenzinitiative, Bereiche zu konzentrieren, etwa im interdisziplinären Forschungsverbund UniCat. Auch die Berliner Einstein-Stiftung will Spitzenforschung fördern. Sind diese Initiativen fehlgeschlagen?

Ich gebe zu: UniCat bringt die Forschung durchaus voran, aber es ist eben keine Sache, die Nobelpreise generiert. Und die Einstein-Stiftung ist schon fast eine Totgeburt gewesen, bis dann der Unternehmer Walter Wübben aus Schleswig-Holstein kam und sie mit seiner Millionenspende rettete. Die Stiftung bietet ausländischen Wissenschaftlern zwar Forschungsaufenthalte, aber daraus entstehen keine Nobelpreise, sondern es geht um die Erhöhung des Niveaus insgesamt. Für die dauerhafte Ansiedlung ausländischer Spitzenforscher an deutschen Universitäten sind die Alexander-von-Humboldt-Professuren, vergeben von der Humboldt-Stiftung, bestens geeignet. Da gibt es viel Geld, bis zu fünf Millionen Euro pro Forscher. Wenn man es richtig einsetzt, könnten damit Höchstleistungen an den Universitäten nachhaltig gefördert werden.

Das Einwerben von Drittmitteln, des Geldes von Sponsoren und Stiftern geschieht in den USA in einem ganz anderen Maßstab.

Hinzu kommt, dass in den USA das Preiswesen wesentlich besser organisiert ist. Es gibt in den Universitäten überall ein „Award“-Komitee, das Kolleginnen und Kollegen für Preise vorschlägt. Da zählt der Gedanke: Wenn wir starke und sichtbare Forscher haben, werden wir alle stärker. Dieses strategische Vorgehen fehlt in Deutschland völlig. Andererseits: Nobelpreise sind zwar schön und erregen Aufmerksamkeit, sie taugen allerdings nicht als alleiniges Maß für die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft.

Das ist ja einer der größten Kritikpunkte an der Institution Nobelpreis.

Viel wichtiger ist doch, dass mit dem Preis eine Diskussion in der Fachwelt einsetzt. Es gab für Computational Chemistry vor mehr als zehn Jahren einen Nobelpreis. Ich habe dann in zwei Journalen etwas dazu geschrieben – und noch zehn Forscher genannt, die auch diesen Preis verdient hätten. Preise rücken die Forschung zwar in die Öffentlichkeit. Aber man soll es nicht so verstehen, dass nur die, die einen Preis bekommen haben, tolle Wissenschaftler sind.

Da bald Weihnachten ist, haben wir uns noch drei Fragen zum Fest überlegt.

Das muss ich mir überlegen, ob ich die beantworten will. Wir wollten ja eigentlich bei der Wissenschaft bleiben.

Glühwein oder Punsch?

Weder noch.

Lebkuchen oder Spekulatius?

Da es Mandel-Spekulatius kaum noch zu kaufen gibt, sage ich Lebkuchen. Aber die richtigen.

Die Printen?

Nein, die guten. Die Elisen-Oblaten.

Und wie ist es mit Stollen?

Ja, da gehören Mandeln und Rosinen rein. Mein Vater ist übrigens Bäcker- und Konditormeister gewesen. Er machte perfekten Stollen.

Schneemann bauen oder Schneeballschlacht?

Langlauf.

Das Interview führten Juliane Meißner und Torsten Harmsen.