Ende Juli hat die Nationalakademie Leopoldina ihre Stellungnahme zu den Klimazielen 2030 vorgelegt. Darin fordert sie sozialverträgliche und innovationsfördernde Sofortmaßnahmen zum Klimaschutz und appelliert, nationale wie auch internationale Vereinbarungen einzuhalten. Es gilt, keine Zeit zu verlieren, sagt Antje Boetius, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und Sprecherin der Arbeitsgruppe.

Frau Professor Boetius, Ihre 30-seitige Stellungnahme enthält sehr viele konkrete Forderungen, unter anderem nach einem unmittelbaren Transformationsschub. Das ist klare Sprache vonseiten der Wissenschaft.

Ach, an klarer Sprache hat es uns beim Thema Klima bisher nicht gemangelt. Es geht in der Stellungnahme nun aber um die schnellen Wege zu einem effektiven Schutz. Der Umbau, die Transformation, muss technologieoffen sein. Das heißt, wir überhöhen jetzt weder die Elektromobilität noch fordern wir Subventionen für Regenerative oder Holz statt Beton. Es muss einen Rahmen geben, in dem man es der Bevölkerung, aber auch der Industrie ermöglicht, klimafreundlich zu handeln. Der CO2 -Preis ist der erste Schritt, einen großen Umbau über alle Bereiche anzugehen. Das ist mit Transformationsschub gemeint.

Manche sagen, wir könnten uns den nötigen Klimaschutz nicht leisten.

Deutschland hat sich den europäischen Klimazielen verpflichtet und auch eigene Ziele für 2030 gesteckt. Zurzeit sieht es nicht so aus, dass sie erfüllt werden, und dann wird es richtig teuer. Dann könnten europäische Strafzahlungen von bis zu 62 Milliarden Euro fällig werden. Wir dürfen die Atmosphäre nicht länger als kostenlose Müllhalde betrachten. Wenn wir unsere Emissionsziele nicht erreichen und die Erwärmung mehr als zwei Grad beträgt, dann werden die Folgekosten für alle gigantisch. Und es ist vor allen Dingen so ungerecht, weil es zulasten der kommenden Generationen geht.

Stellen Sie sich mit dem Papier vorbehaltlos an die Seite der Fridays-for-Future-Bewegung?

Die Fridays-for-Future-Bewegung hat eine Reihe berechtigter, aber sehr weitgehender Forderungen, die sich derzeit so nicht umsetzen lassen. In der Leopoldina-Arbeitsgruppe haben wir analysiert, welches die ersten pragmatischen Schritte sein können, damit Deutschland seine Klimaziele erreicht.

Aber auch Sie fordern doch den großen Umbau.

Nehmen wir mal die Empfehlungen zum CO2 -Preis. Die Fridays-for-Future-Bewegung übernimmt die Argumente des Umweltbundesamtes, wonach man konkrete Schäden durch CO2 mitrechnen muss, und verlangt darum einen Preis von 180 Euro pro Tonne. In der Arbeitsgruppe haben wir uns von den Ökonomen überzeugen lassen, dass der Preis am Anfang nicht überfordern darf, sondern nur schrittweise und sozial ausgewogen steigen kann. Der erste Schritt im Preis muss dennoch mutig sein, höher als der Preis im Emissionshandel, und einen klaren Impuls geben. Aber man kann nicht sofort mit einem Preis anfangen, der alles so verändert, dass ganze Gruppen von Menschen nicht mehr mitkommen oder ganze Industriezweige wegbrechen.

Warum ist der CO2 -Preis so wichtig?

Hier geht es um den Impuls, Klimaschutz in allen Sektoren zu verankern. Wenn man einen CO2 -Preis auf Emissionen einführt, dann verschiebt sich insgesamt der Markt. Die fossilen Energien werden teurer und die regenerativen Energien relativ billiger, vor allem wenn auch noch das Erneuerbare-Energien-Gesetz reformiert oder abgeschafft wird. Es lohnt sich dann, schnell auf andere Technologien zu setzen – für die Industrie und auch für den Bürger. Wir bekommen einen Innovationsschub. Und wenn man außerdem die Einnahmen transparent verwendet, etwa als Klimadividende oder um die Stromsteuern zu senken, dann werden ja auch die entlastet, die jetzt schon weniger CO2 emittieren als andere. Profitieren können dann typischerweise die Bürger mit niedrigem Einkommen. Die haben ja nur zirka die Hälfte vom CO2 -Ausstoß verglichen mit dem Rest von Deutschland.

