Fotos von Babys mit missgebildeten Schädeln erschreckten die Weltöffentlichkeit, als in Brasilien das Zika-Fieber grassierte. Die Mütter der Kinder hatten sich während der Schwangerschaft mit dem Zika-Virus infiziert. Der Erreger ist seit Jahrzehnten aus Afrika und Asien bekannt, galt aber lange nicht als Auslöser einer schwer bedrohlichen Krankheit. Das erstmalige und gehäufte Auftreten von Zika in Lateinamerika veranlasste die Weltgesundheitsorganisation (WHO), am 1. Februar 2016 den öffentlichen Gesundheitsnotstand internationalen Ausmaßes zu erklären. Das hielt sie bis November aufrecht. Forscher beschäftigen sich seither intensiv mit der Krankheit. Elizabeth Halloran interessieren vor allem die Ausbreitungswege und Möglichkeiten der Gegenwehr. Die US-amerikanische Epidemiologin und Biostatistikerin, derzeit am Fred Hutchinson Cancer Research Center und an der University of Washington in Seattle, berichtet von Spätfolgen des Ausbruchs und den Vorbereitungen auf die nächste Welle.

Frau Professor Halloran, die während des Zika-Ausbruchs gezeugten Babys sind inzwischen mehrere Monate alt. Wie entwickeln sie sich?

Die Epidemie war vor etwa einem Jahr am schlimmsten. Wir sehen jetzt, dass Babys, die dem ersten Anschein nach mit normalen Köpfen und normalem Gehirn geboren wurden – also ohne die auf den ersten Blick an den Köpfen erkennbare Mikrozephalie –, sechs oder zehn Monate später doch Schäden zeigen. Und zwar ganz schlimme neurologische Ausfälle. Schaut man die Gehirne an, so sieht man, dass sie nicht richtig wachsen. Oder das Wachstum hört im Alter von drei bis sechs Monaten ganz auf. Geistige Behinderungen, Lähmungen – alles Mögliche tritt auf. Man erwartet, ähnlich wie bei Masern, erhebliche Spätfolgen. Auch solche, die erst im Alter von zehn oder zwanzig Jahren sichtbar werden.

Ist die Wahrscheinlichkeit solcher Spätfolgen hoch?

Wenn wir jetzt, wenige Monate nach der Geburt, an zunächst gesund erscheinenden Kindern derart schwere Ausfälle sehen, muss man sich sorgen – auch wenn wir natürlich keine präzisen Vorhersagen machen können. Unsere Computermodelle zeigen, dass es im Nordosten Brasiliens unheimlich viele Zika-Erkrankte gegeben haben muss. So lässt sich erklären, dass dort jetzt immer mehr Geburtsschäden auftreten. Zudem registrieren wir erste Fälle in Puerto Rico und Kolumbien, vereinzelt auch in anderen Teilen Südamerikas. Schwangere Frauen werden jetzt möglichst genau ärztlich überwacht. Zu bedenken ist auch die Frage der Abtreibung – gerade weil darüber nicht gesprochen wird. Wie viele Zika-Babys abgetrieben wurden und werden, weiß man nicht.

Wie kam es zu dem Ausbruch in Brasilien? Zika gab es bis dahin zwar in Asien und Afrika, aber nie in Lateinamerika.

Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam, als plötzlich all diese Bilder von Babys mit Mikrozephalie auftauchten. Aber wahrscheinlich hatte Zika schon zwei Jahre vorher die westliche Hemisphäre erreicht, also Anfang 2014. Genau weiß man das nicht. Der Hauptfaktor sind die Mücken – das Vorhandensein von Aedes aegypti, der Ägyptischen Tigermücke, und Aedes albopictus, der Asiatischen Tigermücke. Dazu kommt die klimatische Situation. Die Bedingungen waren in Brasilien gegeben. Hinzu kamen gesteigerte interkontinentale Reiseaktivitäten im Zusammenhang mit dem FIFA-Konföderationen-Pokal im Juni 2013, an dem auch afrikanische und asiatische Mannschaften teilnahmen. 2014 folgte die Fußball-WM. Wahrscheinlich ist das Zika-Virus mit Reisenden nach Brasilien gekommen – und fand ideale Ausbreitungsbedingungen.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Wir haben uns die zwölf brasilianischen Städte mit dem stärksten Luftreiseverkehr angesehen. Anhand des Datenmaterials konnten wir zeigen, dass das Virus wahrscheinlich schon im November 2013 ankam, vermutlich in Brasilia, vielleicht auch in Salvador. Mit ähnlichen Verfahren haben wir den Ebola-Ausbruch in Afrika 2014/15 analysiert, und ganz aktuell tun wir es für die jüngste Zika-Welle in Kolumbien.

Wie verbreitete sich Zika in Brasilien?

