Frau Kimminich, was bringt Menschen dazu, an Verschwörungstheorien zu glauben?

Das ist eine heikle Frage, die man nicht so einfach beantworten kann. Es sind Menschen mit unterschiedlichem Bildungsgrad und aus verschiedenen Schichten. Außerdem kommt es auf die Situation des Einzelnen an. Zum Beispiel gibt es die Mittelschicht, die das Gefühl hat, abzurutschen. Menschen stellen sich ja Fragen, zum Beispiel: Warum werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer? Und es gibt Theorien, die auf darauf eine Antwort geben.

Es geht also um die Vereinfachung von Problemen?

Das greift zu kurz. Es ist ja nur menschlich, dass man nach der Ursache eines Missstandes sucht, um diesen dann möglichst schnell verändern zu können. Man kann Verschwörungstheorien aber nicht von einer Gesellschaft getrennt betrachten. Sie sind ein Seismograf für ihren Zustand und Probleme. Und auch immer Resultat gesellschaftlicher Schieflagen und einer Politik, die ihre Problemlösungen nicht klar zu vermitteln versteht.

Was entgegnen Sie Menschen, die an ein bestimmtes Wirklichkeitsbild glauben?

Dann argumentiere ich nicht inhaltlich. Ich sage, dass ich keine genauen Informationen zu diesem Sachverhalt habe, und dass man diesen erst überprüfen und Argumente abwägen muss, um sich ein Bild machen zu können. Den anderen von vornherein nicht ernstzunehmen, ist nicht der richtige Weg. Gespräche sind wichtig, und es geht nicht darum, wer recht hat, sondern darum, eine gemeinsame Grundlage zu finden. Das ist das, was eine Gesellschaft ausmacht – ein gemeinsames Bild von ihrer Wirklichkeit, so facettenreich sie auch sein mag.

Aber Anhänger von Verschwörungstheorien fühlen sich ja auch oft erhaben gegenüber den anderen.

Das ist ganz typisch. Websites, die sich selbst als alternative Informationsquellen bezeichnen, nutzen das aus. Wir haben eine dieser Seiten intensiv ausgewertet, die Betreiber machen das sehr geschickt: Die Leser haben das Gefühl, auf einer Nachrichtenseite zu sein. Sie sprechen die Leser direkt an, loben ihre Suche nach einer angeblich von den Mainstream-Medien verschwiegenen Wahrheit. Gezielt aufbereitet vermitteln sie dann ihre Interpretation der Ereignisse und Entwicklungen, erklären, dass die Mainstream- Medien Werte wie eine Multikulti-Gesellschaft propagieren. Diese Werte werden ins Negative umgekehrt, den Lesern suggeriert, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurden und sie nun durch die angebliche richtige Information erst die wahren Vorgänge erkennen könnten.

Wie kann man der Anfälligkeit für solche Theorien entgegenwirken?

Bei denjenigen, die von so einer Theorie überzeugt sind, ist das sehr schwierig, weil der Verschwörungsgedanke ihr Weltbild durchdringt und ihr Selbstwertgefühl stützt. Aber diese Theorien scheinen sich auch unter jungen Menschen zu verbreiten. Sie suchen ja nach Antworten und einem Weltbild. Sie müssen aufgeklärt werden. Meine Kollegen und ich haben Workshops für Schüler angeboten. Wir haben ihnen erklärt, dass Informationen immer auch Interpretationen von Ereignissen mit sich bringen. Sie sind daher relativ, und nicht alles ist richtig, was sie im Internet lesen. Wichtig ist, dass junge Menschen lernen zu vergleichen, zu hinterfragen und zu prüfen.

Das Gespräch führte Juliane Meißner.