Wo könnte der vernünftige Preis am Anfang liegen?

Da gibt es verschiedene Gutachten. Während die Wirtschaftsweisen sagen, er muss mindestens bei 35 Euro liegen und teurer sein als die Zertifikate im europäischen Emissionshandel, kommen andere Gutachten wie das vom Mercator-Institut und Potsdam-Institut auf anfangs 50 Euro.

In der Stellungnahme heißt es, der Preis soll am Anfang erkennbar deutlich höher sein als der Emissionshandelspreis. Der liegt im Augenblick um 25 Euro. Und dann gibt es ein Rechenbeispiel für das Jahr 2030 mit 130 Euro pro Tonne. Uns steht also ein starker Anstieg bevor.

Diese jährliche Steigerung ist eine kluge Idee, die die Ökonomen vertreten: Am Anfang nimmt man einen Preis, der verkraftbar ist. Und dann lernt man ganz schnell daraus. Es gibt ja vermutlich Gewinner und Verlierer, nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei der Industrie und in verschiedenen Sektoren. Da muss man nachsteuern, wo eine Ungerechtigkeit entsteht, etwa beim berühmten Pendler vom Land.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat gesagt, es gehe bei einer CO2 -Abgabe nicht darum, dass der Staat höhere Einnahmen hat, sondern er solle alles an die Bürger zurückgeben. Sehen Sie das genauso?

Soziale Ausgewogenheit muss erreicht werden, aber ich persönlich sehe das so, dass es bei aller gebotenen Transparenz zu den Einnahmen und Ausgaben aus der CO2 -Abgabe um viel mehr geht als um Umverteilung. Es geht auch um die Kosten einer neuen Infrastruktur, um etwa die Schiene auszubauen. Und wir brauchen auch Mittel für Anpassung – in der Landwirtschaft, in den Städten. Auch das muss nun zügig passieren, das geht natürlich nicht allein durch den CO2 -Preis.

Warum nicht auf Europa warten?

Warten sollte niemand mehr. Es muss aber auf jeden Fall auf europäische und internationale Verhandlungen hingearbeitet werden, das steht auch klar in unserem Papier. Deutschland und selbst Europa allein können das globale Klimaproblem nicht lösen.

Die Preise sollen die Verhältnisse zwischen fossil und erneuerbar verschieben. Funktioniert das?

Der jährliche Global Carbon Budget Report zeigt: Immer dann, wenn in den letzten Jahrzehnten Öl-, Benzin- und Dieselpreise gestiegen sind, steigen die CO2 -Emissionen nicht mehr an. Es ist also eine schnell wirksame Maßnahme.

Wenn der Liter Benzin 30 Cent mehr kostet – das wäre ungefähr das Niveau 130 Euro pro Tonne CO2 –, dann kann man sich schon vorstellen, dass deutsche Gelbwesten durch die Städte marschieren. Wie einen Sie das Land?

Indem man erst einmal die jetzt gespürte Ungerechtigkeit angeht. Wer zahlt jetzt gerade überproportional aus seinem Einkommen für die EEG-Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energiequellen? Das sind die Niedrigverdiener, die gar nicht so viel CO2 emittieren. Unser Vorschlag ist, genau da anzusetzen und eine sozial ausgewogene Lösung zu erreichen.

Für viele Menschen ist die Klimakrise weit weg. Bei den Berichten werden Eisbären gezeigt, und dann redet man von der Arktis und von der Südsee von Bangladesch und Afrika.

Das hat sich mittlerweile massiv geändert, erst recht seit dem letzten Sommer. Und dieser Sommer zeigt ja ebenso, wie die Hitzewellen auch auf uns hier in Europa wirken, dass der Klimawandel schon da ist. Im Moment zeigen Umfragen, jeder zweite Bürger ist bereit, CO2 -Steuern zu zahlen – Hauptsache, wir fangen an, den Klimaschutz zu organisieren. Das ist eine ganz andere Ausgangslage für die Politik als früher.