Berlin könnte das neue Zentrum für Technologie werden.
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BerlinMehr als 3,7 Milliarden Euro sind nach Berechnungen der Unternehmensberatung Ernst und Young im vergangenen Jahr in die Berliner Start-up-Szene geflossen. Ein Rekord. Weil auch Google in Berlin investiert und Tesla in Brandenburg ein Werk bauen will, gibt es Prognosen, dass die Region zu einem Tech-Zentrum wird. Der Wissenschaftler Sven Ripsas sieht gute Chancen. Er gehört schon seit den 90er-Jahren zu den Antreibern des neuen Unternehmertums.

Herr Ripsas, wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen, hat Berlin das Zeug dazu, eine digitale Metropole zu werden?

Eine digitale Metropole ist Berlin schon länger, neu ist, dass wir auch zu einem Technologiezentrum werden könnten. Und es erscheint mir kein Verdienst der Politik, denn die Pläne von Google, vor einem Jahr in Kreuzberg zu expandieren, sind von der Politik nicht mit Begeisterung aufgenommen worden. Es ist einfach die Kraft der Unternehmen, die sagen, hier ist eine tolle Szene. Es gibt also keine konsistente Industriepolitik.

Sondern?

Was hier gerade passiert, ist ein Glücksfall für die Stadt und die Region. Eine riesengroße Chance, die jetzt genutzt werden sollte.

Haben Sie Zweifel daran, dass das gelingen wird?

In der Vergangenheit sollte Berlin das Zentrum der Elektromobilität werden, das hat noch nicht geklappt. Aber mit welchem Tempo die Ansiedelung von Tesla in Brandenburg betrieben wird, ist beachtlich, da scheint die Landesregierung die Chance zu nutzen, schnell zu sein. In Berlin geht das aber auch. Da geben die Politiker bei dem Projekt in der Siemensstadt richtig Gas, das finde ich super. Wenn das alles erfolgreich verlaufen sollte, wäre das auch eine Auszeichnung für die Politik.

Spricht etwas dagegen, dass das klappen könnte?

Man muss generell schon sehen, dass der Erfolg der Start-up-Szene nichts mit der Arbeit des Senats zu tun hat. Kein Politiker hat diese dynamische Entwicklung veranlasst, auch nicht der Regierende Bürgermeister Michael Müller.

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Zur Person

Sven Ripsas (54), lehrt seit 2001 an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Seit 20 Jahren widmet er sich leidenschaftlich dem Thema „Unternehmertum“. Er hat für Start-ups gearbeitet und gehört zu den Mitbegründern von sieben Unternehmen.

Das Potenzial von Start-ups erkannte er früh und suchte nach strategischen Partnern in der Politik und im Finanzwesen, um junge Gründer in der Hauptstadt fördern zu können. So brachte er mit dem Senat und Banken bereits 1997 den Business-Plan-Wettbewerb auf den Weg.

Die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop hat der Berliner Zeitung gesagt, dass das Vertrauen in unseren Wirtschaftsstandort ungebrochen ist, trotz aller Versuche des Schlechtredens. Und verbindet das natürlich mit der Leistung im Senat.

Das muss sie ja auch als Politikerin. Aber ich kenne keinen Politiker, der die Start-up-Welt so richtig verstanden hat. Das ist nicht nur auf Berlin bezogen. Es ist auch nicht so trivial, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint: Es geht um Venture Capital, also Wagniskapital zur Finanzierung, es geht um verlässliche Rahmenbedingungen für neue Technologien und um steuerliche Rahmenbedingungen für Investoren, es geht um die Infrastruktur …

… und es geht auch um Betriebsräte. Die Berliner SPD äußerte die Idee, nur die Start-ups zu fördern, die einen Betriebsrat zulassen.

