Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in großer Sorge. Denn die Demokratische Republik Kongo bekommt die jüngste Ebola-Epidemie nicht in Griff. Es gab hier bereits mehr als zehn Ausbrüche, seit Ebola 1976 in dem zentralafrikanischen Land entdeckt wurde. Und es ist einer der folgenschwersten nach 2013, als mehrere westafrikanische Staaten betroffen waren. Über die Situation im Kongo spricht Marcus Bachmann, Vize-Koordinator der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen beim Ebola-Einsatz.

Herr Bachmann, neun Monate nach dem Ausbruch der jüngsten Ebola-Epidemie im Nordosten des Kongo hat die Zahl der Infizierten wieder sprunghaft zugenommen. Allein in der vergangenen Woche wurden 126 Neuansteckungen gemeldet. Was passiert da gerade?

Wir haben tatsächlich die mit Abstand schlimmste Woche seit dem 1. August 2018 erlebt. Außerdem wurde am Freitag der tausendste Todesfall gemeldet, und die Zahl steigt weiter an. Neben diesen quantitativen Angaben machen uns auch die qualitativen Indikatoren allergrößte Sorge. 92 Prozent der Neuerkrankungen der vergangenen Woche wurden nicht als Kontakt einer bekannten infizierten Person geführt, das ist ebenfalls der schlechteste Wert seit Ausbruch der Seuche. Bei einer Epidemie, die unter Kontrolle gebracht worden ist, weiß man bei jeder Neuinfektion, durch wen sie zustande gekommen ist.

Die Seuche gerät also zunehmend außer Kontrolle?

Darauf weist auch ein anderer Indikator hin: Immer mehr Menschen sterben außerhalb von Ebola-Behandlungszentren, das sollte eigentlich umgekehrt sein. In 40 Prozent aller Fälle wird die Infektion erst nachgewiesen, wenn die Person gestorben ist. Das führt zu einem stark erhöhten Ansteckungsrisiko, weil die Pflegepersonen und die Angehörigen, die die Bestattungsrituale durchführen, nicht ausreichend geschützt sind.

Woran liegt es, dass sich die Epidemie neun Monate nach ihrem Ausbruch wieder dermaßen verschlimmert?

Vor allem an den gewalttätigen Konflikten, für die die kongolesischen Provinzen Nord-Kivu und Ituri schon seit Jahrzehnten berüchtigt sind. Immer wieder kommt es hier zu Angriffen auf Einrichtungen und Pflegekräfte. Unsere Aktivitäten zur Eindämmung der Epidemie müssen deshalb sehr oft eingeschränkt werden. Dann gewinnt das Virus wieder die Oberhand und die Verbreitung beschleunigt sich. Man kann das an unseren Aufzeichnungen eindeutig ablesen: Jedem gewalttätigen Zwischenfall folgt zeitversetzt ein deutlicher Anstieg der Infektionen.

Warum werden denn Pflegekräfte überhaupt angegriffen? Kürzlich wurde sogar ein im Dienst der Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeitender Arzt umgebracht.

Für die Gewalttätigkeiten gibt es vor allem zwei Gründe. Einerseits löst eine Ebola-Epidemie unter der Bevölkerung immer enorme Spannungen aus. Bei allen meinen bisherigen fünf Ebola-Einsätzen habe ich erlebt, wie extrem beängstigend das Auftreten einer oft noch unbekannten Krankheit ist, die außerdem eine sehr hohe Sterblichkeitsrate hat – ganz abgesehen davon, dass die Menschen auch auf schrecklichste Weise sterben. Das erzeugt ein Klima der Ablehnung – zumindest bis erste Erfolge sichtbar werden und die Menschen zu kooperieren beginnen.

Und der zweite Grund?

Die Nord-Kivu- und Ituri-Provinz sind von chronischer Unterversorgung und anhaltenden Konflikten mitgenommen. Wir hören von unglaublich brutalen Angriffen ganz unterschiedlicher bewaffneter Gruppierungen, von Massakern und sexueller Gewalt als Mittel der Kriegsführung. Unter der Bevölkerung herrscht zudem ein tiefsitzendes Misstrauen gegen die Institutionen des Staates, nicht nur gegen Armee und Polizei, sondern auch gegen das Gesundheitsministerium, dessen Mitarbeiter während der Epidemie an vorderster Front stehen.

