Nur zehn Prozent der Deutschen tanzen regelmäßig. Viel zu wenig, findet der Neurowissenschaftler Dong-Seon Chang. Er selbst tanzt leidenschaftlich gern Swing und ist Lindy-Hopper. Am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen hat er zum Thema Bewegung und Gehirn geforscht. Gemeinsam mit der dänischen Neurowissenschaftlerin Julia F. Christensen, Expertin für Gehirn und Tanz, hat er ein Buch geschrieben, das jetzt erschienen ist. Es heißt „Tanzen ist die beste Medizin“.

Herr Chang, viele Menschen sagen, sie tanzen nicht, weil sie kein Rhythmusgefühl hätten. Kann das stimmen?
Das menschliche Gehirn ist erstaunlich gut darin, das zu bewirken, an was es glaubt. Wenn man zum Beispiel denkt: „Das tut gleich weh“, dann hat man tatsächlich mehr Schmerzen. So ähnlich ist es auch beim Tanzen. Wenn man wirklich glaubt, dass man es nicht kann, kommt es sehr wahrscheinlich auch so.

Ursprünglich hat also jeder Rhythmusgefühl?
So gut wie jeder. Es gibt eine seltene angeborene Störung, die Amusia genannt wird. Menschen, die an ihr leiden, können weder Rhythmen klassifizieren, noch ihre Körperbewegungen einem Rhythmus anpassen. Sie sind also nicht farbenblind, sondern musikblind – und daher eben auch tanzblind. Das betrifft aber nur 1,5 Prozent der Bevölkerung. Die Chance darunter zu sein, ist sehr gering. Bei den meisten Menschen sind es eher Unsicherheit und Scham, die sie vom Tanzen abhalten.
Wie kann man das ändern?
Zum Beispiel, das Denken dabei sein lassen. Nicht auf jede Bewegung konzentrieren, die man macht. Sondern einfach loslassen. Es ist neurowissenschaftlich erwiesen, dass unsere Reaktionen langsamer sind, wenn wir bewusst über unsere Bewegungen nachdenken. „Verkopft“ geht also nichts. Ich empfehle: Tanzen Sie lieber mal darüber nach.

Tänze wie Macarena, Gangnam Style oder Clubtänzen im Urlaub sind so einfach, dass man nicht dabei denken muss. Sind sie deshalb so beliebt?
Unter anderem. Man kann einfacher in den Tanz einsteigen, egal mit wem auf der Welt. Auch wenn diese Tänze simpel sind: Mit mehreren Personen in einer Gruppe zu tanzen, ist immer eine spannende Gemeinschaftserfahrung.

Warum ist das so?
In den Momenten, in denen wir uns im Gleichklang mit anderen bewegen, verliert unser Gehirn sozusagen die Grenze zwischen Ich und Wir: Ein starkes Verbundenheitsgefühl entsteht. Forscher haben einmal herausgefunden: Je synchroner die Tanzbewegungen von Leuten sind, die sich vorher nicht kannten, umso mehr mögen sie sich hinterher. Menschen, die zusammen tanzen, werden sozialer und auch empathischer.

Was passiert dabei im Gehirn?
Unser Gehirn versucht, andere Menschen zu verstehen, indem es sie simuliert. Wenn wir unsere eigenen und zeitgleich dieselbe Bewegung bei einer anderen Person wahrnehmen, findet in unserem Gehirn eine sogenannte Co-Aktivierung statt: Es werden gleichzeitig Bereiche aktiviert, die „mich“ und „dich“ wahrnehmen, die sonst in der Regel unabhängig voneinander arbeiten. Für unser Gehirn werden Ich und Du dann zu einer Einheit.



Kinder tanzen besonders gerne. Ab wann kann der Mensch tanzen?
Bereits ein Embryo reagiert im Mutterleib mit Bewegungen auf Musik. Und Neugeborene erkennen schon Struktur im Rhythmus. Wenn man einen Rhythmus verändert, verändern sich auch ihre Hirnströme. Als Baby lernen wir Bewegungen zusammen mit Lauten und Sprache. Wir hören das Wort „Greif mal“ und verbinden es mit der Greifbewegung. Wenn man so will, ist Sprache Musik und Bewegung ist Tanz.

