Was will die Jugend von heute eigentlich? Tanja und Johnny Haeusler haben vor drei Jahren die Tincon, eine Konferenz für Jugendliche zu Digitalthemen, gestartet und noch früher das Buch „Netzgemüse“ auf den Markt gebracht, in dem sie Eltern die Sorge vor dem Internet nehmen wollten. Ein Gespräch über Besserwisser-Attitüden und Ahnungslosigkeit in digitalen Zeiten.

Herr Haeusler, Schüler in Europa demonstrieren für den Klimaschutz und gehen in den USA gegen Waffengewalt auf die Straßen. Das Engagement hat viele Erwachsene überrascht. Sie auch?

JOHNNY HAEUSLER: Uns hat es gefreut. Wir sind mit der Tincon angetreten, dieser demografisch völlig unrepräsentierten Gruppe mehr Stimme zu verleihen und eine Bühne zu bieten. Dass irgendwann Tausende und Zehntausende auf die Straße gehen – ich wünschte, ich könnte sagen, das hätten wir geplant.

TANJA HAEUSLER: Wir konnten den Jugendlichen am Anfang ja nicht sagen: „Ihr sollt jetzt mal revoltieren.“ Das war nie unser Ziel. Wir wollten eher die Idee vermitteln, sich cool auf die Bühne zu stellen und mutig die Meinung zu sagen. Wir konnten ihnen versprechen, dass wir uns um eine große Öffentlichkeit bemühen.

JOHNNY HAEUSLER: Diese junge Generation ist ja auch schlau und eloquent. Luisa Neubauer hat die „Fridays for Future“-Demonstrationen mitorganisiert, sie wird auch bei der Tincon sprechen.

Die junge Generation galt lange Zeit als ruhig und angepasst.

TANJA HAEUSLER: Ich habe mich in der Vergangenheit schon gefragt: Warum kommt da eigentlich nichts? Wie viel wollt ihr noch schlucken? Ich habe neulich noch mal nachgeguckt, 15 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland sind unter 30 Jahre alt, 21 Prozent sind über 70 – das ist so ein Unverhältnis, weil Politik ja auf Mehrheiten basiert. Die jungen Wähler sind also nur eine kleine Gruppe.

Was hat denn dazu geführt, dass die jungen Menschen dann doch auf die Straße gegangen sind? Und es weiterhin tun. Die Veranstalter der Ostermärsche meldeten gerade steigende Teilnehmerzahlen, auch Jugendliche der „Fridays for Future“-Bewegung waren dabei.

JOHNNY HAEUSLER: Mit der Digitalisierung der Gesellschaft haben sie noch einen weiteren Grund bekommen, sich zu organisieren. Es fehlen die Gelegenheiten, in denen die Generationen ihre Meinungen austauschen können. In unserer Generation gab es noch die Möglichkeit, mit den Eltern abends vor dem Fernseher zu sitzen und auch über politische Sendungen zu sprechen. Die Räume, in denen Generationen aufeinandertreffen, sind nicht mehr da. Und auch wenn ältere Menschen WhatsApp wie ihre Enkel verwenden oder Videos bei YouTube schauen, sind das unterschiedliche Welten.

TANJA HAEUSLER: Was die junge Generation angeht, würde ich noch weiter gehen. Das Internet ist ja viel mehr als ein Unterhaltungsmedium, für sie ist das ein sehr wichtiger Lebensraum, das geht bis in den Bereich Karriere. Die ältere Generation weiß nicht, was das alles bedeutet.

Aber gerade YouTube gerät auch immer wieder in die Schlagzeilen, weil es die jungen Nutzer nicht vor Kriminellen schützt.

TANJA HAEUSLER: Die Verantwortlichen der Plattformen und der Gesetzgebung sollten den Lebensraum der Jugendlichen schützen und dafür sorgen, dass sie sich unverletzt bewegen können. Dafür muss man sich mit den Wünschen und Bedürfnissen der Jugend auseinandersetzen. Da ist die Politik gefragt.

Womit wir bei der Urheberrechtsdebatte sind. Ein generationsübergreifendes Bemühen nach einem Kompromiss war da nicht zu beobachten.

JOHNNY HAEUSLER: Auf beiden Seiten ist da mit viel Lobbyarbeit ein Informationsgewitter betrieben worden. Was aber gar nicht vorkam: Auch die junge Generation der YouTuber ist kreativ tätig und benötigt Schutz. Es ist schon krass, wie versucht wurde, bestehende Strukturen in die digitale Sphäre zu übertragen. Das musste scheitern. Eine Vereinfachung des Urheberrechts wäre wichtig gewesen. Jetzt könnte alles nur komplizierter werden. Aber wer weiß: Politische Äußerungen ließen zuletzt darauf schließen, dass man vielleicht doch aufeinander zugeht.

