Berlin - Die Aufregung war groß. Internet-Gigant Google kauft sich eigenes Institut an der Berliner Humboldt-Universität – so oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen. In dieser Woche nun wurde das unabhängige Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft offiziell eröffnet. Vier Forschungsorganisationen arbeiten zusammen. Gründungsdirektor Thomas Schildhauer sieht vor allem rechtlichen Handlungsbedarf in der künftigen Digitalwelt.

Herr Professor Schildhauer, ist ein Interview mit einer gedruckten Tageszeitung für Sie überhaupt noch zeitgemäß?

Ein neues Medium wie das Internet ersetzt natürlich nicht die Tageszeitung, es ergänzt sie komplementär. Die Leistungen der Redaktionen der Presse sind für mich weiterhin sehr wichtig.

Nun stehen aber dennoch die gedruckten Medien unter einem Verdrängungsdruck durch das Internet. Wie sehen Sie die künftige Umwälzung des Medienkonsums?

Wir beobachten derzeit durch eine neue Generation von Endgeräten, dass es sich anders entwickeln wird als ursprünglich prognostiziert. Durch die Tablet-PCs oder iPads wird die gute Redaktionsleistung, die früher nur im Print abgedruckt wurde, jetzt auch in anderen Medienformaten angeboten. Das nehmen immer mehr Menschen in Anspruch und zahlen auch dafür.

Selten ist eine neue Technologie so rasch von der Bevölkerung aufgenommen worden. Wie erklären Sie sich das?

Es gibt eine unglaubliche Bereitschaft und Energie bei den Nutzern, an der Gestaltung des Internet mitzuwirken. Das wollen wir positiv kanalisieren. Beispielsweise schreibt die isländische Bevölkerung via Internet an einer neuen Verfassung mit. Unternehmen bitten ihre Kunden, die sie gar nicht kannten, übers Internet zu Aussagen zu ihren Produkten oder Serviceleistungen. Das Internet ist ein Instrument, um Entscheidungen auf einer besseren Datenbasis treffen zu können.

Also quasi ein besseres Marketing-Instrument?

Durchaus, wir sehen bereits, dass viele Unternehmen ihre Werbeeinnahmen umschichten hin zum Internet. Hier kann aufgrund der Abrufe der Werbeerfolg sehr viel besser gemessen werden als in anderen Medien. Das ist für die Unternehmen natürlich sehr spannend.

Und wo ist der Nutzen für den einzelnen?

Etwa beim Thema Mobilität. In der Umgebung, in der ich mich befinde, bekommen ich via Internet Informationen und Lösungen, die mir das Leben einfacher machen, die mich unterstützen. Wenn ich diese Dienste bewusst ein- und auch wieder ausschalte, dann kann das zu einer deutlichen Steigerung des Komforts unseres Lebens dienen.

Die Firma Google gehört zu den marktbeherrschenden Informationsanbietern im Internet. Wieso engagiert sich eine solche Firma in Deutschland und finanziert in Berlin ein Institut für Internet und Gesellschaft?

Ich kann nicht für Google sprechen. Meine Interpretation ist, dass hier in Deutschland bereits jetzt eine gute Grundlagenforschung zu den Auswirkungen der modernen Medien auf die Gesellschaft vorliegt. Google hat sich an verschiedene Institutionen hier in Berlin gewandt und damit neue Konstellationen der Zusammenarbeit angeregt. Man traut uns zu, die Auswirkungen des Internets auf die Gesellschaft substanziell zu erforschen.

Welche Bereiche werden Sie sich als erstes vornehmen?

Ein Arbeitsschwerpunkt ist die Veränderung des juristischen Rechtsraumes im Bezug zur Privatsphäre des Bürgers – also der Umgang mit unseren persönlichen Daten. Dann natürlich die Frage, wie über das Internet die Innovationskraft der Wirtschaft gebündelt werden kann. Damit verbunden sind Fragen des Urheberrechts.

Etliche Internetfirmen stehen derzeit unter politischem Druck, weil sie die Daten ihrer Nutzer immer öfter verwenden, etwa um passende Werbung zu schalten, aber auch genaue Nutzerprofile zu erstellen. Rechnen Sie mit stärkeren Reglementierungen durch Gesetze in der Zukunft?

Ich bin überzeugt, dass wir aus dem Institut heraus in den kommenden Jahren Positionen erarbeiten können, die dann der Politik aber auch den Unternehmen helfen können, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ist da tatsächlich Regelungsbedarf vorhanden oder wird sich der Wildwuchs noch zurechtrütteln?

An ein Zurechtrütteln von alleine glaube ich persönlich nicht. Es besteht ein erheblicher Bedarf an Aufklärung, aber auch Regulierung. Viele Menschen sind heute bereitwillig dabei, ihre Daten an allen möglichen Stellen im Internet zu hinterlegen, ihre Smartphones offen zu schalten und so letztlich alle Bewegungsmuster preiszugeben. Meine feste Überzeugung ist, dass hier klare Signale in Richtung Aufklärung und Schulung der Bevölkerung gesetzt werden müssen. Dazu muss man die Probleme gut erklären, das bedarf einer substanziellen Vorbereitung, dabei wollen wir helfen.

Das Gespräch führte Karl-Heinz Karisch.