Später lernen sich viele Paare beim Tanzen kennen. Welcher Tanzstil gefällt Frauen bei Männern dann besonders gut?
Es kommt natürlich auf das Selbstbewusstsein des Tänzers an, wie er sich präsentiert. Wissenschaftler haben aber herausgefunden: Frauen finden Männer attraktiv, die große und variantenreiche Bewegungen mit Nacken und Oberkörper machen. Je größer die Körperbiegungen und Wendungen sind, umso besser. Auch die Bewegungsgeschwindigkeit des rechten Knies spielte eine Rolle.

Des rechten Knies?
Ja, in Südamerika machen Männer beim Salsa, wenn sie die Dame führen, gerne einen Ausfallschritt des rechten Beins, den sie mit einer geschmeidigen Bewegung des rechten Knies abfedern. Diese Bewegung hat wohl einen besonderen Sex-Appeal.

Beim Zusammentanzen sollt es zwischen Mann und Frau dann aber auch noch harmonieren.
Ja, und das ist, was uns Menschen so besonders macht. Im Gegensatz zu Tieren können wir improvisierend miteinander tanzen. Ist das nicht faszinierend? Wie machen wir das? Indem wir unser Gehirne synchronisieren. Ich habe das selber in einer Studie untersucht. Wir können in unserem Gehirn simulieren, wie der andere sich gleich zu einem bestimmten Rhythmus bewegen wird. Der Mann hebt die Hand, die Frau dreht sich. Das sind ganz unterschiedliche Bewegungen. Trotzdem passen sie zusammen. Offenbar wird der Tanzpartner im Gehirn gleich mitrepräsentiert. Das funktioniert, weil unser Gehirn sich auf das Soziale spezialisiert hat. Wir sind also schon zum Tanzen geboren.

Und wie wirkt sich Tanzen auf die Gesundheit aus?
Es gibt zwei wesentliche Faktoren, die es so gesund machen. Einmal die Bewegung, die gut für den Kreislauf, die Muskeln, das Gehirn und Immunsystem ist. Der andere Faktor ist, dass man mit anderen Menschen buchstäblich in Berührung kommt. Immer mehr Studien zeigen, dass die Nähe zu anderen Menschen entscheidende Effekte auf unsere Gesundheit hat. Wer einsam und isoliert ist, hat es vor allem im Alter schwerer gesundzubleiben. Unser Gehirn hat sich durch die Evolution so entwickelt, dass wir unter Menschen einfach leichter glücklich und gesünder sein können. Tanzen vereint all dies. Denn wer kann per Knopfdruck glücklich sein? Tänzer, wenn sie die Stereoanalage anschalten.

Bis wann kann man mit dem Tanzen denn noch anfangen?
In Korea gibt es Diskotheken, die nur für Menschen über 60 sind. Das ist wirklich ein Boom dort. 80-Jährige gehen mehrmals in der Woche tanzen. Viele haben das Tanzen ganz spät für sich entdeckt, sind aber jetzt süchtig danach. Manche der Senioren besuchen sogar noch Tanzkurse, um coole Moves zu lernen, die sie dann auf dem Dancefloor zur Schau stellen können.

Hilft Tanzen gegen bestimmte Krankheiten?
Tanzen hat nachweislich einen positiven Effekt auf viele Krankheiten, es schützt zum Beispiel gegen Herzkrankheiten. Aber auch gegen Demenz. Und das wesentlich besser als Aktivitäten wie Kreuzworträtsel Lösen oder Musizieren. Auch bei Parkinson-Patienten, die zweimal pro Woche tanzen, hatten sich motorische Fähigkeiten wie Gleichgewicht und Gehdistanz verbessert. Beim argentinischen Tango übrigens mehr als beim Walzer.

Woran liegt das?
Möglicherweise daran, dass man beim Tango fast immer für einen Moment auf einem Bein steht und oft anhalten und wieder losgehen muss. Bei Parkinson ist vor allem das Losgehen ein Problem.

Welchen Tanzstil würden Sie noch besonders empfehlen?
Den muss jeder für sich selbst herausfinden. Oft funktioniert es einfach über die Musik, die man liebt. Wenn ich persönlich Jazzmusik und Funk höre, wackelt mein Po von ganz alleine. Deswegen ist für mich Swing Dance und Lindy Hop genau das Richtige.