Aber auch die junge Generation wählte vor allem bei Twitter einen oft unversöhnlichen Ton. Kritiker sprechen von Besserwisser-Attitüde.

JOHNNY HAEUSLER: Junge Generationen sind doch immer ein wenig überheblich. Mir fehlt eher Gelassenheit und Großmut der Älteren gegenüber den Jüngeren. Stattdessen schaffen es Chefredakteure von großen Medien tatsächlich, Greta Thunberg anzuprangern, weil sie ein in Plastik eingewickeltes Sandwich vor sich hat. Das finde ich lächerlicher und peinlicher als junge Menschen in jugendlichem Drang, der ihnen zusteht und der wichtig und richtig ist.

Nach der Demonstration bei Primark shoppen, das geht dann auch nicht.

JOHNNY HAEUSLER: Wir wissen alle, wie schwer und vielleicht unmöglich das perfekte Verhalten ist. Aber es gibt auch die Meldung, dass an Schulen diskutiert wird, ob man nach dem Abitur lieber auf klimaschädliche Flüge verzichtet und stattdessen auf Bus oder Bahn umsteigt oder in der Region bleibt.

Was mir fehlt, ist eine Wertediskussion zwischen den Generationen. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Debattenkultur – solche Aspekte.

JOHNNY HAEUSLER: Da landen wir schnell bei den Schulen, ihren Lehrern und den altmodischen Lehrmethoden.

TANJA HAEUSLER: So wichtige Aspekte werden den jungen Menschen in der Tat nicht vermittelt. Und die schnellen Medien wie YouTube sind da echte Gefährder. Es gibt kein Korrektiv. Weil gerade das Wort „Werte“ fiel: Ich habe die Sorge, dass wir die Solidargemeinschaft verlieren, die einmal wichtig war für dieses Land. Es geht immer mehr darum, dass jeder sein Ding macht.

Bei den Demonstrationen gehen die jungen Menschen aber wieder gemeinsam auf die Straße.

TANJA HAEUSLER: Diese Solidarisierung finde ich einen positiven Nebenaspekt.

Noch ein Aspekt: Aus meiner Beobachtung kann ich sagen, dass politische Diskussionen wieder in der Familien geführt werden. Die Kinder lernen, dass nicht alles in eine WhatsApp-Nachricht passt.

JOHNNY HAEUSLER: In Familien, in denen auch über digitale Welten miteinander geredet wird, ist das eine positive Entwicklung, die wir an Schulen und anderen Orten weiterführen und ausbauen müssen.

Die Tincon wird in diesem Jahr erstmals Bestandteil der Digitalkonferenz re:publica sein. Wie wichtig ist der Aspekt der Verständigung zwischen den Generationen?

JOHNNY HAEUSLER: Was wir zunächst feststellen: Es gibt sehr viele Anmeldungen von Schulklassen. In der Vergangenheit fand die Tincon am Wochenende statt, da war kein Unterricht. Jetzt haben die Lehrer die Chance, mit ihren Schülern das Angebot zu nutzen. Und das tun sie offensichtlich.

Tanja Haeusler: Für Lehrer gibt es bei der re:publica den Bereich re:learn. Da wird Bildungskompetenz in der digitalen Welt vermittelt: Wie können neue Technologien in den Kontext des Lernens eingebunden werden? Es werden generationsübergreifende Konzepte, Ideen und Projekte im Bereich der Schulbildung vorgestellt. Was noch dazukommt: Mit der Jetpack findet erstmals eine Job-Messe rund um Berufe der Zukunft und Studienmöglichkeiten in digitalen Zeiten statt.

Und wird es ein übergreifendes Thema geben?

JOHNNY HAEUSLER: Zur Tincon gehört dazu, dass die Jugendlichen im Vorfeld einen Workshop machen, um die Themen mitzubestimmen. Aktivismus und wie politisches Engagement geht – das ist diesmal tatsächlich ein großes Thema. Neben Luisa Neubauer und Jakob Blasel von „Fridays for Future“ gehören auch engagierte Wissenschaftler wie Gregor Hagedorn vom Museum für Naturkunde zu den Rednern, der Jugendliche mit „Science4Future“ unterstützt. Diese Form der generationsübergreifenden Solidarität gefällt uns.