Auch der Vorstoß zeigt, dass das Thema nicht verstanden worden ist. Wenn junge Leute beschließen, ein Start-up zu gründen, dann geht es ihnen darum, ihre Idee erfolgreich auf den Weg zu bringen. Sie sind dafür in der Regel bereit, Tag und Nacht zu arbeiten, sie verzichten auf Urlaub und setzen alles ein, was sie haben. Die Gründer und Gründerinnen erleben Chaos und haben Überlebensängste. Das lässt sich nicht gut vereinbaren mit den Regularien aus dem Industriezeitalter. Und wenn jemand im Gründerteam das Gefühl hat, dass er nicht richtig dazugehört, dann hat die Geschäftsführung etwas falsch gemacht.

Start-up-Finanzierungen in Deutschland (in Millionen Euro).
Grafik: Berliner Zeitung/Hecher

Und später, wenn sich ein Start-up etabliert hat, sollte es dann einen Betriebsrat haben?

Es spricht nichts dagegen. Aber wir sollten das Thema etwas breiter betrachten. Wir haben in Deutschland noch immer kulturell verankerte Verhinderungsfaktoren für das Thema Entrepreneurship. Gründer müssten gefeiert werden. Stattdessen gibt es viel Misstrauen gegenüber dem Markt und eine hohe Neidkultur, weil man als Gründer oder Gründerin ja auch schnell reich werden kann.

Start-up-Finanzierungssummen je Sektor in Deutschland (in Millionen Euro, in Klammern: Veränderung zu 2018 in Millionen Euro).
Grafik: Berliner Zeitung/Hecher

Wer an weltweit erfolgreiche Start-ups denkt, dem fallen nicht sofort Beispiele aus Berlin ein. Google, Facebook, Apple in den USA, aus Europa Spotify und Skype – und dann?

Auto1, Flixbus, N26 – diese Start-ups sind solche Hoffnungen wie Spotify vor fünf Jahren. Flixbus wagt sich jetzt in die USA. Was man dazu auch wissen sollte: In Deutschland ist das Thema Entrepreneurship erst etwa 20 Jahre alt. Schon vor 16 Jahren hat die Europäische Union gefordert, das Thema Entrepreneurship in die Schulen zu bringen, das ist hierzulande nur unzureichend geschehen.

Aber es heißt ja auch, dass rund 80 Prozent der Start-ups scheitern.

Gründungsstatistik, das ist ein kompliziertes Gebiet. Manche Erhebungen kommen auf den Wert von 96 Prozent, manchmal sind es 80 oder 55 Prozent. Da jede Grundgesamtheit anders ist, sind die Zahlen immer unterschiedlich.

Was fasziniert Sie eigentlich so an den Start-ups?

Der Versuch, die Welt ein bisschen besser zu machen.

An dem Versuch scheitern die großen Vorbilder aus den USA wie Facebook oder Amazon immer wieder.

Warum sind die gescheitert? Facebook und Amazon haben großartige Idee zum Leben erweckt. Die Gründer haben einen Bedarf erkannt und hatten den Antrieb, diese zu beheben. Wenn Sie aber auf den Datenschutz anspielen, dann finde ich die Diskussionen in unserer Gesellschaft sehr wichtig. Wir in Europa wollen doch keinen Überwachungsstaat nach chinesischem Vorbild.

Was sind aus Ihrer Sicht die großen Themen der Zukunft?

Die Antwort auf den Klimawandel. Dekarbonisierung, also klimafreundliche Produktion durch günstige erneuerbare Energie und innovative Produkte. Wir brauchen echte Alternativen, um unseren Lebensstil zu erhalten, ohne die Erde zu belasten.

Werden die Investoren das genauso sehen?

Deutsche Kapitalgeber sind nicht so langfristig orientiert wie die Angelsächsischen, die mehr ins Risiko gehen und groß denken. Aber man darf auch nicht vergessen, dass Wagnisfinanzierung keine große Tradition hat. Und bei meinen Reisen ins Silicon Valley ist mir noch etwas aufgefallen.

Was meinen Sie?

Kluge deutsche Ingenieure in den US-Unternehmen. Oben sind die Entrepreneurship und Investoren, danach kommen aber reihenweise deutsche Ingenieure. Die Rahmenbedingungen in Deutschland sollten so sein, dass Innovationen auch hier wieder möglich sind. So eine klimafreundliche Innovation für die Mobilität wie den Transrapid hatten wir doch schon – oder?