Glaubt die Bevölkerung, dass es Ebola eigentlich gar nicht gibt? Oder dass die Regierung den Virus eingeschleppt hat, um die eigenen Leute zu töten?

Es gibt sehr viele verschiedene Wahrnehmungen und unglaublich viele Gerüchte. Manche meinen, dass es Ebola nicht gibt, andere sagen, das Virus werde von der Regierung als Waffe eingesetzt.

Diese Auffassung wurde noch dadurch geschürt, dass die Regierung im Januar die Wahlen im Ebola-Gebiet verschob.

Die Verschiebung der Wahlen hat den Ärger tatsächlich noch weiter verschlimmert. Die Bevölkerung, die hier mehrheitlich der Opposition angehört, sah sich von der demokratischen Mitbestimmung ausgeschlossen.

Was muss passieren, um den Kampf gegen die Epidemie erfolgreicher zu machen?

Wir von Ärzte ohne Grenzen sagen bei jedem Epidemie-Ausbruch: Der Schlüssel für den erfolgreichen Kampf gegen die Seuche ist das Vertrauen der Bevölkerung. Man braucht die aktive Mithilfe der Menschen, sonst bekommt man eine derartige Seuche nie unter Kontrolle.

Und wie gewinnt man dieses Vertrauen?

Ein wichtiger Schritt wäre jetzt, den Kampf gegen die Epidemie in die bestehende Gesundheitsversorgung zu integrieren. Nach dem Ausbruch der Seuche wurde praktisch ein zweites Gesundheitssystem zu deren Bekämpfung aufgebaut. Das kann Sinn machen, wenn eine Epidemie innerhalb von kurzer Zeit erfolgreich eingedämmt wird. Wir sind jedoch im zehnten Monat: Da muss man eine andere Strategie verfolgen. Die Menschen haben vor großen Ebola-Behandlungszentren Angst, diese sind oft weit von ihrem Zuhause entfernt, man kann Familienmitglieder nur schwer besuchen, um ihnen Beistand zu leisten. Eine Integration der Ebola-Behandlung in bestehende Gesundheitszentren würde den Zugang für die Bevölkerung erleichtern und Vertrauen schaffen.

Wird nicht auch das Ansteckungsrisiko erhöht, wenn man die Ebola-Behandlung mit der herkömmlichen Gesundheitsversorgung zusammenlegt?

Wir sind dabei, neue Strategien zu entwickeln. Wir sind überzeugt, dass man die Isolierung und Betreuung von Ebola-Patienten in kleineren Strukturen außerhalb der großen Zentren sicher gestalten kann. Die herkömmlichen Gesundheitsstationen müssen natürlich entsprechend angepasst werden. Wir besprechen gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort, wie wir diese kleinen Isolationseinheiten gestalten können, damit keine angsteinflößenden Monster aus Plastik und anderen fremden Materialien entstehen. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht: Die Patienten haben dann weniger Angst, sich behandeln zu lassen.

Die Fachwelt setzte große Hoffnungen in einen neuen Impfstoff: Haben sich diese Hoffnungen denn inzwischen zerschlagen?

Nein. Neueste Daten belegen, dass der Impfstoff hochwirksam und sicher ist: Bisher wurden auch schon 110.000 Menschen geimpft. Das Problem ist, dass der Impfstoff noch nicht zugelassen ist und nur unter strengen Versuchsbedingungen verabreicht werden darf. Das ist aufwendig und teuer. Eine Impfung in der Provinz Equateur kostete uns vor einem Jahr über 1000 Euro pro Person. Deshalb können wir gegenwärtig nur Ringimpfungen durchführen. Das heißt, dass nur diejenigen Personen geimpft werden, die in direktem oder indirektem Kontakt mit einem Infizierten standen. Eine Erweiterung der Impfstrategien über die Ringimpfungen hinaus wäre dringend erforderlich.