Besonders stark im Nordosten. Dort gibt es massenhaft Mücken, dort ist auch das Denguefieber stark verbreitet, das von einem dem Zika verwandten Virus ausgelöst wird. Nach Angaben der Panamerican Health Organization sind in der westlichen Hemisphäre etwa eine halbe Million Verdachtsfälle gemeldet, Stand 16. Februar 2017. Etwa 300.000 Fälle sind bestätigt. Aber man muss wissen, dass etwa 80 Prozent der Infizierten keinerlei Symptome zeigen. Und selbst wenn Symptome auftreten, werden die meisten Infektionen nicht gemeldet. Es gibt lediglich zwanzig gemeldete Todesfälle – also sehr wenige im Vergleich zu Ebola. Abgesehen von den tragisch missgebildeten Babys handelt es sich also nicht um eine Krankheit, die große Menschenmengen bedroht. Aber ich halte es für möglich, dass wir in zehn oder zwanzig Jahren die Sache doch gefährlicher einschätzen werden als jetzt.

Ist vorhersehbar, wann und wo der nächste Ausbruch kommt?

Wir füttern unsere Computermodelle mit sehr vielen Faktoren und sehen: Das Geschehen ist für klare Prognosen zu heterogen. Immer wieder verändern sich die Bedingungen – allein schon die Mückenpopulationen und die Klimaverhältnisse. Informationen über kommende Ereignisse sind aber wichtig, wenn es um einen gegen Zika schützenden Impfstoff geht.

Ist denn ein Impfstoff in Sicht?

Noch nicht. Im Fall von Ebola hatten wir Glück. Da standen quasi Impfstoffe im Regal, aber es war kein Geld da, um die für eine Zulassung nötigen Tests voranzutreiben. Diese Impfstoffe kamen dann in der akuten Not zum Einsatz – und die Wirksamkeit war hoch. Von den Geimpften, die das Vakzin mindestens seit zehn Tagen im Körper hatten, ist kein einziger erkrankt. Das gilt als hundertprozentiger Schutz. Bei einem Ausbruch kann die Ausbreitung mit Hilfe eines solchen Impfstoffs rasch gebremst werden. Für Zika steht kein Impfstoff im Regal. Aber das Virus ähnelt dem von Gelbfieber, Dengue und Japanischer Enzephalitis. Gegen diese Krankheiten gibt es mehr oder weniger wirksame Impfstoffe. Daher sollte es nicht schwer sein, ein Vakzin zu entwickeln. Aber das dauert.

Es wird also daran gearbeitet?

Überall auf der Welt. Ich bereite mit vielen anderen eine Testphase in den betroffenen Gebieten vor. Wir müssen in der Bevölkerung testen.

Das ist heikel. Wie gehen Sie vor?

Das größte Problem ist, dass wir nicht wissen, wo Zika ausbrechen wird und getestet werden kann, wenn der Impfstoff in etwa einem Jahr da ist. Aber solch einen Test muss man präzise planen. Um die Unsicherheit zu verringern, setzten wir Computermodelle ein, auch wenn wir das nicht so gerne machen, weil die Treffsicherheit eben doch beschränkt ist. Aber wir sehen: Nordost-Brasilien, wo die Welle 2016 so enorm war, ist „ausgebrannt“. Wahrscheinlich haben viele eine Immunität aufgebaut. Daher gehen wir davon aus, dass der nächste große Herd nicht dort sein wird. Aber wie gesagt: Die Unsicherheit ist sehr groß.

Warum ist es so wichtig, den Ausbruchsort vorab zu kennen?

Will man Impfstoff testen, braucht man viel Personal und hat vor allem ethische Fragen zu klären. Das muss man tun, bevor man überhaupt anfängt. Man muss mit den Zuständigen vor Ort sprechen, die Menschen vorbereiten, aufklären …

Wo könnte der nächste Herd liegen?

Eventuell in Kolumbien oder im Süden von Brasilien, wo es letztens nicht so schlimm war. Auch die Westküste Mexikos und kleinere Regionen von Peru kommen in Frage.

Sind die USA und Europa betroffen?

In Miami gab es Fälle, dort kommen auch die Mückenarten vor, die Zika übertragen. In den USA und Kanada wissen wir von 5000 importierten Fälle, also Reisenden, die das Virus mitbrachten. In Europa gibt es einige importierte Fälle. Ein Alptraum ist die Übertragung durch Geschlechtsverkehr. Es ist aber noch unklar, wie groß die Gefahr ist. Die Behörden sind sehr aufmerksam. Weil es die entsprechenden Mückenarten auch in Südeuropa, einschließlich Süddeutschlands, gibt, ist eine Ausbreitung dort nicht ausgeschlossen.

Das Gespräch führte Maritta Tkalec.